| 18.06 Uhr

Gastbeitrag von Ken Follett
Wie ich meinen Glauben verlor

Das ist Ken Follett
Das ist Ken Follett FOTO: dpa, bsc
Ken Follett erinnert sich exklusiv für unsere Redaktion an seine Kindheit in Wales. Der Bestseller-Autor wuchs in einem streng religiösen Elternhaus auf. Heute bezeichnet er sich als Atheist. Von Ken Follett

Als Kind durfte ich nicht ins Kino gehen. In der Cowbridge Road in Cardiff, unweit meines Zuhauses, gab es ein Kino, und so ziemlich jeder Junge, den ich kannte, verbrachte seine Samstagvormittage dort. Zu sehen gab es billig produzierte Serien über Cowboys und Weltraumabenteuer, Robin Hood und "Lassie". Heute erkenne ich mich im jungen Erzähler von Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" wieder, der sehnsuchtsvoll die Filmplakate an den Litfaßsäulen in Paris betrachtet.

Ich ging stattdessen in die öffentliche Bibliothek, die etwa hundert Meter vom Kino entfernt in derselben Straße war. Ich habe dort vermutlich mehr gelernt als meine Freunde im Kino, zu jener Zeit wusste ich das allerdings nicht zu schätzen. Im Gegenteil, das Verbot empörte mich.

Wir nannten uns "The Fellowship", bisweilen auch "The Church of God", aber allgemein bekannt waren wir als "Plymouth Brethren" - die Plymouth-Brüder. Diese Bewegung hatte sich im 19. Jahrhundert von der Church of England abgespalten. Derartige Gruppierungen sind so spaltfreudig wie Trotzkisten, und ständig entstanden neue Untergruppen. Ich wurde in die "Needed Truth Brethren" hineingeboren, die nach unserer Publikation, der "Needed Truth", benannt war. Wahrheit - Truth - ist in protestantischen Bewegungen ein zentraler Begriff. Das grundlegende Werk ist die Allegorie "Die Pilgerreise" von John Bunyan. Darin ist eine der Hauptfiguren der Herr Wahrheitskämpfer (Mr. Valiant-For-Truth). Ihre Anhänger sehen es als ihre Pflicht an, nicht nur nach der Wahrheit zu streben, sondern diese auch unbeirrt zu verkünden, auch entgegen einer fehlgeleiteten Orthodoxie - beziehungsweise gerade dann. Protestantismus lässt sich als Begriff durchaus wörtlich nehmen: Er ist immer eine Protestbewegung gewesen.

Mein Vater und sein Bruder heirateten Frauen, die Cousinen waren, und führten damit drei bereits zu diesem Zeitpunkt große Familien zusammen. Und nahezu jedes Mitglied dieses Clans war Teil der "Fellowship", unter anderem auch meine vier Großeltern. Eine Heirat außerhalb des Clans kam nicht infrage. Jede religiöse Gemeinschaft braucht zur Abgrenzung einen eigenen Jargon. Wir hatten keine Kirche, sondern einen Saal; unsere Gottesdienste hießen Zusammenkünfte; die Gemeinde war eine Versammlung; die Kirchenvorsteher waren Aufseher.

Jeden Sonntag gingen wir dreimal zu Zusammenkünften, manchmal zusätzlich auch am Samstagnachmittag. Die Erwachsenen gingen auch mindestens einmal unter der Woche. Das konnte ich alles aushalten, aber bereits in jungen Jahren haderte ich mit dem strikten Puritanismus, den die Bewegung vertrat.

Bei uns zu Hause gab es keinen Fernseher, kein Radio und kein Grammophon. Diese Dinge waren zu "weltlich" - ein weiterer zentraler Begriff. Ich bekam oft zu hören: "Unser Bürgerrecht ist nicht von dieser Welt." Diese Aussage greift eine Stelle aus dem Brief des Paulus an die Philipper auf, wo es heißt: "Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel." Dies wurde so ausgelegt, dass wir keine Mitgliedschaft in politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen jeglicher Art anstreben und nicht in die Streitkräfte eintreten sollten. Die "Fellowship" beschäftigte sich sehr viel mehr mit den kleinlichen Regeln des Paulus als mit der barmherzigen Weisheit, die Jesus lehrte.

