Immer mehr Kinder- und Jugendbuchtitel: Leseschub im Kinderzimmer
zuletzt aktualisiert: 27.09.2005 - 11:59Wiesbaden (rpo). Seit der erste Harry-Potter-Roman 1998 auf Deutsch erschien, hat der Hamburger Carlsen-Verlag 20,7 Millionen Bände absetzen können. Die deutsche Startauflage von "Harry Potter und der Halbblutprinz" beträgt nochmals zwei Millionen Exemplare. Ob aber der legendäre Bucherfolg um den Besen fliegenden Zauberlehrling tatsächlich einen Leseschub in Deutschlands Kinderzimmern ausgelöst hat, ist unter Fachleuten umstritten.
Für Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ist die Sache klar: "Ich bin mir sicher, dass Harry Potter einen ganz wichtigen Impuls für die Leseförderung gegeben hat und jetzt mit dem sechsten Band geben wird." Dies betreffe nicht nur junge Leser. Fantastische Literatur werde seit Harry Potter von allen Generationen gelesen, von den Kindern bis zu den Großeltern.
Für junge Menschen sei enorm wichtig, dass sie sich über mediale Inhalte austauschen könnten, betont auch Bodo Franzmann, Leseforscher bei der Stiftung Lesen in Mainz. Wenn - wie bei den Potter-Romanen - über ein Buch geredet werde, animiere das auch Kinder und Jugendliche zum Lesen, die sonst nie zum Buch greifen würden. Franzmann ist sich daher sicher: "Harry Potter ist ein Zugpferd für die Leseförderung."
Wissenschaftler des Stuttgarter Instituts für angewandte Kindermedienforschung kamen bei Befragungen von Kindern und Jugendlichen allerdings zu einem eher ernüchternden Ergebnis. Harry-Potter-Fans konnten dabei kaum angeben, was in den angeblich gerade erst gelesenen Büchern passiert war. Viele räumten ein, dass sie die Bände nur angelesen und rasch wieder aus der Hand gelegt hätten. Fazit der Stuttgarter Forscher: "Mit der Potter-Manie ging letztlich kein Leseaufschwung einher."
Irritierend ist auch, dass die PISA-Studie Deutschlands Schülern im Lesen just zu dem Zeitpunkt Mittelmaß bescheinigte, als der Potter-Boom schon mehrere Jahre andauerte: Ein vernichtendes Urteil über die Lesefertigkeit der Generation Harry.
Kräftiger Anstieg bei Kinder- und Jugendbüchern
Wie viele Kinder- und Jugendbücher in Deutschland insgesamt verkauft werden, ist schwer zu sagen. Eine aussagekräftige Statistik fehlt. Dass der Kinder- und Jugendbuchmarkt seit dem ersten Erscheinen des Zauberschülers in deutschen Buchhandlungen einen Aufschwung erlebt hat, lässt sich aber kaum leugnen.
Im vergangenen Jahr brachten die deutschen Verlage nach Angaben des Börsenvereins nicht weniger als 5.178 neue Kinder- und Jugendbuchtitel heraus, ein Plus von 67,6 Prozent gegenüber dem Jahr 1997. Gundel Mattenklott vom Berliner Institut für Grundschulpädagogik sieht darin auch eine Sogwirkung der Potter-Bücher. Immerhin dauere es in der Regel ein bis zwei Jahre, bis ein neuer Roman von Joanne K. Rowling erscheine: "In der Zwischenzeit greifen sie dann zu ähnlichen Büchern."
Dabei ist allen Fachleuten klar, dass Verkaufszahlen noch nichts darüber aussagen, ob die gekauften Bücher auch gelesen werden. Rund 80 Prozent aller Kinder- und Jugendbücher, schätzt die Stiftung Lesen, werden von Erwachsenen gekauft, um sie an Kinder zu verschenken. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass mit den Potter-Büchern in punkto Leseförderung völlig neue Impulse einher gingen.
So verweist Franzmann darauf, dass mit dem fünften und dem sechsten Band der Potter-Saga erstmals in Deutschland englischsprachige Bücher in den Verkaufshitlisten ganz vorne standen. Viele junge Leute hätten sich zusammen getan, um den neuesten Band gemeinsam zu übersetzen: "Das ist eine neue Qualität."
Letztlich, glaubt Pädagogin Mattenklott, sind auch Harry-Potter-Boom und PISA-Frust zwei Seiten einer Medaille. Der alle Verkaufsrekorde brechende Zauberlehrling verweist nach Einschätzung der Wissenschaftlerin auf eine Spaltung der jungen Generation in "hochmoderne Kinder" einerseits und "Modernisierungsverlierer" auf der anderen Seite. Während eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen Bücher, Fernsehen und Internet intensiv für sich nutze, ziehe die mediale Entwicklung an der anderen Gruppe weitgehend vorbei, erklärt Mattenklott: "Die Modernisierungsverlierer, die erreicht auch kein Harry Potter."
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