Deutschlands bekanntester Kritiker: Marcel Reich-Ranicki: "Literaturpapst" wird 85
zuletzt aktualisiert: 02.06.2005 - 08:52Berlin (rpo). Er ist seit Jahrzehnten der erfolgreichste, aber auch umstrittenste Literaturkritiker des Landes. Heute feiert Marcel Reich-Ranicki, der literarische "Großinquisitor", der die Polemik zu seinem Markenzeichen machte und sich selbst als "bisweilen boshaft" bezeichnet, seinen 85. Geburtstag.
Seine besondere Liebe gilt den Werken Goethes und Thomas Manns, speziell dem "Zauberberg". Doch die Initialzündung für sein Leben mit der Literatur lieferte Anna Seghers Roman "Das siebte Kreuz". "Unter dem Einfluss dieses Romans in der Gefängniszelle habe ich beschlossen, mich, wenn ich wieder frei komme, vielleicht doch mit Literatur zu befassen", sagt Marcel Reich-Ranicki. Er wurde zum bekanntesten Literaturkritiker Deutschlands, gilt manchen als "Literaturpapst", anderen als "Großinquisitor". Heute feiert Reich-Ranicki seinen 85. Geburtstag.
Die Gratulanten stehen Schlange: So hat etwa Bundespräsident Horst Köhler Marcel Reich-Ranicki als "einen der lebendigsten Köpfe unserer Republik" bezeichnet. Weit über das Literarische hinaus habe er das geistige Leben in Deutschland mitgeprägt, betonte Köhler in einem Glückwunschbrief. Niemals habe es in Deutschland einen Kritiker gegeben, der so bekannt und populär gewesen sei. "Sie haben durch Ihre Arbeit nicht nur die Achtung des Publikums erworben, sondern auch seine Liebe", fügte Köhler hinzu.
Mit einem großen Empfang gratulieren heute das ZDF, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) und die Stadt Frankfurt am Main. Bei der Veranstaltung in der Paulskirche werden prominente Laudatoren das Leben und Werk von Deutschlands bekanntestem Literaturkritiker würdigen: Neben Alt-Bundespräsident Weizsäcker und "FAZ"-Mitherausgeber Schirrmacher spricht TV-Moderator Gottschalk zu den Gästen. Begrüßt werden diese von Oberbürgermeisterin Roth.
In Wloclawek an der Weichsel (Polen), wo er am 2. Juni 1920 geboren wird, lebt er als Kind einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden, bis der geschäftliche Ruin seines Vaters die Familie zwingt, nach Berlin umzuziehen. Als Jude und polnischer Staatsangehöriger kann er dort zwar 1938 noch sein Abitur machen, das Studium wird ihm aber verwehrt. So arbeitet er zunächst als Lehrling in einer Exportfirma, wird im Herbst 1938 verhaftet und nach Polen deportiert, lebt dort ab 1940 im Warschauer Getto, aus dem er 1943 zusammen mit seiner Frau in den Untergrund flieht.
Die Sowjetische Armee befreit ihn, er tritt der Kommunistischen Partei Polens bei, arbeitet 1948 und 1949 als Konsul der Republik Polen in London und zugleich im polnischen Geheimdienst, bittet aus politischen Gründen um seine Abberufung, wird nach der Rückkehr in Warschau aus der Partei wegen "ideologischer Entfremdung" ausgeschlossen, dann einige Wochen in einer Einzelzelle gefangen gehalten. Mit der Haftzeit endet Reich-Ranickis politische Karriere im diplomatischen Dienst - und es beginnt eine neue im Dienst der Literatur.
Unterstützung von Heinrich Böll und Siegfried Lenz
Er arbeitet in einem Verlag, schreibt für die Zeitung und für den Rundfunk, und er übersetzt deutsche Literatur für polnische Leser. In der Bundesrepublik steht er 1958 zusammen mit seiner Frau ein weiteres Mal vor dem Nichts. Geld hat er keines, doch vorzügliche Kenntnisse der deutschen Literatur, publizistische Begabung und Erfahrung sowie einige Bekanntschaften mit westdeutschen Autoren. Heinrich Böll verhilft ihm zu einem Visum, Siegfried Lenz tut alles, um ihm Kontakte zu verschaffen.
Kritiken machen ihn rasch so bekannt, dass ihn 1960 "Die Zeit" als Literaturkritiker einstellt. Mit Polemik, Ironie und Neid, mit Bewunderung und Respekt spricht man von ihm in diesen Jahren als "Großkritiker" und "Literaturpapst". 1973 übernimmt er die Leitung des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Als er sie 1988 an einen Jüngeren abgeben muss, glauben manche, eine Ära der Literaturkritik sei zu Ende. Doch mit seinem "Literarischen Quartett" im ZDF schafft es der unbarmherzige Kritiker, seine Popularitätskurve sogar steigen zu lassen. Seinen größten Erfolg hat er jedoch im Alter von fast 80 Jahren als Autor seiner Autobiografie "Mein Leben".
1994 gerät Reich-Ranickis Tätigkeit im kommunistischen Polen auf den Prüfstand. Er bestätigt seine Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst, bestreitet jedoch, "Chefagent" gewesen zu sein. Für seine schwierige politische Biografie findet er in Deutschland überwiegend Verständnis, so auch bei den Schriftstellern Siegfried Lenz und Rolf Hochhuth. Auf wenig Verständnis dagegen stößt sein emotionaler Verriss des Günter-Grass-Romans "Ein weites Feld" 1995.
Selbst zum literarischen Gegenstand wird der "Literaturpapst" erkennbar in Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers", in dem sich Walser "gegen die Machtausübung im Literaturbetrieb zur Wehr setzen" will. Ein Kritikerkollege sagte unlängst über Reich-Ranicki, seine Verrisse und Lobreden seien in gleicher Weise Liebesschwüre. Die Liebe sei der eigentliche Antrieb seiner Tätigkeit als Literaturkritiker.
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