Lesezeichen-Verlag publiziert Briefe von Rahel Levin: "Lesen lebenslänglich": Hörbücher für Gefangene
zuletzt aktualisiert: 08.11.2004 - 16:22Hagen (rpo). Die lauschenden Männer sind hinter Gittern. Während sie lebenslänglich einsitzen, beschäftigen sie sich mit 200 Jahre alten Texten einer verzweifelten Frau. "Lesen lebenslänglich" heißt das neue Projekt des Verlages "Lesezeichen". Unter dem Titel "Mit welchen Worten soll ich das sagen, was ich dir gern mit einem einzigen Schrei mitteilen möchte" hat der Hagener Verlag auf Wunsch der Häftlinge ein Hörbuch mit Briefen von Rahel Levin herausgebracht.
Levin ist ein junges Mädchen, das sich wie viele seiner Geschlechtsgenossinnen zu Hause fühlt, als säße es im Gefängnis. Wie sie das Eingesperrtsein erlebt, schildert die junge Dame in Briefen. Sie erlebt sich als Gefangene ihres Geschlechts, ihrer Religion, ihrer gesellschaftlichen Stellung. Davon erzählt sie ihren Brieffreunden: dem Bruder Markus Theodor Robert, dem jungen Medizinstudenten David Veit und dem jungen Adeligen Gustav von Brinckmann.
Initiatorin des Projekts ist Eva Feldheim von der jüdischen Gemeinde Hagen. Zum Thema "Religionen" war sie anlässlich eines Tages der offenen Tür in der JVA Schwerte. Religion ist auch die Bibel. Und schon war man bei der Literatur. "Doch der Umgang mit dem gedruckten Wort fällt den Gefangenen schwer", erläutert die Pädagogin Eva Feldheim. Der Knasti kuschelt sich abends nicht mit einem guten Buch auf die Pritsche.
Die Aufnahmen dieses Hörbuches entstanden aus Gesprächen mit den Mitgliedern einer Gesprächsgruppe in der JVA. Nach durchschnittlich acht Jahren Haft hätten diese "langstrafigen" Männer Sehnsucht nach Nachdenken, nach gemeinsamer, auch nach individueller Reflexion. Und durch das Ohr gelange der Gedanke besser zu ihnen als durch das Auge. Die Gefangenen würden viel von ihren wenigen finanziellen Mitteln für Hörbücher ausgeben und unendliche Mühe in Briefe investieren, in denen sie über sich, ihre Tat und deren Folgen schrieben. Die Reihe "lesen lebenslänglich" soll in erster Linie diese Menschen in ihrer Annahme bestärken , dass "Nachdenken" und "Briefe schreiben" nicht bestimmten, privilegierten Menschengruppen vorbehalten ist.
Hörbücher stehen vor allem hoch im Kurs hinter Gittern, weil sie nicht nur Literatur, sondern auch Stimmen und damit Leben vermitteln. Mit fünf "langstrafigen" Männern - sprich Lebenslänglichen - arbeitete Eva Feldheim an der Idee, eigene Hörbücher aufzunehmen. "Technisch wäre das kein Problem gewesen, aber es war schlicht verboten", erinnert sich Feldheim.
Produktion eines eigenen Hörbuchs ist verboten
Kein selbst erstelltes Medium - ob Videoband, CD oder Kassette - darf die Pforte passieren. "Die Gefängnisse haben keine Kapazitäten zur Kontrolle. Also könnten auch Bänder mit rechtsradikalem oder pornografischen Inhalt in die Zellen kommen", erläutert die Pädagogin. Trägt eine CD eine ISBN-Nummer, ist das der Freifahrtschein.
Also suchte sich Eva Feldheim einen Verlag und fand "Lesezeichen". "Ich bin wirklich extrem froh, einen Verlag gefunden zu haben, der ein solches Wagnis, vielleicht auch eine solche Verrücktheit mitmacht", freut sie sich. Für den reduzierten Preis von 4,95 Euro können Inhaftierte das Hörbuch bestellen, das eine Frau vorstellt, die ihr ganzes Leben als Gefängnis betrachtete.
"Natürlich wird damit auch ein extrem anderes Frauenbild vermittelt, als es sonst im Alltag der Inhaftierten vorkommt. Die haben sonst nur ihre zweidimensionalen Glanzpappen", so Eva Feldheim. Wie sehr die Inhaftierten sich von den gesprochenen Worten beeindrucken lassen, zeigt ein Brief eines Gefangenen an Eva Feldheim: "Es kann eigentlich für jeden Mann nur hilfreich sein, wenn er einer Frau mal ganz aus der Nähe beim Denken zuhört."
Und weiter urteilte der Schwerverbrecher: "Gerade in diesen Zeiten von SMS und Online-Chats sind diese Briefe ein außergewöhnliches Zeugnis, das sich unsere äußere Welt zwar verändert hat, die Sehnsüchte der Menschen aber die gleichen geblieben sind." Eva Feldheims Gedanken gehen jetzt schon zum nächsten Projekt, schließlich soll "Lesen lebenslänglich" zu einer Reihe ausgebaut werden.
Die Idee für das zweite Hörbuch ist nicht minder kurios und basiert auf dem "Rilke Projekt". "Die Inhaftierten fahren absolut auf die vertonten Rilke-Gedichte ab. Manche können aus dem Stegreif den 'Panther' aufsagen", weiß die Hagenerin. Musik und plakative Texte bilden das Gerüst. "Die jüdische Gemeinde verfügt über unzählige erstklassige und arbeitslose Musiker, die alle schon ihr Mitwirken zugesagt haben", so Eva Feldheim.
Für die Textseite plant sie Paraphrasen aus Psalmen. "Die handeln von Schuld, von Verlassenheit, von Unrecht. Wieso sollte das nicht passen?" Natürlich sind die Hörbücher auch "draußen" zu haben, dann aber für 9,90 Euro zuzüglich Versandkosten. Weitere Informationen gibt es auch über den Verlag unter "www.lesezeichenverlag.de" im Internet.
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