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Stockholm
Literaturnobelpreis geht an Swetlana Alexijewitsch

Literaturnobelpreis 2015 geht an Swetlana Alexijewitsch
Die Literaturnobelpreisträger 2015 und 2014: Swetlana Alexijewitsch und Patrick Modiano. FOTO: dpa, abu sab sac
Stockholm. Mit dem Nobelpreis für Literatur wird in diesem Jahr Swetlana Alexijewitsch ausgezeichnet. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt.

Auf die weißrussische 67-jährige Schriftstellerin und gelernte Journalistin hatten nicht nur Kritiker und Verleger in Schwedens Literaturszene gehofft. Hinter Alexijewitsch galten der Japaner Haruki Murakami (66), der US-Amerikaner Philip Roth (82) und der Kenianer Ngugi Wa Thiong'o (77) als größte Konkurrenten.

Alexijewitsch ist mit einem ganz eigenen literarischen Stil zum moralischen Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums geworden. Die weißrussische Schriftstellerin hat mit ihren Collagen das Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufgearbeitet. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jetzt wurde sie mit den Literaturnobelpreis geehrt. Alexijewitschs Werke sind "Romane in Stimmen". Erstmals wandte die gelernte Journalistin ihre literarische Methode 1983 im Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Für "Zinkjungen" (1989) sprach sie mit mehr als 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als ihr Großwerk gilt "Secondhand-Zeit" von 2013 - eine Sammlung von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie unter dem autoritären Regime in Weißrussland öffentlich kein Gehör fand und ihre Werke nicht verlegt wurden, hielt sie sich viele Jahre im Ausland auf.

2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. "Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen", sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. "Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache", sagt Alexijewitsch.

Im vergangenen Jahr hatte die Schwedische Akademie den Franzosen Patrick Modiano (70) geehrt. In diesem Jahr sind laut Nobeljuror Peter Englund knapp 200 Autoren für den weltweit wichtigsten Literaturpreis nominiert, 36 von ihnen zum ersten Mal. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war Herta Müller im Jahr 2009.

Weidermann zufrieden

Der Literaturkritiker Volker Weidermann hat die Vergabe des Literaturnobelpreises an die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch (67) als "ideale Wahl" bezeichnet. Der Stockholmer Jury werde oft vorgeworfen, eher Gesinnungsentscheidungen zu treffen als literarische, sagte der "Spiegel"-Literaturchef und neue Gastgeber des "Literarischen Quartetts" am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

"In diesem Fall stellt sich die Frage nicht, weil Alexijewitsch auf großartige Weise in ihrem Werk literarische Kraft und politische Notwendigkeit in eins zusammenführt", so Weidermann. "Alexijewitsch schreibt über die russische Geschichte, aber mit ihrem Blick auf die Vergangenheit erklärt sie uns Russland und die Kriege von heute."

"Sie wird eine Widerstandsikone"

Michael Krüger, früherer Chef des Hanser-Verlages, ist über den Literaturnobelpreis an Alexijewitsch hocherfreut. "Sie ist eine sehr kämpferische, tolle Person, das ist eine schöne Überraschung", sagte Krüger der Deutschen Presse-Agentur dpa in München. Der Hanser-Verlag habe alle ihre Bücher verlegt. "Sie ist eine tapfere Frau, die eine ganz eigene Form von Dokumentarliteratur geschaffen hat, indem sie die Leute befragt hat nach ihren Lebensumständen." Gleichzeitig hob Krüger ihre Rolle in der Opposition sowohl in Weißrussland, als auch gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin hervor. "Sie wird eine große Ikone der Widerstandsbewegung werden."

Bei ihren kritischen Recherchen sei sie ein großes Wagnis eingegangen und sei dafür auch enorm angefeindet worden. "Sie hat diese Bücher alle unter den ärgsten Bedingungen geschrieben", erklärte Krüger. Nun sei sie eine berühmte Frau und als solche weithin unantastbar. Das biete ihr die Möglichkeit, die ganzen oppositionellen Bewegungen zu koordinieren. Das mit dem Literaturnobelpreis verbundene Geld könne sie dafür gut gebrauchen. "Sie wird das Geld benutzen, um ihre Arbeit weiterführen zu können", vermutete der Literaturexperte.

Weißrussischer Präsident gratuliert

Mit Verspätung hat am Donnerstagabend auch der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko der neuen Literaturnobelpreisträgerin gratuliert. "Ich freue mich aufrichtig über Ihren Erfolg", erklärte der autoritär regierende Staatschef am Donnerstagabend in Minsk. "Ich hoffe sehr, dass Ihre Auszeichnung unserem Staat und unserem weißrussischen Volk dienen wird." Swetlana Alexijewitsch engagiert sich für Menschenrechte und kritisiert offen die autoritären Regierungen in der Ex-Sowjetunion. "Ihr Schaffen hat nicht nur Weißrussen, sondern auch Leser in vielen Ländern der Erde nicht gleichgültig gelassen", schrieb Lukaschenko.

Schon vorher hatte in Russland Kreml-Sprecher Dmitri Peskow reagiert. Natürlich gratuliere man Alexijewitsch zum Nobelpreis, sagte er, kritisierte aber zugleich Äußerungen von ihr zur Ukraine. "Es sieht ganz so aus, als habe Swetlana nicht alle Informationen, um positiv das einschätzen zu können, was in der Ukraine passiert", sagte Peskow nach Angaben der Agentur Interfax. Alexijewitsch hatte das Vorgehen Russlands in der Ostukraine als Okkupation bezeichnet.

Seit Anfang der Woche haben Jurys in Stockholm schon Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie verkündet. Am Freitag gibt das Osloer Nobelkomitee den diesjährigen Friedensnobelpreisträger bekannt. Wegen ihres Engagements in der Flüchtlingsfrage könnte Bundeskanzlerin Angela Merkel den prestigeträchtigen Preis nach Einschätzung von Friedensforschern bekommen.

Wie die anderen Auszeichnungen ist der Literaturnobelpreis mit acht Millionen Kronen (etwa 850.000 Euro) dotiert. Alle Preise werden am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, verliehen.

(dpa)
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