Gedenkjahr zum 200. Todestag des Dichters: Kurzweiliger Lesemarathon zu Ehren Schillers
zuletzt aktualisiert: 07.03.2005 - 08:19Berlin (rpo). Den Auftakt des 24-Stunden-Vorlesemarathons zu Ehren Schillers machte ein Spaßvogel, der nicht auf der Liste der etwa 100 Leser stand: Die 90-jährige Theaterlegende George Tabori rezitierte amüsiert das kürzeste Schillergedicht: "Der Name Württemberg schreibt sich von Wirt am Berg. Ein Württemberger ohne Wein, kann der ein Württemberger sein?"
Heftiger Applaus für Tabori, der mit blitzenden Augen und langem, zurückgekämmtem Haar sehr an Albert Einstein erinnert. Sein Auftritt tröstete darüber hinweg, dass Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki nur auf dem Bildschirm zu sehen war.
Mit der Marathonlesung wurde am Wochenende in Berlin das Gedenkjahr zum 200. Todestag des Dichters offiziell eröffnet. Ab Samstag 12.00 Uhr lasen im Neubau der Akademie der Künste rund 80 Politiker, Literaten, Philosophen und Schauspieler aus Friedrich Schillers Werken. Der Dichter starb vor 200 Jahren, am 9. Mai 1805, im Alter von 46 Jahren in Weimar.
"Schiller 24", das war nicht nur Mammutprogramm für Kulturbeflissene. Unter den fast ständig anwesenden 300 Gästen in dem übervollen, gläsernen Plenarsaal in der Akademie der Künste über dem Pariser Platz befanden sich manche, denen man Kennerschaft der Klassiker auf den ersten Blick zuerkannte. Doch die Veranstaltung war auch Promi-Event und das Publikum mindestens so bunt wie die fast 100 Vortragenden aus Film, Theater, Musik, Politik, Kabarett und Fernsehtalkrunde. "Nicht als würdige Dichterlesung, sondern als Marktplatz" sei die Veranstaltung zu verstehen, sagte Hermann Beil. Der Dramaturg war für Auswahl der Texte und Besetzung verantwortlich. Beils Vision: "Mit allen möglichen Menschen das Universum Schiller sichtbar machen."
Gedränge herrschte vor dem Plenarsaal, wo dem Geschehen dank der Glaswände und der Lautsprecher auch gut zu folgen war. Außerdem verließen die prominenten Leser hier nach ihrem Auftritt den Saal. In einen monströsen, schwarzen Schal gehüllt bewegte sich Matthias Schweighöfer durch die Kommenden und Gehenden. Etwas blass hatte der 23 Jahre alte Schauspieler, der im Mai in der ARD als junger Schiller zu sehen sein wird, aus der "Ankündigung der rheinischen Thalia" gelesen. Doch die Dichtkunst ist für den "Fernseh-Schiller" auch nicht das Entscheidende. Ihn begeistert der Mensch. "Schiller ist nicht nur Klassiker. Er ist Mensch, ist wie wir alle", sagte Schweighöfer.
Als "radikalsten Text" Schillers kündigte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) seinen Part aus den "Briefen zur ästhetischen Erziehung" an. Sehr überzeugt dozierte er Schillers Ausführungen über den Unterschied zwischen dem "Gefühl des Schönen" und dem des "Erhabenen", die in die Forderung münden, sich mit freiem Willen für den "Ausgang aus der sinnlichen Welt" zu entscheiden, "worin uns das Schöne gefangen halten möchte". Aktuell mag er sein, den Ton heutiger "Coolness" kannte Schiller nicht. Den trafen die Kabarettisten Michael Quast und Philipp Mosetter: "Bei Schiller steht am Anfang das Aber, am Ende die Freiheit, dazwischen war er eigentlich hauptsächlich krank."
Vor allem weibliche Gäste mussten beim "Vorwurf an Laura" lachen, den Autor und Schauspieler Herbert Fritsch als verzweifelte Liebesraserei zum Besten gab. Mit seinen teils sehr fein interpretierten, teils veräppelnden und manchmal auch etwas sperrigen Darbietungen war der Lese-Marathon als "Universum Schiller" unterhaltsam und lehrreich zugleich.
Schließlich war das Happening im Schillerjahr anlässlich des 200. Todestagestages des Dichters aber auch Generalprobe für den neuen Bau der Akademie der Künste, der erst im Mai offiziell eröffnet wird. Für Adolf Muschg, Präsident der Akademie, ist das neue Haus ein Ozeandampfer, "vier Decks über dem Wasser, vier Decks unter dem Wasser".
Beinahe wie unter freiem Himmel mit Blick auf das Brandenburger Tor verbrachten etwa 50 Leute die Zeit von 5.00 bis 9.30 Uhr am Sonntagmorgen in Feldbetten, um den "Geisterseher" - gelesen von den Schauspielern Susanna Kraus, Dieter Ossig, Alexander Döring und Peer Martiny - nicht zu verpassen. Gut 20 "Schiller-Verrückte" waren rund um die Uhr dabei. Unter ihnen werden zwei Schillerbände mit den Unterschriften der Vortragenden verlost.
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