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Neuer Roman "Freiheit" erschienen: Jonathan Franzen in der Ehehölle

VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 08.09.2010 - 14:16

(RP). Am Mittwoch erscheint "Freiheit", der lang erwartete neue Roman von Jonathan Franzen. Wieder geht es um die Geschichte und Geschicke einer weit verzweigten Familie. Der Leser erlebt einen Alptraum im Mittleren Westen, der auf weitschweifige sexuelle Schilderungen nicht verzichtet.

Buchautor Jonathan Franzen  Foto: ddp
Buchautor Jonathan Franzen Foto: ddp

New York Welch ein Hype. Seit Wochen rotieren die Medien. Jonathan Franzen, der 51-jährige Autor des Romans "Freiheit", der dieser Tage erscheint, auf dem Cover des "Time"-Magazins. Und die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung über einen Roman, den sie noch gar nicht richtig kennen und den die Leser erst Mitte September zu Gesicht bekommen.

Groß ist die Sehnsucht nach dem einen großen Gesellschaftsroman, der uns die von Turbokapitalismus und religiösem Fanatismus geprägte Epoche erklärt. Gigantisch sind die Erwartungen an einen Roman, der es auf ein Gesellschaftsporträt und Sittenbild der amerikanischen Nation in Zeiten von Irak-Krieg und Umweltzerstörung, Finanzkrise und sexueller Revolution abgesehen hat.

Lektüre ist kein Zuckerschlecken

Die Lektüre des ziegelsteindicken Romans ist kein Zuckerschlecken. Manchmal dürfte sich der Leser wie ein wehrloser Voyeur vorkommen, der mit gedanklichen und sexuellen Perversionen konfrontiert wird, die ihm lieber erspart geblieben wären.

Neun Jahre hat sich Franzen Zeit gelassen. Seit er, nach mehreren erfolglosen Büchern, mit seinen "Korrekturen" 2001 über Nacht zum Literaturstar aufstieg, hat er zurückgezogen an einem neuen Roman gefeilt. Wieder geht es um die Geschichte und Geschicke einer weit verzweigten Familie, wieder ist die Handlung – mit Ausflügen nach New York und Washington – im Mittleren Westen angesiedelt. Doch diesmal wohnen und arbeiten, lieben und hassen die Menschen nicht ihren frustrierenden Alltag und ihr von Krisen verunstaltetes Leben in St. Louis, sondern in St. Paul.

Es sollen typische amerikanische Durchschnittsmenschen der vom Abstieg bedrohten weißen Mittelschicht sein, aber es sind in Wahrheit doch nur literarische Kunstfiguren. Und die erleben hautnah alle kulturellen Umbrüche der vergangenen 30 Jahre, verstricken sich in amerikanische Allmachtsfantasien, machen Profite und gehen pleite, probieren alle erdenklichen erotischen Spielarten aus und machen einander das Eheleben zur Hölle.

Reißbrett des permanenten Scheiterns

Es sind Menschen, die der Autor am Reißbrett des permanenten Scheiterns konstruiert hat und über ein von Lug und Trug kontaminiertes Schlachtfeld der Niederlagen führt. Dass Franzen seinen Figuren nach unendlich qualvollen und kaum erträglichen seelischen Selbstverstümmelungen am Ende ein Happy End gönnt, überrascht. Vielleicht ist er aber auch nur zu feige gewesen, seine angeschlagenen Figuren und seine aufgewühlten Leser in die Tristesse der grauen Hoffnungslosigkeit zu entlassen.

Im Zentrum des Romans stehen Patty und Walter. Sie lernen sich am College kennen. Eigentlich ist Patty in Walters Freund Richard verknallt, einen Macho und nichtsnutzigen Musiker, der immer einen Harem an Groupies um sich schart und erst spät, mit Mitte vierzig, Karriere machen wird. Da ist Patty aber längst mit Walter verheiratet, hat zwei Kinder, Jessica und Joey, und wird von Depressionen heimgesucht. Der Leser wird alles über Pattys jüdische Wurzeln erfahren, ihre vergebliche, lebenslange Leidenschaft für Richard, ihren Ehekrieg mit Walter und ihren Wunsch, dass wenigstens ihre Kinder einmal glückliche Menschen werden.

Manchmal erfahren wir alles direkt aus dem Munde von Patty, wenn Franzen die Erzählperspektive wechselt und aus den Notizen von Patty zitiert, die ihr verkorkstes Leben resümiert. Leider kommen diese Aufzeichnungen irgendwann auch Walter zu Gesicht. Und damit nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Walter wird sich, zeitweilig, von Patty trennen, sich in seine Sekretärin Lalitha verlieben, mit der er, finanziert von einem dubiosen Energie-Multi, an einem Umwelt-Projekt arbeitet.

Walter wird sich, nach dem Unfall-Tod der Geliebten, vom freundlichen Utopisten zum Eremiten wandeln. Währenddessen wird Tochter Jessica schmollen und ihre Eltern verachten, und Sohn Joey, der eine pervers-neurotische Beziehung zu Nachbarstochter Connie pflegt, wird Geschäfte mit Kriegsmaterial machen und die im Irak stationierte US-Armee mit Schrott statt Ersatzteilen versorgen.

Blutleer und wie abgeschrieben

Was der als Kriegsgegner und Kritiker amerikanischer Invasionen bekannte Autor seine Figuren sagen lässt, klingt oft etwas blutleer und wie aus einem Polit-Magazin abgeschrieben. Franzen, der über seine ornithologische Leidenschaft schon einige Essays verfasst hat, lässt Walter seitenlang über das Leben vieler Vogelarten parlieren. Das ist zwar oft weitschweifig, aber wenigstens, weil die Umweltschützer in die Fänge kapitalistischer Profiteure geraten, voller böser Ironie.

Das kann man von den mit Sex aufgeladenen Szenen nicht behaupten. Franzen bombardiert den Leser mit Vergewaltigung, Telefonsex und erotischem Stellungskrieg, beschreibt mit literarischem Sadismus jede noch so perverse Neigung seiner Figuren. Einmal nimmt er den Leser sogar mit auf die Toilette. Denn Joey hat seinen Ehering verschluckt und muss ihn nun aus der Kloschüssel fischen. Zweifelhaft, ob das in ein stimmiges Gesellschaftspanorama und zeitgenössisches Sittenbild gehört.

Quelle: RP

 
 
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