Buch-Kritik: Leon de Winter: Place de la Bastille
VON SONJA KOLB - zuletzt aktualisiert: 29.09.2005 - 10:52Der Schriftsteller Leon de Winter war gerade mal 27 Jahre alt, als sein Roman "Place de la Bastille" entstand. Schon damals setzte er sich mit seinen jüdischen Wurzeln auseinander. Leon de Winter versucht, sich in der Figur von Paul de Wit mit der Geschichte zu versöhnen.
Paul de Wit lebt mit seiner Frau Mieke und den beiden Töchtern Hanna und Mirjam ein vordergründig normales Leben als Geschichtslehrer und Familienvater in Amsterdam. De Wit hat seine Familie in Auschwitz verloren. Mit seiner Vergangenheit kann er sich nicht abfinden - weil er eigentlich keine Vergangenheit hat: Seine Mutter war 23, der Vater 29, als sie deportiert wurden. Kein Foto, kein Brief, keine Haarlocke blieb zurück. Im Heim für Kriegspflegekinder erhielt Paul Süßigkeiten und Spielzeug, aber keine Informationen über seine Vergangenheit. Von der alten Hebamme hat er jedoch erfahren, dass er einen Zwillingsbruder hatte.
Bei Miekes Eltern wurde er als Jude aus dem Haus gewiesen. Trotzdem gründete er mit ihr eine Familie. Statt Schriftsteller ist er Lehrer geworden. Nun ist er ausgebrannt. Er hat Mühe, wenn sich die Schüler in Diskussionsrunden über den Nahen Osten auf die Seite der Palästinenser schlagen und von Wahrheit und historischem Recht reden. Mit übermäßigem Fernsehkonsum versucht er, sich abzulenken.
Er verflüchtigt sich, sagt seine Frau. Sie schickt ihn nach Paris, damit er das bereits in der Studienzeit begonnene Buch über die Flucht Ludwig XVI. nach Varennes zu Ende schreiben kann. In Paris hat Paul eine jüdische Geliebte. Auf drei Fotos, die er von ihr auf der Place de la Bastille aufgenommen hat, ist ein Mann zu sehen, der Paul sehr ähnlich sieht. Er glaubt, es sei sein totgeglaubter Zwillingsbruder Philip. Er sucht Philip und glaubt, ihn in Jard-sur-Mer gefunden zu haben. Aber kurz bevor er die Stadt erreicht, lässt er das Taxi umkehren. Der Fahrer hatte ihm gesagt, er sehe Philip Mendel zwar ähnlich, aber nicht wie ein Zwillingsbruder.
Mit diesem kurzen Roman macht es de Winter dem Leser nicht leicht. Er verzettelt sich auf verschiedenen Ebenen, erzählt die Geschichte nicht geradlinig. Er zäumt das Pferd quasi beim Schwanz auf, denn die eigentliche Hauptfigur, der Zwillingsbruder von Paul de Wit, tritt erst gegen Ende des Buchs auf. Es gibt spannendere Romane des Schriftstellers, viel spannendere sogar. Aber als Teil des De-Winter-Werks ist auch "Place de la Bastille" absolut lesenswert.
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