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Neuer Roman
Martin Walser erzählt vom sterbenden Mann

Düsseldorf. Am Freitag kommt der neue Roman des 88-jährigen Schriftstellers in den Buchhandel. Eine Geschichte über Verrat, Liebe und Walser. Von Lothar Schröder

Nach 100 Seiten fällt erstmals der Blick auf den Umfang der noch ungelesenen Blätter. 188 stehen aus. Und weitere 50 Seiten später meldet sich die Ungeduld und fragt nörgelnd an, ob denn der ganze Roman wirklich gelesen werden soll. Natürlich wird er das, wie auch alle früheren Walser-Romane bis zur letzten Seite gelesen wurden. Nicht immer aus Überzeugung, aber doch getrieben von der Sucht nach überraschenden Wortschöpfungen, nach dem gelungenen Satz, dem unerhörten Gedanken.

Denn all das gibt es bei Martin Walser immer. Also auch jetzt im neuen Roman, der den grauen Titel "Ein sterbender Mann" trägt und den Leser diesmal bis zum 17. Kapitel hindiszipliniert. Weil erst ab dort - nach der Verratsgeschichte zwischen Theo Schadt, dem Unternehmer, und seinem Freund Carlos Kroll, dem eigensinnigen Dichter - das Buch richtig zu beginnen scheint. Als sei vieles andere zuvor eine Hinführung. Dann aber folgen die paar Seiten mit den Gedanken übers Alter, Aphorismen eigentlich, in denen sich die ganze Kraft des Autors entlädt. Eine Wahrheit nach der anderen. Unerbittliche Peitschenschläge fast alle. Und unsere Zitate geben vielleicht einen Eindruck davon.

Martin Walser ist immer schon ein intellektueller Erzähler gewesen, einer, der seinen Stoff intensiv reflektiert und der für die Szenarien so ausgiebig wie kaum ein anderer recherchiert. Walser muss sich alles aneignen, fast einverleiben, bevor das erste Wort aufs Papier findet. Aber dann kommt immer noch Walser dazu, und nicht zu knapp.

Natürlich ist keins seiner Bücher autobiografisch, im engeren Sinne nicht einmal "Ein springender Brunnen". Doch ohne sein gelebtes und gedachtes Leben sind seine Werke undenkbar. Das hat auch damit zu tun, dass das Schreiben für den gebürtigen Wasserburger weder Beruf noch Berufung ist, sondern tatsächliches Leben. Mit nunmehr 88 Jahren ist sein Schaffenswille nahezu unvermindert, und so kommt es, dass er zum jüngsten Roman - es ist neben Essays, Dramen und Gedichtbänden immerhin der 26. - schon den nächsten ankündigt. Einen Titel gebe es auch schon, "Der Fall Schall".

Dass Martin Walser sich seinen Geschichten aussetzt, macht das Geschriebene eindringlich, mitunter aber aufdringlich. Auch in "Der sterbende Mann", in der Verrats- und jener Liebesgeschichte, die der Verratene mit der Lichtgestalt Sina Baldauf erleben, erahnen, fantasieren darf. Und das alles mitten im Zusammenbruch: Denn Theo Schadt ist nach dem Verlust seiner Firma des Lebens müde geworden, sehnt sich nach dem selbstbestimmten Ende und tummelt sich in Suizid-Foren, die für die meisten Überlebensforen sind. Der Selbstmord will Theo Schadt nicht gelingen, seinem Verräter, dem Dichter, aber schon.

Es gibt einen handgeschriebenen Zettel von Walser als Beiblättchen zum Roman, fast ein Prolog, oder auch Bekenntnis. Aber ein vieldeutiges, wie es seine Art ist: "Ein Roman ist immer Selbstportrait. Aber eben als Roman." Wie Walser mit dem Schreiben nicht fertig wird, so werden wir mit Walser nicht fertig. Alle, die so empfinden, lesen auch dieses Buch bis zum Ende. Aus Pflicht und Disziplin - und zum Schluss bereichert.

Quelle: RP
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