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Bestseller-Autor Ken Follett
Weltmeister des Erzählens

Ken Follett: 68-Jähriger schreibt Fortsetzung von "Die Säulen der Erde"
Bestseller-Autor Ken Follett (Archiv). FOTO: dpa, htf
Edinburgh. Ken Follett ist mit "Die Säulen der Erde" ein globaler Bestseller gelungen. Nun setzt der 68-Jährige den Roman fort. Eine Begegnung in Schottland. Von Philipp Holstein

Es weht ein fieser Wind in Schottland, es ist kalt, und gleich soll es regnen. Ken Follett trägt nur einen hauchdünnen Wildleder-Blazer und darunter einen feinen Kaschmirpullover, der so weich aussieht, dass man ihn gerne anfassen würde. Seine Schuhe sind hochglanzpoliert, man könnte sie nach einem Restaurantbesuch als Spiegel benutzen, um nachzuschauen, ob noch Speisereste zwischen den Zähnen stecken. Der 68-Jährige lehnt sich an eine der moosbedeckten Mauern von Loch-Leven-Castle, und als sich ein Fotograf nähert, ruft seine sechs Jahre ältere Frau Barbara resolut: "Ken, nimm deine Position ein!" Follett bläht sogleich die Nüstern, zieht die Schultern nach hinten und spannt die Halsmuskeln an. Er sieht nun aus wie eine Statue. "Als ich ihn kennenlernte, dachte ich, er sei ein arroganter Bastard", sagt Barbara. "Aber inzwischen habe ich meine Meinung geändert."

Ken Follett. Weltstar. Text-Unternehmer. Fast 200 Millionen verkaufte Bücher. Waliser. Very british. Autor des Mega-Bestsellers "Die Säulen der Erde". Die FAZ bezeichnet ihn als "Generalstabschef des Erzählens". "Master Storyteller" nennt er sich selbst. Rolls-Royce-Fahrer. James-Bond-Fan. Häuser in Hertfordshire, London und in der Karibik. Siegelring am kleinen Finger der linken Hand. Top in Form, irgendwie elastisch. Angereist im Privat-Jet.

Das ist Ken Follett FOTO: dpa, bsc

An dem See Loch Leven in den Lowlands stellt Follett seinen neuen Roman vor. "Das Fundament der Ewigkeit" ist die zweite Fortsetzung der "Säulen der Erde". Sie hat fast 1200 Seiten. Im Mittelpunkt steht wieder die mächtige Kathedrale der fiktiven Stadt Kingsbridge.

Follett spricht ein faszinierendes Englisch. Elegant dahingezuckerte Ironie. Die letzten Silben eines Satzes atmet er durch die Nase aus. Das Wort "birthday" hört sich bei ihm an, als bestelle er ein sagenhaft luftiges Fleischgericht in einem französischen Gourmet-Tempel: "böff-deh".

Stets an seiner Seite: Barbara. Engländerin mit viel gereistem Vater. Auf Jamaika geboren. Sie war Abgeordnete der Labour-Party. 1981 lernte Follett sie bei einer Parteiveranstaltung kennen. Im Internet liest man von einer bemerkenswert hohen Spesenquittung, die Barbara einst eingereicht haben soll. Aus der Politik habe sie sich aber verabschiedet, weil Ken sie darum bat. Sie leitet nun sein Office. Sie besuchte die Kunstschule in Südafrika, erzählt sie, Hauptfach Fotografie. Sie lieferte Bilder für einige von Kens Büchern. "Wir haben meine Urheberschaft aber nirgendwo vermerkt", verrät sie. "You have to look modest, Ken", ruft sie ihrem Mann gleich darauf zu. Der Verschluss einer Kamera klickt. "Als ich das erste Mal ein Foto von ihm im ,Guardian' sah, fand ich es schrecklich." Es habe Jahre gedauert, bis sie ihm Körpersprache beigebracht habe. "Ken findet, ich sei zu mütterlich. Bin ich das?" Sie zuckt die Schultern. "Er war so süß als Kind, er hat ausgesehen wie ein Engel." Ken lacht dreckig: "Häh-häh-häh."

Die Handlung des neuen Buchs spielt Mitte des 16. Jahrhunderts. Katholiken und Protestanten liegen miteinander im Streit. Der Leser lernt den jungen Ned Willard kennen. Er arbeitet für Königin Elisabeth I., baut um sie herum den ersten Geheimdienst auf. Auch Maria Stuart, Elisabeths Widersacherin, hat einen Auftritt. Die Königin von Schottland steht unter Druck, weil man ihr die Mittäterschaft am Mord an ihrem zweiten Ehemann anlastet. Sie wird 1567 in der kleinen Burg auf einer Insel in Loch Leven festgesetzt, genau hier also, eine Stunde von Edinburgh entfernt. Nach einem Jahr gelingt ihr unter abenteuerlichen Umständen die Flucht. Follett liest das Kapitel, es sind nur wenige Seiten. Das bewährte Rezept: kein Satz länger als drei Zeilen. Sachlicher Stil. Viele Adjektive. Bisschen Erotik. Starke Sogwirkung.

