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Jochen Distelmeyers "Otis"
Zu viel Salz in der Buchstabensuppe

Jochen Distelmeyer veröffentlicht sein Roman-Debüt "Otis"
Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer hat einen Roman geschrieben. FOTO: PR
Düsseldorf. Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer veröffentlicht sein Roman-Debüt. In "Otis" versucht er, Homers "Odyssee" auf das Berlin der Gegenwart zu übertragen. Das haut nicht hin. Von Philipp Holstein

Düsseldorf Man würde die komplette Auflage dieses Buchs gern aufkaufen und verstecken. Man würde sich dann zu dem Autor an den Küchentisch setzen, ihm den Vorhang aus Blondhaar aus dem Gesicht streichen und sagen: Nur weil Du früher zu viel Buchstabensuppe gegessen hast, darfst Du nicht meinen, Homer und Joyce rechts überholen zu können. Mach das, was Du am besten kannst. Back keine Torten, reich uns Plätzchen.

Heute erscheint "Otis", der erste Roman von Jochen Distelmeyer. Ein Buch, über das seit Jahren spekuliert wird, in das viele Leute große Erwartungen stecken. Der 47 Jahre alte Debütant war in einem früheren Leben Kopf und Sänger der Band Blumfeld. Er schrieb die besten Songtexte. Er schrieb ironisch und bierernst, böse und romantisch, total kitschig und total schön. Und er veränderte die Art, wie man dachte und redete.

Vielleicht kann die Bedeutung der Band Blumfeld überhaupt nur ermessen, wer um die 20 war, als 1992 ihre erste Platte erschien. Das war eine komische Zeit, Deutschland war gewachsen, vor der Haustür herrschte Krieg im Irak, die Zeit des Behütetseins ging zu Ende. Und 18, 19, 20 sein, das ist ohnehin schwierig: Man weiß nicht so recht, wohin. Man ist jung, ohne jugendlich zu sein, man bricht auf voller Heimweh, man strebt und ist doch nicht strebsam, man ist sehnsüchtig und allgemein ein bisschen dagegen - man will sein und muss doch erst werden. In diese Stimmung schickte Blumfeld auf messerscharfen Gitarren die ersten Zeilen des Albums "Ich-Machine": "Ein Lied mehr, das Dich festhält / und nicht dahin lässt, / wo Du hinwillst / weg von hier / ein Lied mehr ist eine Tür / ich frag mich bloß, wofür / denn das, was dahinter liegt / scheint keinen Deut besser als das hier." Das hörte man, man verstand es nicht und fühlte es doch. Das war aufregend und provozierend, das war der Regen, und man selbst war der Schwamm.

Schon damals rissen sich die Verlage um den Mann, der das schrieb und sang. Aber erst nach der vorläufigen Auflösung der Band 2007 hat sich Distelmeyer mit Verlegern auf ein Arbeitsessen getroffen, heißt es. Er soll ihnen einen vagen Entwurf vorgestellt und sich dann das beste Angebot ausgesucht haben. Nun erscheint das Werk bei Rowohlt.

Es geht in "Otis" um Tristan Funke, einen Mann um die 40, der von Hamburg nach Berlin zog und durch die Welt treibt, von Station zu Station, von Frau zu Frau. Tristan schreibt an einem Roman, der "Otis" heißt, aber nicht fertig wird, weil es in Berlin zu viel zu sehen, zu feiern und zu trinken gibt. Und inspiriert ist das alles von Homers "Odyssee", von jenem Epos also, das am Anfang der abendländischen Tradition steht. Distelmeyer nimmt stets Bezug auf das Vorbild: Man trifft Sirene, Kirke, Polyphem und all die anderen.

Distelmeyer war immer schon ein Angeber, aber einer, den man gerne leiden mochte. Er hatte so viel gelesen, dass er nicht geradeaus laufen konnte. Seit die Neue Deutsche Welle verebbt war, war kein Musiker mehr derart wirkungsvoll mit Sprache umgegangen. Distelmeyer zitierte Rainald Goetz und Matthias Reim, Rolf Dieter Brinkmann und die Smiths, Dylan und Adorno, Werbeslogans und den Poststrukturalismus. Er tat das nach Art der Biathleten: Schießen und Wegrennen. In "Otis" indes hört man es nicht knallen, man hört eigentlich gar nichts. Distelmeyer bleibt einfach stehen, und man sehnt sich nach einer Gitarre.

"Ich habe keine Knochen mehr, dafür Tinte für 20 Bücher im Bauch", sang Distelmeyer einst. "Otis" wirkt, als habe er sie alle in eins packen wollen, damit nicht auffällt, dass er keins zu Ende geschrieben hat. Er versucht gleichzeitig, ein Sittenbild Berlins zu liefern, die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal abzubilden, Joschka Fischer und Frank Castorf zu porträtieren, ein Theaterstück zu schreiben, von der Liebe zu schwärmen und auf ein Migrantenschicksal aufmerksam zu machen. Manches davon ist amüsant, anderes klingt nach Aufsatz, einiges wie von Wikipedia abgeschrieben, und weil nichts zusammenpasst, bindet Distelmeyer das Paket mit unbeholfenen Formulierungen notdürftig zusammen: "Tristan war unterdessen wieder zuhause angelangt."

Überhaupt die Sprache. Der Mann, der so viel Punch in seine Oneliner legte, schreibt hier stumpfe Sätze wie diesen: "Dass sie zum Blickfang der Männer wurde, war angesichts ihrer immer noch großen Attraktivität kaum verwunderlich." Die Figuren tragen Namen, die an Vorabend-Serien denken lassen: Vanessa Kaltschmidt, Anja Piepenheger, Carola Frohgemut. Handlungsstränge laufen ins Nichts, und es wird nicht besser dadurch, dass Distelmeyer dieses Manko reflektiert: "Lose Enden, die ins Leere liefen. War er selbst mehr als ein in seine Bilder und Gedanken verliebter Mitläufer?"

Säße man also bei Distelmeyer am Küchentisch, man würde ihn bitten, dieses Buch zu zerhauen und die Splitter zu einer Sammlung neuer Texte zu arrangieren, sie zum Klingen zu bringen. Es gibt nämlich durchaus großartige Beobachtungen und Formulierungen in "Otis". Stellen, in denen Distelmeyer den Sound der Gegenwart entdeckt. Die Party-Episode etwa, die Charakterisierung der Dichter- und Schauspielerexistenzen. Oder die Sätze, mit denen er die Wirkung des Lieds "I Follow Rivers" von Lykke Li beschreibt: "Beim Gang durchs Treppenhaus summte er den Ohrwurm vor sich hin, den er auf der Party gehört hatte. Dippsibebi. Als er unten angekommen war, fühlte er sich belebt und glücklich."

Distelmeyer und ein Roman, das passt nicht. Er ist jemand für die kleine Form, für Dramolett, Vignette, Essay, Betrachtung, Song, Story und Aphorismus.

20 Bücher. Eins ist perdu. 19 hat er noch.

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