Suhrkamp-Autor arbeitet als Nachtpförtner: In Wolfgangs Welt
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 12.12.2006 - 16:35Bochum (RP). Der Autor Wolfgang Welt arbeitet als Nachtpförtner im Bochumer Schauspielhaus. Sein Gesamtwerk ist soeben im Suhrkamp-Verlag erschienen. Ein Besuch um Mitternacht.
Die Stadt schläft, und vielleicht schläft sie nicht erst seit Sonnenuntergang, sondern schon einige Jahre. Die Verkehrsschilder sind ausgebleicht, von Häuserwänden springt der Putz, in den Leuchtreklame-Kästen einiger Geschäfte schickt kaum die Hälfte der Birnen Flackerlicht in die Dunkelheit. Das ist das Ruhrgebiet, das ist Bochum, die Stadt von Wolfgang Welt.
Wolfgang Welt sitzt am Bühneneingang im Schauspielhaus hinter dem Schalter. Fast alles ist grau auf diesen fünf Quadratmetern, als hätten die Dinge beim Hereintragen die Farbe verloren. Einzig ein Adventsgesteck hat die Kraft zu goldenem Glanz. Es ist fast Mitternacht, und Wolfgang Welt, der Nachtpförtner, lächelt, als man ihn fragt, ob das nicht ein schönes Gefühl ist, neuerdings Suhrkamp-Autor zu sein. „Ja klar“, sagt er. Er läuft, die Hände in den Hosentaschen, um den gepolsterten Stuhl, dessen Kopfstütze man einen Wechselbezug übergestülpt hat. Seine Augenringe sind lila. Schauspieler kommen, gehen. Welt grüßt jeden.
Wolfgang Welt ist 55, und als er 30 Jahre jünger war, schrieb er einen Roman. Eine Schelmen-Erzählung, „zu 99 Prozent autobiografisch“. In „Peggy Sue“ erzählt er in der ersten Person vom Leben im Kohlenpott. Von einem, der Musik-Journalist werden will und Frauen rumkriegen möchte.
Das mit dem Journalismus klappte. Welt reiste mit der Metal-Band Motörhead, er schrieb für die tollen Magazine von damals. Berühmt wurde er mit einem Verriss von Heinz-Rudolf Kunze, dem „singenden Erhard Eppler“. Welt war frech, und er war lustig. Welts Sound war schnell, und er war packend. Sein Ich-Erzähler reißt mit, und er rührt an. Weil er unschuldig ist, ehrlich.
Jetzt ist Welt wieder berühmt, ein bisschen. Er wischt sich durch die verschwitzten Haare. Sie stehen ab. Er gibt Lesungen, wenige. Bei der Lit.Cologne wird er zu hören sein. Und ein neues Buch plane er, „aber dafür brauche ich Urlaub“. Sonst könne er es nicht schreiben.
Damals reiste er zum Dichter Hermann Lenz nach München und verbrachte einen Tag mit ihm und dessen Frau Hanne. Lenz, der von Peter Handke verehrte und ins literarische Bewusstsein zurückgeholte Autor, steht für Langsamkeit, für zarte Texte von anachronistischer Schönheit. Welt ließ sich von Lenz „Wilhelm Meister“ nennen. Nach Goethes Held, der auszieht aus der bürgerlichen Enge in die Welt, ins Theater, und zu sich selber finden will. Welt lächelt. Ein stilles Lächeln, ein reines. „Das Schnelle und das Langsame“, sagt er, „das sind zwei Herzen in meiner Brust.“
Irgendwann klopfte Suhrkamp an, der Verlag, zu dem alle wollten: ob Welt nicht mal etwas schreiben könne für sie. Da war er angekommen, dachte er. Suhrkamp. Das mit den Frauen klappte nicht. Und Geld war auch keins da. Aber wer schreibt, merkt das nicht so.
Er hat keinen Laptop, sagt er. Dabei braucht er einen. Sonst könne er das neue Buch nicht schreiben.
Am Fenster hängen Postkarten aus Fuengirola und von der Nordsee. Aus Bochum sei er nie rausgekommen. „Ich habe den Ausweg nicht gefunden.“ Musik interessiere ihn nicht mehr. Hinter ihm drei Überwachungsmonitore. Ein Schauspieler möchte herein, Welt drückt den Türöffner. „Ich höre ,Musik zum Träumen’ auf WDR 4.“ Er deutet auf das Radio, und wie von einem Witzbold bestellt, beginnt „Memories“ aus „Cats“.
Welt schrieb den Roman an zwanzig Nachmittagen, er war damals noch Nachtwächter in der Ruhrlandhalle. Das Buch erschien beim Konkret Literaturverlag, nicht bei Suhrkamp, der Lektor dort konnte es nicht durchsetzen, und der Roman wurde zunächst wenig beachtet. In den 90er Jahren erschien er noch einmal und wurde ein kleiner Erfolg. Welt galt als bester Autor des Ruhrgebiets. Da dachte er bereits, er sei J. R. Ewing.
Welt kam in die Psychiatrie. Man entließ ihn als ungeheilt: Depressionen, Schizophrenie. Medikamente. Er zog zu seinen Eltern in die Bergarbeiter-Siedlung Wilhelmshöhe. „Meine Mutter ist ein Pflegefall“, sagt Welt, „83 Jahre alt.“ Er atmet schwer, geht vor den Dienstplänen auf und ab, auf und ab, keucht. Morgens komme er um sechs von der Arbeit, schlafe bis drei und gucke mit der Mutter „Sturm der Liebe“. Im Nachtdienst lese er. Was? „Zuletzt Ernst-Wilhelm Händler, Peter Stamm, Katharina Hacker.“ Haben ihm die Bücher gefallen? „Geht so.“
Vor einigen Monaten schickte er ein Paket an Peter Handke. Er legte ein älteres Manuskript hinein: „Der Tunnel am Ende des Lichts“. Handke kennt Welt aus den Berichten von Hermann Lenz. Und Handke, der Suhrkamp-Autor, sagte seinem Lektor: Den müssen wir verlegen.
Nun liegt Wolfgang Welts Werk als Suhrkamp-Taschenbuch in den Läden: drei Romane und kleinere Texte. Man redet wieder über ihn, Artikel erscheinen, viele von jüngeren Autoren. Er liest sie alle.
Welt stemmt seinen massigen Körper aus dem Stuhl. Rundgang. Zum Abschied sagt er, er habe das Exposé für einen Roman geschrieben. Vielleicht bekomme er ja ein Stipendium bewilligt. Sonst könne er das neue Buch nicht schreiben.
Draußen schläft Bochum noch immer.
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