Ein weiteres verpöntes Wort war "Vergnügen". Wir gingen nicht ins Theater, in Konzerte oder zu Sportveranstaltungen. Ich erinnere mich, wie mir gesagt wurde, dass es zulässig sei, die Automesse zu besuchen, um einen Kleinbus für die Gemeinschaft zu kaufen. Aber den Tag dort aus dem Grund zu verbringen, dass ich mich für Autos begeisterte, wäre falsch, denn das diene allein dem Vergnügen.

Die Kirche einer anderen Denomination zu betreten, war eine ungeheuerliche Sünde - besonders dann, wenn es sich dabei um einen anderen Zweig der Brüderbewegung handelte. Ich erfuhr viele Jahre später, dass mein Vater als rebellischer Jugendlicher genau diese Form der Grenzüberschreitung wählte. Im Alter von 15 Jahren besuchte er eine Zusammenkunft der "Open Brethren". Ihr Glaube und der unsrige unterschieden sich nur minimal. Ein Glaubensbruder aus einer anderen Stadt konnte an unseren Zusammenkünften nur teilnehmen, wenn er ein Empfehlungsschreiben von den Aufsehern seiner Versammlung mitbrachte. Die "Open Brethren" hingegen hießen jeden willkommen, der versicherte, dazuzugehören. Daher auch ihr Name. Weitere Unterschiede sind mir nicht bekannt. Dennoch geriet mein Vater dadurch in Schwierigkeiten.

Er wurde gesehen, als er diesen Ort der Irrlehre verließ, und meinem Großvater wurde Meldung gemacht. Großvater Follett, ein Schuster mit einer Werkstatt in der Glamorgan Street, sah eine zu hohe Bildung als Grund für diese Verfehlung an und ließ den jungen Martin wissen, dass er am nächsten Tag von der Schule abgehen und sich eine Arbeit würde suchen müssen.

Mein Vater, ein ausgezeichneter Schüler der Canton High School, sah seine Zukunft in einem akademischen Beruf in weite Ferne rücken. Auch meine Großmutter erschrak und bat um Gnade – erfolgreich. Mein Vater versprach, nie mehr vom rechten Pfad abzuweichen. Auf diese Weise wurde er genötigt, seinem Glauben treu zu bleiben.

Als er im Sterben lag, sagte er mir, dass er schlaflose Nächte habe, weil er sich "Sorgen um die Zukunft" mache. Das schockierte mich. Er wusste, dass er an Krebs im Endstadium litt, und ich hatte angenommen, dass er fest auf ein Leben nach dem Tod vertraute. Ist das nicht das große Heilsversprechen des Glaubens? Er schien nicht so sicher davon überzeugt zu sein, wie er immer vorgegeben hatte. Ich ging nicht weiter darauf ein, da mir das unpassend schien. Aber im Nachhinein habe ich oft überlegt, ob er mich damit vielleicht zur Widerrede auffordern wollte? Warum sonst sollte er es angesprochen haben? Hatte er das Bedürfnis gehabt, Zweifel zu äußern, die er zuvor nie zugegeben hatte? Falls ja, war ich in jenem Moment wohl zu begriffsstutzig gewesen. Wenn wir trauern, schwingt dabei auch viel Traurigkeit darüber mit, dass es keine Gelegenheit mehr gibt, dem Verstorbenen etwas Wichtiges zu sagen.

In der Jugend meines Vaters gab es, so wird es in der Familie erzählt, noch eine zweite Krise, als ein Musiklehrer Großvater Follett darauf ansprach, dass Martin das Potenzial zum Konzertpianisten habe. Von dem Tag an erhielt mein Vater keine einzige Stunde Unterricht mehr, damit er gar nicht erst in Versuchung geriet, Bühnenauftritte in Erwägung zu ziehen. Das wäre zu weltlich gewesen.

Die ersten zehn Jahre meines Lebens verbrachte ich in der Leckwith Avenue, einer von kleinen Reihenhäusern gesäumten Sackgasse, die zwischen zwei Bahnlinien gelegen war. Die Hauptstrecke nach Swansea verlief hinter unserem Garten, und auf der anderen Seite der schmalen Straße verkehrte der Zug nach Ninian Park, dem Heimatstadion des Cardiff City Football Club (dort hinzugehen, war mir natürlich untersagt). Die Gleisböschungen zu beiden Seiten nutzen wir zum Spielen und ganz selbstverständlich betraten wir auch die Gleise: Es erscheint rückblickend als ein Wunder, dass nie etwas passiert ist.

Am Ende der Sackgasse befand sich das Vereinsheim der Pfadfinder: Ich war der einzige Junge in der Straße, der dort nicht Mitglied war.

