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"Der erste Stein"
Ein Antikriegs-Krimi in Afghanistan

"Der erste Stein" von Carsten Jensens: Ein Antikriegs-Krimi in Afghanistan
Carsten Jensen: Der erste Stein, Knaus-Verlag, 638 Seiten, 26 Euro FOTO: verlag
Am Anfang ist Afghanistan das unbekannte Draußen, das feindliche Jenseits der Lagermauern. Carsten Jensen beobachtet erst einmal, wie 27 Elite-Soldaten aus Dänemark in ihrem Camp nahe Kandahar ankommen, wie sie gelegentlich in ihren Splitterschutzwesten und Panzerwagen ausrücken in das Land, dem sie Stabilität bringen sollen, das ihnen aber so unbekannt wie unheimlich ist. Carsten Jensens "Der erste Stein" führt mitten in einen aktuellen Konflikt. Von Dorothee Krings

Nur Zugführer Rasmus Schröder spricht fließend Paschtu und scheint zu wissen, wie die Menschen da draußen leben - in der so unwirklichen Wirklichkeit Afghanistans. Dann sterben zwei Männer bei einem Routineeinsatz. Plötzlich ist der Tod, der als Möglichkeit in der gleißenden Luft des Wüstencamps flirrte, real. Und er löst neue Gewalt aus, die bald nichts mehr mit der Friedensmission zu tun hat, sondern mit der Verrohung von Menschen, die in scheinbar friedlichen Regionen wie Dänemark großgeworden sind.

"Der erste Stein" ist ein Antikriegs-Roman. Und zugleich ist er ein Krimi, der detailreiche Schilderungen moderner Kriseneinsätze mit einer Geschichte verbindet, in der es um pervertierten Spieltrieb geht, um Loyalität und Bindungslosigkeit, um das qualvolle Sterben in einem unberechenbaren Land, die abstrakte Kriegsführung mit Drohnen und um triviales Verbrechen. Die Geschichte packt den Leser sofort, weil sie sich tiefer und tiefer vorwagt in das Terrain eines Krieges, der für die Hightech-Soldaten nur Episode bleiben soll, für die Menschen jenseits des Camps aber dröhnende Realität bleibt.

Carsten Jensen ist als Journalist oft in Afghanistan gewesen. Er kann Menschen und Landschaften beschreiben und gibt Einblicke in ein Land, das viele nur aus Nachrichten kennen. Das macht das Buch so lesenswert. Im letzten Drittel schraubt Jensen dann immer weiter an der Gewaltspirale, beschreibt Szenen, die sich auch ohne Fernsehbilder ins Gedächtnis brennen. Manchmal wirkt das überreizt und zu konstruiert. Doch dafür ist "Der erste Stein" ein ungeheuer plastisch geschriebener Genre-Grenzgänger, der mitten in einen Konflikt führt, dessen Auswirkungen Europa beschäftigen. Jedenfalls bekommt der Leser eine Idee, wie widrig die Lebensumstände in einem Land sein können, das als sicheres Herkunftsland gelten soll.

Info Zum Abschluss unserer Serie laden wir ein zu einem großen Krimi-Leseabend: RP-Redakteure, die in der Serie ihre liebsten Spannungsromane vorgestellt haben, lesen Ausschnitte daraus vor und sprechen darüber, was sie an Krimis reizt. Termin: 30. Juni, 19 Uhr, Konferenzzentrum der Rheinischen Post, Zülpicher Straße 10, 40196 Düsseldorf. Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter "Kundenservice" im Internet: rheinischepostmediengruppe.de

Quelle: RP
 
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