Lebenshörbuch - Projekt deutscher Autoren: Kein Leben geht verloren - "kleine" Biographien
zuletzt aktualisiert: 28.06.2004 - 12:10Berlin (rpo). Sie sind keine Stars oder Prominente, dennoch haben sie alle etwas Interessantes zu erzählen, das es wert ist, aufgeschrieben zu werden. Damit Erinnerungen an Bratkartoffeln, die Zeit als Junggeselle oder die Haltung während der Nazi-Zeit nicht verloren gehen, haben Journalisten und Autoren aus ganz Deutschland in Dresden das Projekt "Lebenshörbuch" aus der Taufe gehoben.
Die Großmutter und der Großvater, der Firmengründer, das Familienoberhaupt - sie alle sterben eines Tages. Und mit ihnen gehen unzählige Erinnerungen verloren. Was einmal darüber erzählt wurde, ist schnell wieder in Vergessenheit geraten. Und plötzlich ist keiner mehr da, den man fragen kann. Schreiber in ganz Deutschland haben es sich deshalb inzwischen zur Aufgabe gemacht, das Leben nicht prominenter Anderer zu bewahren und ihre Biographie aufzuzeichnen.
Auslöser sei der Tod seiner eigenen Mutter gewesen, sagt der ehemalige Hörfunkjournalist Rainer Koch, der das Projekt initiiert hat. Plötzlich habe er festgestellt, dass er über sich selbst wenig wisse und bedauert, dass er gerade die Mutter nie interviewt habe.
Jetzt interviewen Koch und sein Team andere. Vor allem Unternehmer, Ärzte, selbstständige Handwerksmeister seien seine Kunden, sagt er. Sie besucht er in ihrer gewohnten Umgebung und lässt sie erzählen. Das dauere bis zu neun Stunden. Die Aufnahmen werden dann professionell aufbereitet - Koch arbeitet mit einer Regisseurin und Tontechnikern zusammen. Heraus kommt ein "Lebenshörbuch", dass nicht nur die Geschichte des Kunden wider gibt, sondern dank dessen eigener Stimme auch bewahrt, ob jemand ein sehr temperamentvoller oder eher ein bedächtiger Erzähler war, wie Koch sagt. Über 30 Hörbücher sind so bisher entstanden, je nach Gestaltung der CD, die es mit Begleitheft, Musikuntermalung oder historischen O-Tönen gibt, müssen dafür 800 bis etwa 2300 Euro berappt werden.
Die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Katrin Rohnstock hingegen bannt das Leben ihrer Kunden in ein Buch. Mit einem Team freier Autoren ist sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig und rechnet damit, in diesem Jahr bis zu 100 gebundene Biografien in einer Auflage ab zehn Stück und zu einem Preis ab etwa 8000 Euro fertig zu bekommen. Ihre Kunden seien meist über 70 Jahre alt, erzählt Rohnstock. Viele brächten eigene Notizen mit ein, andere erzählten nur.
Bis zu 30 Stunden können die Gespräche dauern, die Rohnstocks "Autobiografiker" führen. "Es soll ihr Buch sein", sagt Rohnstock über ihre Kunden. Für die Autoren, die in erster Linie das Handwerk des Schreibens zur Verfügung stellten, sei es wichtig, sich in die Menschen einzufühlen. Um für jeden Kunden den passenden Autoren zu finden, gehören zu Rohnstocks Team deshalb "Autobiografiker" verschiedenster Ursprungsberufe.
Ein "Zentrum für Biographisches Schreiben" hat der Verleger und Publizist Andreas Mäckler in Fuchstal in Bayern gegründet. Er betont, "jede Lebensgeschichte ist einmalig und wertvoll - nicht nur die von Prominenten". In dem Zentrum hat der Auftraggeber die Wahl zwischen einem autobiographischen Buch, einem Hörbuch auf CD oder einer Biographie als Film. "Wenn unsere Kunden es wollen, schreiben wir auch einen Roman über ihr Leben - mit ihnen selbst als Hauptfigur", sagt Mäckler.
Stefan Schwidder, Mitbegründer des Zentrums und Autor des Buches "Ich schreibe, also bin ich: Schritt für Schritt zur eigenen Biografie", weiß, dass autobiographisches Schreiben bei den Menschen "eine Klärung" bewirkt, die deutlich mache, "wer bin ich, was habe ich im Leben gemacht, warum sind die Dinge so und nicht anders verlaufen".
Die Frau von der Tankstelle habe sie ursprünglich auf die Idee zu den Biografien gebracht, erzählt Autorin Rohnstock. Diese habe sie eines Tages angesprochen und aufgefordert, doch einmal die Lebensgeschichte ihres Vaters aufzuschreiben. Denn die sei "noch interessanter als das Leben von Prinzessin Diana".
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