Am anderen Ende der Straße befand sich ein Saal der "Open Brethren". Ich wagte einmal einen Blick hinein: Es war ein schmuckloser Raum mit Stühlen, die um einen in der Mitte stehenden Tisch angeordnet waren. An den Wänden hingen gerahmte Texte, es gab aber keine Bilder und erst recht keine Götzenfiguren. Es sah dort exakt so aus wie in unserem Saal – aber meinen Eltern wäre es nie eingefallen, diesen Ort zu betreten. Jeden Sonntag passierten wir im Sonntagsstaat, die Bibel in der Hand, diese Tür – und das gleich dreimal – und setzten unseren Weg einige hundert Meter weiter zu unserem Saal in der King‘s Road fort.

Das war in Wales nichts Ungewöhnliches. Es gibt einen Witz über einen Waliser, der auf einer einsamen Insel strandet und dort zwei Kapellen baut. Bei seiner Rettung wird er gefragt, wofür denn die zweite Kapelle bestimmt gewesen sei. Er antwortet: "Das ist die Kapelle, in die ich nicht gehe."

Mein Onkel Ken verließ unsere Gemeinschaft und trat in die Navy ein. Anschließend bereute er diesen rebellischen Akt und trat einer anderen Splittergruppe bei, den "Exclusive Brethren". Er begann, einen Hut zu tragen, da die Bibel (Paulus) sagt, dass Männer in der Kirche ihre Kopfbedeckung abnehmen sollen. Und wie sollte man das tun, wenn man keinen Hut trug?

Das war einfach nur albern. Verletzend war hingegen seine Weigerung, mit seiner Mutter an einem Tisch zu essen. Ich erinnere mich an ein Abendessen – es gab Fish and Chips – bei Oma Evans in Aberdare: Onkel Ken nahm sein Essen und ging in den Nebenraum, weil es eine Verletzung der Regeln dargestellt hätte, mit Menschen in Gemeinschaft zu essen, die nicht den "Exclusive Brethren" angehörten – wozu auch die eigene Familie zählte.

Als viele Jahre später meine Mutter starb, durfte Onkel Ken – Schwester hin oder her – nicht an der Beerdigungsfeier teilnehmen, weil es sich um den Gottesdienst einer rivalisierenden Bewegung handelte. Mehrere Personen berichteten jedoch, dass sie ihn an dem Morgen im Ort gesehen hätten. Er war über hundert Kilometer gefahren, nur um am Straßenrand zu stehen und zuzusehen, wie der Leichenwagen vorbeifuhr.

Alle unsere Taten hatten unter dem Zeichen des Königreichs im Himmel, unseres wahren Heims, zu stehen. Die Musik war jedoch ein Problem. Streng genommen durfte es für uns nichts anderes als Kirchenlieder geben. Aber wir sind eben Waliser, und sogar die Frommsten unter uns fanden die Aussicht, mit einer solch reduzierten musikalischen Kost zu leben, geradezu unerträglich. Bei uns zu Hause stand immer ein Klavier, und meine Eltern spielten beide neben geistlicher auch klassische Musik. Schließlich wurden sie schwach und schafften sogar eine Musiktruhe an. Rock 'n' Roll kam jedoch nicht infrage.

Wir Kinder brauchten nicht lange, um die Doppelmoral in diesem Vorgehen zu erkennen.

Die christlichen Fundamentalisten in Amerika waren genauso fanatisch, aber schlauer: Sie nahmen Platten mit Musik auf, die wie Popmusik klang, aber religiöse Texte hatte. Ich erinnere mich an eine Swing-Nummer, da lautete der Songtext ungefähr so:

"Diese Welt ist nicht mein Heim, ich bin nur auf der Durchreise, wenn der Himmel nicht mein Heim ist, was, o Herr, soll ich dann tun?"

Der Haussegen hing schief, als ich einmal ein solches Album mit dem Titel "Canaan‘s Land" kaufte. Die Erwachsenen fanden es furchtbar, hatten jedoch Mühe, schlüssig zu argumentieren. Mein respekteinflößender Onkel Eddie behauptete, es sei Dschungelmusik. Ich antwortete darauf: "Onkel Eddie sollte die Art, wie andere Menschen ihren Glauben leben, nicht verurteilen." Diese altkluge, vorlaute Äußerung machte in der Familie die Runde und löste Entsetzen, aber auch einiges Schmunzeln aus. Ich hatte nicht den Mut gehabt, es Onkel Eddie direkt ins Gesicht zu sagen, aber es kam ihm bald zu Ohren und ich erwartete eine Standpauke. Zu seiner Ehrenrettung: Er schimpfte nicht, sondern sah mich nur nachdenklich an.

