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Düsseldorf
Kinderbücher werden politisch korrekt

Düsseldorf. Begriffe wie "Neger" und "Zigeuner" werden von den Verlagen aus Kinderbüchern wie "Die kleine Hexe" gestrichen. Forscher halten das für notwendig, weil Bücher nur noch selten vorgelesen und noch seltener erklärt werden. Von Philipp Holstein

Man denkt ja erst mal dieses: Gibt es denn keine schwerwiegenderen Probleme? Der Stuttgarter Thienemann Verlag hat angekündigt, die Kinderbücher von Otfried Preußler sprachlich zu bereinigen und in Neuauflagen der "Kleinen Hexe" und des "Räuber Hotzenplotz" Begriffe wie "Neger" und "Negerlein" zu streichen. Die Bücher wurden in den späten 50er und frühen 60er Jahren veröffentlicht, mag man nun sagen, der Sprachgebrauch war damals halt ein anderer. Natürlich darf man solche Begriffe nicht mehr verwenden, und Eltern, die Kindern diese Texte heute vorlesen, wählen sicher von sich aus respektvollere Bezeichnungen. Warum also so viel Lärm um diese Sache?

Nun sollte man wissen, dass vor einiger Zeit der Oetinger-Verlag Ähnliches mit Astrid Lindgrens Klassiker "Pippi Langstrumpf" gemacht hat: Der "Negerkönig" im Taka-Tuka-Land wurde zum "Südseekönig". Es muss also mehr dahinterstecken als die vielerorts unterstellte politische Überkorrektheit. "Diese Vorgänge sind ein Symptom für den Zustand der Gesellschaft", sagt Achim Krenz. Der Professor am Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel beschäftigt sich mit der Wirkung von Literatur auf Kinder. Er ist kein Pessimist, sondern Forscher, dennoch befürwortet er das Vorgehen der Verlage. "Den wahren Wert von Worten begreift nur, wer darüber aufgeklärt wird", sagt Krenz. "Und in den meisten Familien wird das nicht mehr geleistet."

Wer Krenz zuhört und auch mit seinen Kollegen über das Thema spricht, mit der Ratgeber-Autorin und Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel etwa, die sich ebenfalls für die Streichungen ausspricht, bekommt Hochachtung vor der Rolle des Vorlesers. "Eine verantwortungsvolle Aufgabe", sagt Krenz. Vorleser sind das Gewissen des Vorgetragenen, eine Art lebendige historisch-kritische Ausgabe. Durch sie entfaltet ein Buch seine Wirkung, sie übersetzen das Gedruckte. "Wer ein Wort wie Neger erklärt, muss von der USA erzählen, über die Sklaverei und ihre Geschichte. Er muss sagen, dass der Begriff Menschen abwertet." Wären diese Voraussetzungen im Gros der Elternhäuser gegeben, hätte man die Klassiker nicht glätten müssen, so Krenz. Die Wirklichkeit sehe indes anders aus: "Wir reden nicht mehr miteinander." Wenige lesen noch vor, kaum einer erkläre das Gelesene. So könne kein Problembewusstsein entstehen.

Wörter wie "Neger" oder "Zigeuner" heißen in der Forschung "etikettierende Begriffe". Sie produzieren im Gegensatz zu Adjektiven keine Gefühle oder inneren Bilder bei Kindern. Aber sie eignen sich für Kinder in einem bestimmten Alter bestens dazu, unkritisch übernommen zu werden. "Jugendliche sind in sprachlichen Angelegenheiten in der Mehrzahl oberflächlich", sagt Krenz. Gedankenlos in den Satzfluss gestreute Begriffe wie "Asi" und "Alter" seien Beispiele dafür.

Wie heftig die Diskussion über die Bereinigung von Kinderbüchern geführt wird, lässt sich im Internet verfolgen, wo in Elternforen regelrecht Schlachten geschlagen werden. Gegner von Eingriffen in die Originaltexte argumentieren dort häufig damit, dass viele Märchen weitaus schlimmere Wirkungen auf Kinder hätten. Lieber solle man die geschilderten Grausamkeiten abmildern, heißt es. "Aschenputtel" dient als Beispiel: Darin werden Fersen und Zehen abgehackt, und die böse Stiefmutter tanzt sich am Ende in glühenden Eisenschuhen zu Tode.

Armin Krenz hält diese Vergleiche für unzulässig. "Märchen dürfen Kindern viel zumuten", sagt er. Die Märchen der Brüder Grimm etwa sind Wachträume eines Volkes, und bei jedem Vortrag aktualisiert der Zuhörer die alten Bilder. "Kinder begreifen Passagen wie den Todestanz der Stiefmutter als Symbole. Dadurch werden eigene Erfahrungen aktiviert. Und je nach persönlicher Veranlagung kommt es zu Identifikation oder Ablehnung. Kinder sind da stabiler, als wir denken."

Eltern sollten möglichst wenig in die Texte eingreifen, rät Krenz. Besser sei dies: "Ruhig und sachlich lesen, ohne Gefühle. Bilder entstehen, Fragen aufkommen lassen. Nach der Lektüre ein Gespräch führen, sich mit dem Gehörten auseinandersetzen, darüber reden."

So ist Vorlesen verdichtetes Erziehen. Es lässt eine Gemeinschaft zwischen Sprecher und Hörer entstehen. Sie wird sich über den Unsinn des Begriffs "Neger" rasch bewusst.

Quelle: RP
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