"Das Fundament der Ewigkeit" von Ken Follett: Der Teaser zum neuen Buch

In Folletts Office nahe London arbeiten 30 Angestellte. Sie kümmern sich um Honorare, Lizenzen, Rechte, Reisen. Sie halten dem Chef den Rücken frei, damit der jeden Tag von 7 bis 17 Uhr schreiben kann. Den Feierabend läutet er stets mit einem Gläschen Champagner ein. Er arbeitete nach dem Philosophie-Studium zunächst als Journalist, schrieb dann Agenten-Thriller ("Die Nadel") und verlegte sich schließlich auf historische Romane. Deutschland ist nach den USA sein zweitgrößter Markt. Als das ZDF seine Zuschauer vor ein paar Jahren nach ihren Lieblingsbüchern fragte, erreichte "Die Säulen der Erde" Platz drei - hinter der Bibel und "Der Herr der Ringe".

Frage zur Störung der Harmonie: Mit wem wären sie verheiratet, wenn es Barbara nicht gäbe? Follett: "Susan Sarandon." Barbara Follett hat mitgehört und ruft: "Ich mit Robert Redford." Follett wuchs in einem strengen Elternhaus auf. Ohne Filme und populäre Musik. Im Studium holte er alles nach. Er lernte Bass, tritt heute bei Wohltätigkeitsveranstaltungen mit seiner Bluesband auf. Er ist Fan von Paul McCartney und den Stones. Fangfrage: Glaubt er auch, dass "Their Satanic Majesties Request" das schlechteste Album der Stones ist? "Quatsch", sagt er, schließlich seien die Stücke "She's A Rainbow" und "2000 Light Years From Home" darauf. Gute Antwort. Lieblingsserie? "Happy Valley". Lieblingsbuch? "Middlemarch" von George Eliot. Bester Basslauf der Rockgeschichte? Der von "Gimme Shelter". Man nickt, er guckt zufrieden. Barbara Follett wirft ein, ihre Lieblingsfigur in der Dichtung sei George aus Enid Blytons "Fünf Freunde". Auch eine gute Wahl.

Acht Monate benötigt Follett für Planung und Recherche eines Buchs, acht Monate fürs Schreiben und weitere acht Monate für die Überarbeitung. "Eine gute Idee muss zwischen 50 und 100 dramatische Szenen abwerfen", sagt er. Er beschäftigt einen Fachmann zum Aufspüren historischer Details. Und den ersten Entwurf legt er Professoren vor, die auf die jeweilige Zeit spezialisiert sind. "Ich gebe ihnen 5000 Pfund, damit sie ihn lesen." So stellt er sicher, dass er etwaige Fehler vor der Überarbeitung korrigieren kann. "Sie würden es sicher auch für 1000 Pfund machen. Aber ich möchte, dass sie es ernst nehmen." Er legt sich Excel-Tabellen an, damit er nicht den Überblick über seine Figuren verliert. Und er arbeitet vor zwei Monitoren: einer zeigt den Text, auf dem anderen ist Google Earth geöffnet, damit Follett sich besser an die Orte erinnern kann, an denen er recherchiert hat.

Follett schreitet gemessen und mit halb gesenkten Lidern den Schauplatz seines Romans ab. Historische Stätte. "Maria Stuart und Elizabeth sind einander nie begegnet, wussten Sie das? Die berühmte Konfrontation aus Schillers Drama hat nie stattgefunden." Um ihn herum schwirren zwei Mitarbeiter, die ständig etwas in ihre Smartphones tippen. Ein bisschen wie in amerikanischen Politik-Serien; "House Of Cards", "Veep" und so. Ken Follett, Staatsmann der Epik.

Gleich steigt er ins Boot, das ihn zum Lunch ins nahe gelegene Landhaus des Tennis-Stars Andy Murray bringen wird. Schnell noch eine Frage: In einem Interviewfilm sah man ihn jüngst daheim vor einem Regal voller Eierbecher sitzen. Sammelt er die etwa? Follett stutzt. Dann lacht er. "Barbara hat 20 weiße Eierbecher gekauft", sagt er. Sie und die Enkelkinder hätten die Becher bemalt und geschaut, wer den schönsten hat. Es sei ein Wettbewerb gewesen.

Ergebnis: Die Kinder haben gewonnen.

Quelle: RP
 
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