Die Askese der Puritaner ging mir ab, und ich begann, gegen die Regeln zu verstoßen, sobald ich alt genug war, dies ungestraft zu tun. Ich ging mit Begeisterung ins Kino und zu Tanzveranstaltungen am Samstagabend und ich rauchte. (Tabak war als Lust des Fleisches verboten.) Ich kaufte mir eine Gitarre und spielte damit keine Kirchenlieder.

Die Lehre abzuschütteln, war jedoch schwieriger. Noch im frühen Teenageralter hielt ich das Wort der Bibel für die buchstäbliche Wahrheit. Jedes Mitglied unserer Familie las jeden Tag in der Bibel. Ich nahm an einem Kurs zum Selbststudium teil, bei dem es Pflicht war, alle 66 Bücher ohne Ausnahme zu lesen: Zu jedem Buch musste ich Fragen beantworten, bevor ich mich dem nächsten Teil zuwenden durfte. Geschadet hat es mir nicht.

Ein Großteil der Übersetzung der King-James-Bibel stammt von William Tyndale, einem der herausragendsten Verfasser englischsprachiger Prosa. Ich hätte die Bibel zweimal lesen sollen.

Meine Eltern lasen auch die "Times" und "Reader‘s Digest". Und mein Vater machte den großen Fehler, den Großen Weltatlas von Reader's Digest zu bestellen. Ich verschlang jedes Schriftstück, das ins Haus kam (wie vermutlich alle Schriftsteller in ihrer Jugend), und in der Einleitung zum Weltatlas erfuhr ich etwas über die Kontinentalverschiebung – die Theorie, dass die Kontinente einst wie Puzzleteile ineinandergriffen, aber über Jahrmillionen auseinandergedriftet waren. Und so begann ich, an den Aussagen der Bibel zu zweifeln – dank Reader's Digest.

Ich fühlte mich ob dieser Zweifel entsetzlich schuldig. Ich stellte mich damit gegen die tiefste Überzeugung meiner Eltern. Offen diskutiert habe ich nur mit meinem Vater, aber meine Mutter übte moralischen Druck aus. Sie warnte später auch regelmäßig meine von den Philippinen stammende katholische Haushälterin, dass sie in der Hölle enden würde.

Eine große Stütze war mir das autobiografische Werk "Vater und Sohn" von Edmund Gosse. Es erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich von den Plymouth-Brüdern abwendet. Als Heranwachsender war es mir ein großer Trost zu wissen, dass ich nicht der erste Junge war, der unter derartigen Gewissensqualen litt.
Den endgültigen Bruch führte die Lehre herbei, dass unser Bürgerrecht nicht von dieser Welt ist. Eine Variante dieser Erklärung steht im zweiten Brief des Paulus an die Korinther: "Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen." Ein Joch ist ein Holzgeschirr, das am Nacken zweier Zugtiere befestigt wird, damit sie gemeinsam den Pflug ziehen können. Die Anweisung des Paulus geht auf das 5. Buch Mose im Alten Testament zurück: "Du sollst nicht Ochse und Esel zusammen vor den Pflug spannen." Die Brüderbewegung fühlte sich als etwas Besonderes. Zu besonders, um eine Aufgabe mit dem Rest der nicht erleuchteten Welt zu teilen.

Eine Gruppe Jugendlicher aus unserer Versammlung begann in Begleitung eines Aufsehers, einmal wöchentlich, am Mittwochabend, für eine Stunde ein Altersheim aufzusuchen. Wir spielten Spiele mit den Bewohnern und hörten zu, wenn sie von alten Zeiten berichteten. Sie erweiterten unseren Horizont und wir brachten vielleicht ein wenig Freude und Abwechslung in ihr Leben. Es war kaum zu fassen, aber die übrigen Aufseher betrachteten diese Aktivität als ein ungleiches Gespann und untersagten weitere Besuche. Inzwischen war ich 16 Jahre alt und in der Lage, offensichtlichen Unsinn als solchen zu erkennen. Ich verließ die "Fellowship" – für immer.

Ich war nach wie vor Christ, allerdings steckte ich in einer Glaubenskrise. Zu dieser Zeit stand auch die Entscheidung an, was ich studieren sollte, und ich wählte das Fach Philosophie, in der Hoffnung, dass sich dadurch meine Zweifel an der Existenz Gottes auflösen würden.

