Vorlesen macht neugierig: Leselust möglichst früh fördern
zuletzt aktualisiert: 23.04.2005 - 07:00Mainz (rpo). Leseförderung - ein Schlagwort, das spätestens seit der Pisa-Studie in vieler Munde ist. Möglichst früh sollten Kinder für die Bücherwelt begeistert werden. Bereits mit den ersten Bilderbüchern vermitteln Eltern ihren Kleinsten einen Zugang zu Büchern und damit zur Welt des Wissens. Zusammen mit Kindergärten, Bibliotheken und Vorleseclubs wecken sie kindliche Neugier und die Lust aufs Lesen.
"Die Sprachentwicklung beginnt acht bis zehn Wochen nach der Geburt", erläutert Prof. Wassilios Fthenakis, Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Schon zu diesem Zeitpunkt sollten Eltern den Babys die ersten Kinderbücher zeigen und so einen wesentlichen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leisten: "Hier wird eine sichere Situation der Interaktion zwischen Eltern und Kind und damit Vertrauen geschaffen", sagt Fthenakis. Diese emotionale Funktion kann auch das Geschichtenerzählen auf dem Schoß von Mama oder Papa erfüllen.
Allerdings gilt: "Die Sprache in Büchern unterscheidet sich stark von unserer Alltagssprache. Sie ist deutlich ausgefeilter", erläutert Prof. Bettina Hurrelmann, Leiterin der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien (ALEKI) der Universität Köln. Durch die Schriftsprache wird also eine völlig andere Sprachebene erschlossen. In der frühen Phase der Leseentwicklung sind Kinder darauf angewiesen, dass ihnen jemand diese Schriftsprache vermittelt, Brücken von der Schriftsprache zur Alltagssprache und zu alltäglichen Situationen baut. "Ein kompetenter Vorleser stellt sich fast unbewusst auf den Sprachsatz und der Erfahrungshorizont des Kindes ein und passt den Text beim Vorlesen an", sagt die Expertin. Der Vorleser schaffe außerdem die Verbindung zwischen Worten und Bildern.
Allerdings wird nicht in jeder Familie viel vorgelesen. Nach Hochrechnungen der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen in Stuttgart bekommt derzeit hier zu Lande jedes Kind 0,3 gebundene Bücher pro Jahr geschenkt. Umso wichtiger ist die Unterstützung durch Kindergärten.
Regionale Initiativen fördern Leselust
Daneben gibt es immer mehr Vorleseclubs: Ehrenamtliche Vorleser bieten Bücher-Stunden für kleine Gruppen von Kindern an: in der Bibliothek, der Schule, dem Kindergarten oder andernorts. Bundesweit wirbt die Stiftung Lesen aus Mainz für dieses Modell: Sie hat bislang knapp 7.000 ehrenamtliche Lesepaten geschult. In Tagesveranstaltungen erhalten diese viele praktische Tipps, wie Vorlesestunden organisiert, inszeniert und geeignete Bücher ausgewählt werden. Vielerorts gibt es außerdem regionale Initiativen wie "Lesewelten" und "Lesart" in Berlin.
Angesichts des riesigen Angebots ist die Auswahl der Bücher für den Vorleser eine Herausforderung. Die Renner sind Charaktere wie der Kleine Eisbär, Petterson und Findus, Felix und die wilden Fußballkerle. "Solche erzählenden Bücher sind wichtig, damit sich Fantasie entwickeln kann und damit im Kopf Bilder entstehen", erläutert Susanne Ziemer, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen in Stuttgart. Vor allem bei Jungen sind daneben Sachbücher gefragt. "Hier hat sich das Sortiment in den vergangenen Jahren stark angepasst: Es gibt vermehrt auch Sachbüchern auch für die Kleinsten."
Jedes Kind hat seine Vorlieben, die berücksichtigt werden müssen. "Daneben ist es jedoch wichtig, dass Kinder verschiedene Genres und Gattungen kennen lernen", betont Sigrid Strecker von der Stiftung Lesen in Mainz. "So wird langfristig der Geschmack geschult." Ein Höhepunkt im Jahresablauf eines Vorleseclubs, aber auch in einer Schule oder einem Kindergarten kann die Begegnung von Kindern mit dem Autor oder Illustrator eines Buches sein. Bei der Vermittlung helfen die Friedrich-Bödecker-Kreise. "Eine solche Veranstaltung besteht nie ausschließlich aus einer Lesung, sondern beinhaltet zum großen Teil Gesprächselemente", sagt Udo von Alten, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Friedrich-Bödecker-Kreise in Hannover. "Das Spannende für die Kinder sind Fragen wie "Wie entsteht ein Buch?" oder "Wie kommt die Idee in den Kopf?"." Voraussetzung für das Gelingen sind Gruppen von höchstens 50 Kindern vergleichbaren Alters.
Die Nachfrage nach Autorenbegegnungen ist groß: In Niedersachsen zum Beispiel waren bereits Ende Januar die Gelder für das laufende Jahr verplant. Dennoch lohnt sich eine Anfrage immer: "Manchmal gibt es mitten im Jahr zusätzliche Mittel, manchmal lässt sich eine Lesung in eine bereits geplante Veranstaltungsreihe einbauen, manchmal lassen sich vor Ort Sponsoren finden", sagt von Alten. Ist die Leselust einmal geweckt, sprengt der Bedarf an Büchern schnell das Portemonnaie. Bibliotheken sind da ideale Anlaufstellen: "Die Bücherschwemme dort ist natürlich hochmotivierend", betont Sprachwissenschaftlerin Hurrelmann. Die Kleinsten dürfen mit aussuchen und schmökern, und die Bibliothekarin kann die Eltern gut beraten und kennt vielleicht auch den nächstgelegenen Vorleseclub.
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