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"Die schwedischen Gummistiefel"
Henning Mankells literarischer Abschiedsbrief

Henning Mankells literarischer Abschiedsbrief
Henning Mankell hat auch in Deutschland viele Fans. 2015 verstarb der Autor. FOTO: dpa, k sab sup
Stockholm. "Die schwedischen Gummistiefel" heißt der berührende, letzte Roman des 2015 verstorbenen Autors. Von Lothar Schröder

Wie schreibt einer, der den sicheren Tod vor Augen hat? Der also die Krebsdiagnose kennt und weiß, dass es nichts mehr zu beschönigen und wenig nur zu hoffen gibt? Schneller oder verzagter, befreit oder doch verzweifelt?

Unbotmäßig erscheinen alle diese Fragen. Und doch stellen sie sich fast zwangsläufig bei "Die schwedischen Gummistiefel" - dem letzten Roman von Henning Mankell, den er vor seinem Tod im Oktober des vergangenen Jahres abschließen konnte und der jetzt endlich in deutscher Übersetzung vorliegt. Natürlich ist es ein Endzeit-Buch geworden, eine Geschichte von den Schären-Inseln, getränkt in Einsamkeit, umhüllt von leisen Fragen an das gelebte Leben.

Wenn es eine Art Autobiographie sein soll, dann ist es eine zutiefst literarische. Statt seiner schickt Mankell den gescheiterten und jetzt pensionierten Chirurgen Fredrik Welin auf die existenzielle Zielgerade. Von Welin erzählte Mankell bereits vor fast zehn Jahren, damals hieß der Roman "Die italienischen Schuhe". Welin ist nicht Mankell. Doch die beiden, fast 70-jährigen Männer sind zumindest Brüder im Geiste. Denn mit den Gedanken von Fredrik Welin, der jeder Zukunft beraubt zu sein scheint, könne er sich durchaus identifizieren, hatte Mankell in einem seiner letzten Interviews erklärt.

Welins Zukunft war das karge Schären-Haus seiner Eltern, das eines Nachts in Flammen aufgeht und bis auf die Grundmauern niederbrennt. Der 69-Jährige kann sich und sein bisschen Leben gerade noch retten, aber was heißt das schon, wenn fast alles verloren ist? Nur Gianconellis Schuhspanner finden sich später nahezu unversehrt in der Asche, ein Requisit aus dem freistehenden Vorgängerroman.

Wer will, kann das als unscheinbares Indiz für die Überlebenskraft von Literatur lesen. Zum Überleben eines Menschen aber reicht das nicht. Zumal Welin weitere Probleme bekommt: Die Polizei beginnt ihn zu verdächtigen, das Haus selbst angezündet zu haben. Zudem taucht seine Tochter Louise auf, die schwanger ist und eine bescheidene Existenz als Taschendiebin in Paris führt.

Die Frage ist nun nicht, woher die Kraft kommen soll, ein neues Leben aufzubauen. Sondern ob es überhaupt Sinn macht. Die Zukunft ist stumm und die schwarze Ruine eigentlich eine Begräbnisstätte, ein Scheiterhaufen. "Mein ganzes Leben war kremiert worden", heißt es.

In der einsamen Schärenwelt, einer zunehmend verlassenen und vergessenen Landschaft Schwedens, sind solche Fragen von einer anderen, bedrohlicheren Wucht. Nichts ist hier selbstverständlich, jeder Einkauf eine kleine Expedition ans Festland. Der Tod ist ein sehr einsamer Ort, ein sehr einsamer Zustand, sagt Welin. Das aber ist für ihn noch lange kein Grund, das Sterben auch zu fürchten: "Der Tod muss die Freiheit von Angst sein. Die äußerste Freiheit."

Der schwedische Bestsellerautor mit einer verkauften Gesamtauflage von über 40 Millionen Exemplaren hat aus seiner Krebserkrankung nie ein Geheimnis gemacht und in der Tageszeitung "Göteborgs Posten" früh über sich Auskunft gegeben. Der Roman jetzt ist ein literarischer Abschiedsbrief auf 475 Seiten. Der weder larmoyante Züge trägt noch wie das große Vermächtnis daherkommt. Mankell erzählt einfach nur eine Geschichte, in der es ein paar weitere Todesfälle geben wird, in der weitere Häuser brennen werden - und in der schließlich ein Brandstifter entdeckt wird, der aus dem nahen Lebensumfeld des alten Arztes stammt und den ein aggressiver Bauchspeichelkrebs richten wird.

Henning Mankell hat dieses Ende seines Romans kurz vor Ende seines eigenen Lebens geschrieben. Eine spannende, irritierende Schreibsituation: Er rettet seinen Held und schickt den Brandstifter in den Tod. Die literarische Figur darf weiterleben - über ihren Schöpfer hinaus. Am Schluss entschließt sich Fredrik Welin, das Haus auf den Schären wieder aufzubauen. Die bestellten schwedischen Gummistiefel sind endlich beim Händler eingetroffen. Und unter das Fundament begräbt er die Schuhspanner von Giaconelli. Die erzählten Geschichten leben also weiter, auch wenn ihr Erzähler sich schon verabschiedet hat. Was für eine ergreifende Pointe.

Irgendwann heißt es in der lakonischen Sprache des Romans, dass die Nähe des Todes die Zeit zu einem elastischen Band dehne, bei dem man ständig fürchtet, dass es reißt. Diesmal aber hält es. Bis zum Schluss. Und bis zu den drei letzten Sätzen dieser behutsamen Geschichte, von denen man sich herzlich wünscht, sie mögen auch der Überzeugung Henning Mankells entsprechen: "Mittlerweile war es spät im August. Bald würde der Herbst kommen. Aber die Dunkelheit schreckte mich nicht mehr."

Quelle: RP
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