Und das war in der Tat der Fall. Am University College London wurden im unbarmherzigen Licht der Sprachphilosophie die Ideen von Plato, Descartes, Marx und Wittgenstein analysiert. Religion kam kaum zur Sprache, allerdings prüfte ich im stillen Kämmerlein religiöse Konzepte auf ihre Beweisbarkeit und Logik. Sie fielen alle durch. Als ich die Universität mit meinem Abschluss verließ, war ich Atheist. Ein zorniger Atheist.

Ich fühlte mich betrogen. All die Zeit, die ich nutzlos in Zusammenkünften vertan hatte. Eine Kindheit ohne Film und Fernsehen. Das Verbot, den Pfadfindern beizutreten – ich empfand darüber großen Groll. Aber ganz besonders aufgebracht war ich darüber, dass ich den ganzen Blödsinn geglaubt hatte, der mir eingetrichtert worden war. Nichts macht einen so wütend wie die Erkenntnis, dass man dumm gewesen ist.

Ich war auch überzeugt, dass sie versucht hatten, mir etwas zu nehmen. Moralische Entscheidungen zu treffen, ist ein wesentlicher Teil dessen, was uns als Menschen ausmacht. Das ist sicherlich weitgehend unstrittig, aber die Existenzialisten haben begriffen, dass darin auch Folgendes impliziert ist: Wenn man die eigene moralische Verantwortung an eine andere Instanz abgibt – die Bibel, einen Pastor oder den Papst – vereinfacht das zwar das Leben, man gibt damit aber gleichzeitig auch einen Teil seines Menschseins auf. Das ist es, was Sartre als "mauvaise foi" bezeichnet – übersetzt "Unaufrichtigkeit" oder auch "Selbsttäuschung".

Es stellte sich in meinem Fall schließlich heraus, dass mein Weg mit der Philosophie begann, nicht endete. Mir kommt Picassos berühmter Ausspruch in den Sinn: "Ich konnte schon früh zeichnen wie Raphael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind." Ich habe drei Jahre gebraucht, um Atheist zu werden. Und ich habe ein Leben lang gebraucht, um – unter unwahrscheinlichen Umwegen – zu einer Art Spiritualität zurückzufinden.

Das trug sich so zu. Als ich meine ersten Romane schrieb, wurde mir bewusst, dass mir die Begrifflichkeiten fehlten, um Gebäude zu beschreiben. Daraufhin las ich das Werk "A Concise History of Western Architecture" von Robert Furneaux Jordan. Das war der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft – und mehr als das.

Die faszinierendsten Gebäude überhaupt waren für mich die großen europäischen Kathedralen des Mittelalters. Ich begann, Kathedralen zu besuchen und mich zu belesen. Und schon bald stellten sich mir die Fragen, die sich beim Anblick eines solchen Gebäudes wohl den meisten Menschen aufdrängen: Warum steht dieses Gebäude da? Warum war es der Wunsch der Menschen im Mittelalter, ein solches Gebäude zu errichten?

Und es war ein dringender Wunsch. Der Bau einer Kathedrale kostete Unsummen – nach heutiger Vorstellung in etwa vergleichbar mit einer Reise zum Mond – und dabei lebten die Männer und Frauen, die an der Errichtung mitwirkten, in Holzhäusern ohne Rauchabzug und ordentliche Schlafstatt. Zugleich war der Bau unglaublich schwierig: Er erfolgte mit Hammer und Meißel und einem Messstab aus Eisen. Führen Sie sich die komplexen, dreidimensionalen Bögen einer Gewölbedecke vor Augen. Und denken Sie dann daran, dass der Maurermeister nichts über kubische Gleichungen wusste, mit denen sich derartige Formen beschreiben und berechnen lassen. Ein solches Gebäude brauchte Jahrzehnte bis zur Fertigstellung und häufig arbeiteten Maurer und Schreiner über mehrere Generationen daran. Was trieb diese Menschen an?

Ich war bald überzeugt, dass sich diese Frage als Idee für einen umfangreichen Roman eignete. Es gab bisher, soweit ich wusste, nur einen Roman über den Bau einer Kathedrale: "Der Turm der Kathedrale" von William Golding, die Geschichte der spirituellen Beziehung eines Mönchs zu dem Turm, den er errichtet. Es gibt wohl kaum zwei Schriftsteller, die so verschieden sind wie Golding und ich, daher war ich zuversichtlich, dass mein Roman keine Parallelen zu seinem Buch aufweisen würde.

