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Buchpreisbindung
Loblied auf das Mängelexemplar

Buchpreisbindung: Loblied auf das Mängelexemplar
Mängel weist ein Mängelexemplar nicht zwingend auf. Durch den Stempel wird es auch nicht entwertet - vielmehr darf es in der Buchhandlung deutlich günstiger verkauft werden. FOTO: Anne Orthen
Frankfurt. Preisreduzierte Bücher mit Macken haben ein bewegtes Leben hinter sich. Beim Stöbern tun sich mitunter unerwartete Schätze auf. Von Wolfram Goertz

Kein Satz auf Erden könnte schöner in die Geheimnisse der Materie einführen als dieser: "Ein Buch ist nicht nach § 7 Abs. 1 Nr. 4 BPrBG von der Preisbindung befreit, wenn es außer einer Kennzeichnung als ,Mängelexemplar' keine weiteren Mängel aufweist."

An diesen Satz des Oberlandesgerichts Frankfurt von 2005 zur Buchpreisbindung, der auf ein echtes Paradoxon hinweist, denken selbst aufgeklärte Zeitgenossen kein bisschen, wenn sie in ihrer Buchhandlung stehen und in der Wühlkiste zu den Mängelexemplaren greifen. Jeder will dann ein Buch, das zum schnellen Verzehr bestimmt ist. Man erwartet nicht topaktuelle Kassenhits, sondern den Krimi "Gier nach Blut" von Ann Albright, den man nachmittags beginnt, wenn langsam die Sonne untergeht, und am übernächsten Abend beendet. Klassiker findet man auch.

Ladenhüter kommen auch in Frage

Wie kommt der Stempel mit dem "preisreduzierten Mängelexemplar" aufs Buch? Ganz einfach: Entweder es hat offenkundige Mängel, oder es hat den Mangel, dass es zum lästigen Ladenhüter im Verlagssortiment geworden ist und irgendwie unter die Leute gebracht werden muss; das geht nur mit einem deutlich gesenkten Preis.

Bei den Mängeln gilt eine klare Unterscheidung nach dem Ort, an dem der Mangel entsteht. Wurde bei der Fertigung geschlampt, handelt es sich um ein sogenanntes Defektexemplar, etwa durch Schnittfehler an den Rändern. Es gibt aber auch die sehr unschönen Fälle, dass Seiten oder ganze Hefte in falscher Reihenfolge erscheinen; dass Seiten verkleben; dass der Druck grundsätzliche Probleme in Farbe, Schriftgröße und Leserlichkeit aufwirft; durch mangelhafte Bindung, bei der dem Leser das Buch gleichsam in seinen Einzelteilen entgegenfällt.

Das Mängelexemplar hingegen hat in seinem mehr oder weniger kurzen Buchleben auf dem Transport- oder Lagerungsweg Schaden gekommen. Es kann von der Palette gefallen, von Schmierfinken begrapscht oder beim Lösen aus der Klarsichthülle beschädigt worden sein. Eselsohren entstehen schneller, als man zusehen kann. Man stelle sich mal vor, wie viele Menschen in der Buchhandlung ein Buch in der Hand gehabt haben, bevor es der finale Käufer erwirbt. Wir reden hier auch gar nicht von Keimen, die sich auf Büchern tapfer halten, sondern vom Schweiß unserer Hände, der Papier gehörig zusetzt.

Vorteile der Wühlkiste

Wenn aber nun keiner kommt, der das Buch will, dann haben alle ein Problem. Die Buchhandlung zunächst, sodann der Verlag. Hat es nämlich keinen Mangel, dann bleibt die Buchpreisbindung bestehen. Schickt die Handlung (neuwertige oder beschädigte) Bücher zurück an den Verlag, dann ist von Remittenden die Rede. Aber die Lagerung von Büchern ist überall teuer, obwohl unsereinem das anders vorkommt. Das Buch steht in einem Regal, das Geld kostet, in einem Raum, der gemietet ist, und wird von einer Reinemachfrau abgestaubt, die dafür Geld bekommt. Deshalb muss das Buch weg. Und so geschieht es, dass einwandfreie Bücher als sogenannte "Scheinmängelexemplare" unters Volk kommen. Sie sind neuwertig, werden aber durch einen Stempel als mangelhaft deklariert. Das darf nicht sein, aber es passiert, und der Kunde freut sich.

Die Wühlkiste hat ohnedies zahllose Vorteile. Vor allem nimmt man Bücher in die Hand, deren Titeln oder gar deren Innenleben man sonst nie einen Blick gegönnt hätte. Bestseller sind in der Regel nicht darunter, denn das Markenzeichen des Bestsellers ist ja, dass er sich perfekt verkauft und nie lange rumsteht. Bestseller werden auch nie zu Remittenden, es sei denn, ein Verlag geht nach hymnischen Rezensionen mit einem Buch in die zweite Auflage, die unerwartet floppt.

Mängelexemplare vergnügen mehr

Wer je ein Buch in der Wühlkiste fand, war gefeit gegen Enttäuschung, und auch der Lesevorgang an sich konnte nur genial ausfallen. Der Schmöker musste nicht pfleglich behandelt werden, hinterher durfte Sand aus den Seiten rieseln, er durfte nach Sonnenmilch riechen - kurzum: Er durfte gebraucht werden und unterlag nicht dem Heiligtumsvorbehalt. Mit solchen Büchern hat man in der Regel viel Vergnügen, zumal - wie gesagt - die Erwartungsfreude eine andere ist als beim regulär bepreisten Buch.

Der Autor dieser Zeilen las kürzlich in Salzburg den Agentenkrimi "Die Grenzgängerin" von Jacques Berndorf, als etwas angefettetes "Mängelexemplar" erworben in der dortigen Buchhandlung Höllrigl; der Chronist benötigte Abwechslung zwischen Beckett und Shakespeare. Eigentlich war man mit Berndorf ("Eifelkrimis") durch und schraubte seine Hoffnungen deutlich herunter. Es wurde dann aber eine packende Lektüre, völlig mängelfrei. Unverhofft kommt eben oft - in der Wühlkiste.

Quelle: RP
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