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Karl Höcker
Das Fotoalbum eines SS-Mannes

Auschwitz: Bilder vom Ort des Verbrechens
Auschwitz: Bilder vom Ort des Verbrechens FOTO: RP/Sebastian Fuhrmann
Düsseldorf. Eine wiederentdeckte Sammlung mit 116 Fotos zeigt Unglaubliches: wie vergnügt SS-Leute in Auschwitz ihre Freizeit verbrachten. Von Lothar Schröder

Auschwitz gehört zu den am meisten fotografierten Konzentrationslagern der Nazis. Diese Bilder aber kannte man bisher nicht. Fotos, die deshalb so furchterregend sind, weil sie alles Furchterregende einfach aus- und wegblenden. Kein einziges Bild zeigt einen Ermordeten, Gepeinigten, Vergasten. Stattdessen: die Freizeit der SS-Schergen von Auschwitz, wie sie vergnüglicher kaum sein kann.

Geschichte: Der Alltag neben Auschwitz FOTO: AP

Dieses unglaubliche Fotoalbum trägt den Namen seines früheren Besitzers: Karl Höcker. Der war von Beruf Buchhalter und Hauptkassierer, aus Berufung SS-Mann und aus Ehrgeiz Adjutant des letzten Lagerkommandanten von Auschwitz. Karl Höcker fotografierte gern und ließ sich gerne fotografieren. Dort, wo es erlaubt war. Also dort, wo es kein Grauen zu geben schien: abseits des Lagers, fern der Gaskammern und Krematorien. Weil die 116 jetzt veröffentlichten Bilder des Höcker-Albums ausschließlich die manchmal sogar ausgelassene Freizeit der SS-Leute zeigen.

Täter in ihrem Alltag

Verstörende Fotos allesamt. Weil in den Gesichtern der Nazis eine ungetrübter Freude sichtbar ist, obgleich bloß wenige Kilometer entfernt zigtausende von Menschen ermordet werden - immer mit dem Wissen der Frohgemuten, zum Teil auf ihre Veranlassung. Genau das ist das Schreckliche – die Menschen wirken nie dämonisch. Es sind schlicht und einfach ganz normale Männer und Frauen gewesen, die zum Massenmord fähig wurden.

Immer wieder ist ja kritisiert worden, wie leicht die Täter des Holocausts weggedacht werden nur durch den Gebrauch des beliebten Passivs: KZ's wurden errichtet, und Juden wurden vergast. Unser Blick auf die Opfer ist nicht falsch und gut gemeint: Sie sollen aus der Anonymität befreit und damit gewürdigt werden. Ihre Mörder freilich erlangten dadurch fast so etwas wie "Personenschutz".

Höckers Fotos zeigen die Täter nicht bei der Tat, sondern Täter in ihrem Alltag. Bilder von fröhlichen Ausflügen zur Solahütte, einem Erholungsheim der SS gut 30 Kilometer südlich von Auschwitz. Ein paar unbeschwerte Tage dort gab es damals zur Belohnung. Und Höcker hatte sie sich offenkundig verdient. Etwa bei der Vernichtungsaktion Mitte 1944, bei der 320.000 ungarische Juden ermordet wurden. Daran schloss sich für Höcker eine gute Zeit an.

Höcker starb im Jahr 2000

"Mit den SS-Maiden auf der Solahütte" steht unter einem der Bilder. Höcker ist oft auf der Jagd, er schätzt Geselligkeit. Und organisiert das Massenmorden. Ein klassischer Schreibtischtäter also? Wie groß war sein Handlungsspielraum? Über den nach Kriegsende zunächst untergetauchten Karl Höcker haben sich später die Gerichte gestritten. Es gab Freisprüche und auch Anträge zu 400.000-Mal lebenslänglich. 1988 ist der 76-Jährige dann zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Er starb am 30. Januar 2000.

Das Album hatte ein US-Nachrichtenoffizier im Juni 1945 in einem verlassenen Frankfurter Apartment gefunden und mit nach Hause genommen, nach Virginia. Erst 2007 übergab er es den Forschern.

Jetzt ist das Album ein Buch geworden. Mit Fotos von fröhlichen Mördern und Mordgehilfen. Und mit Gedanken wie diesen: dass niemand als Massenmörder geboren wird und dass es Menschen gewesen sind, keine Dämonen, die das unfassbare Verbrechen der Geschichte begangen und zu verantworten haben.

"Das Höcker-Album. Auschwitz durch die Linse der SS". Verlag Philipp von Zabern, 340 Seiten, 49,95 Euro

Quelle: RP
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