"Die Säulen der Erde" erzählt von der Errichtung einer fiktiven mittelalterlichen Kathedrale und davon, wie dieses Bauprojekt das Leben aller verändert, die damit zu tun haben. Gleich zu Beginn wurde mir klar, dass die Geschichte mindestens einen Sympathieträger brauchen würde, der ein aufrichtiger Christ ist, und wenn auch nur, damit die Erzählung realistischer wirkt. Ich biss die Zähne zusammen und schuf Prior Philip, einen praktisch veranlagten Mönch, dem das spirituelle und materielle Wohl der Menschen auf Erden am Herzen liegt, und der zu keiner Zeit predigt, dass die Menschen Leid geduldig ertragen sollen, weil ihnen das Glück im Himmelreich verheißen ist. Er ist vermutlich die beste Romanfigur, die ich jemals geschaffen habe.

Das Buch ist mit 375.000 Wörtern ein langer Roman, an dem ich drei Jahre und drei Monate schrieb. Ich empfand den Schreibprozess als außergewöhnlich schwierig und fühlte mich am Ende zum ersten Mal in meiner Kreativität erschöpft.

Aber das Ergebnis hatte eine ganz andere Dimension als alle meinen bisherigen Werke und der Roman wurde ein durchschlagender Erfolg. Und natürlich sah ich die Ironie in der Tatsache, dass ein Atheist einen hochgelobten Roman über eine Kirche schreibt.

Als ich meine zweite Frau Barbara kennenlernte, begann ich mich aktiv in der Labour Party zu engagieren und stellte überrascht fest, dass einige unserer Mitstreiter gläubige Christen waren. Tatsächlich gibt es im echten Leben viele Menschen wie Prior Philip, denen die materielle und spirituelle Armut unter ihren Mitmenschen nicht gleichgültig ist, und dazu gehören zum Beispiel auch Aktive in der Labour Party. Ich schämte mich zunehmend für die herablassende Verachtung, die ich Gläubigen als junger Erwachsener entgegengebracht hatte.

Ich fühlte allerdings gleich weniger Unbehagen, als die katholische Presse Barbara und mich dafür kritisierte, für das Recht von Frauen auf Schwangerschaftsabbruch einzutreten. Dass in konservativen Blättern unfair über uns berichtet wurde, waren wir natürlich gewohnt: Als wir auf dem Titelblatt der Mail on Sunday an den Pranger gestellt wurden, werteten wir das sogar als Bestätigung unseres Weges. Aber ich hatte von Vertretern der christlichen Presse irgendwie mehr Ehrlichkeit erwartet. Das war dumm von mir.

Ich suchte auch dann weiter Kathedralen auf, als "Die Säulen der Erde" längst fertiggestellt war. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass mich etwas anderes zu diesen Orten hinzog. Dann zog Barbara für den Wahlkreis Stevenage ins Parlament ein. Zu den Pflichten des Ehepartners einer Parlamentsabgeordneten gehört der Gottesdienstbesuch. Ich stellte fest, dass mir das gefiel, und ging nun auch, wenn es nicht verlangt war.

Inzwischen bezeichne ich mich als geläuterten Atheisten. Ich glaube weiterhin nicht an Gott und nehme nie am Abendmahl teil. Aber ich gehe gerne in die Kirche. Mein liebster Gottesdienst ist der Evensong.

Und so bin ich, ein halbes Jahrhundert nach meiner Flucht aus der "Fellowship", wieder ein Kirchgänger. Ich gehe nicht regelmäßig, aber auch nicht selten. Unser dreißigster Hochzeitstag im letzten Jahr fiel zufällig auf Remembrance Sunday. Barbara und ich feierten diesen Anlass mit dem Besuch des Gottesdienstes in der Cathedral Church of St Albans.

Warum gehe ich hin? Die Architektur, die Musik, die Worte der King-James-Bibel und das Gefühl der Gemeinschaft mit meinen Mitmenschen verbinden sich zu einem großen Ganzen: In mir entsteht dabei das Gefühl, spirituell Frieden zu finden. Es ist Balsam für meine Seele, in die Kirche zu gehen. Und ich habe nun endlich erkannt, dass es genauso auch sein soll.

Es braucht eben oft eine ganze Weile, bis sich uns selbst einfachste Wahrheiten offenbaren. 

 

 
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