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Interview: Martin Walser: "Ich habe nichts zurückzunehmen"

VON DAS INTERVIEW FÜHRT WOLF SCHELLER - zuletzt aktualisiert: 24.03.2007 - 12:02

Düsseldorf (RP). Martin Walser spricht zu seinem 80. Geburtstag am Samstag über sein Verständnis von Heimat, sein Verhältnis zu Marcel Reich-Ranicki und das Altwerden. Seine umstrittene Rede in der Frankfurter Paulskirche würde er genauso wieder halten.

Martin Walser ist enttäuscht, dass ihm für seinen Roman "Tod eines Kritikers" zum Teil immer noch Antisemitismus vorgeworfen wird.  Foto: ddp, ddp
Martin Walser ist enttäuscht, dass ihm für seinen Roman "Tod eines Kritikers" zum Teil immer noch Antisemitismus vorgeworfen wird. Foto: ddp, ddp

Was bedeutet Ihnen Heimat?

Walser Heimat ist das, was man nicht mehr hat. Heimat ist Kindheit, und später, wenn man sich aus den Gegenden und Häusern der Kindheit entfernt hat, dann hat man die Heimat im Kopf, in der Seele - oder wo man es lieber haben will. Dass ich hier am Bodensee wohne, hat mit Heimat nichts zu tun. Es gibt viele Gründe, warum ich hier wohne: dieser See, dieses Wasser, diese Möglichkeit, ein paar Monate lang jeden Tag zu schwimmen nach der verkrampfenden Schreibtischarbeit. Das ist fabelhaft. Aber Heimat, das Wort, verwende ich dafür nicht.

Politik

Sie haben sich nie als politischer Schriftsteller begriffen und haben sich doch immer wieder zu politischen Themen geäußert. Ist Politik für Sie etwas Unästhetisches?

Walser Nein. Die Bezeichnung „Politischer Schriftsteller“ passt nach meinem Empfinden nur zu Intellektuellen, die im engsten Sinn politisch denken und schreiben. Das heißt nun aber nicht, dass ein Intellektueller, der kein politischer Schriftsteller ist, niemals das sogenannte Wort ergreifen dürfte. Etwa beim Vietnamkrieg. Mir war das unangenehm, dass wir diesen Krieg sozusagen mit den Amerikanern solidarisch empfinden sollten. Damals wollte ich eine andere Stimmung befördern. Genützt hat es zwar nichts. Der nächste größere Anlaß war dann die deutsche Teilung, die mir sehr allmählich immer unangenehmer wurde.

Paulskirchen-Rede

Nach dem Eklat um Ihre Rede in der Paulskirche 1998 und Ihrer Auseinandersetzung mit Ignatz Bubis wurden Sie als Antisemit beschimpft. Wie denken Sie heute darüber?

Walser Ich habe da keinen Satz zurückzunehmen. Was dann da losging, halte ich für Zeitgeist-Theater. Der Zeitgeist braucht immer solche Aufgeregtheiten, wo man jemanden beschimpfen kann. Dem Zeitgeist ist es auch egal. In der nächsten Saison regt er sich wegen etwas Anderem auf. Für mich hat es allerdings schon Folgen. Wenn heute ein Buch von mir etwa ins Französische übersetzt wird, dann kommt auch in sehr guten Kritiken immer die Paulskirchen-Rede vor.

Verhältnis zu Reich-Ranicki

Könnten Sie sich mit Reich-Ranicki aussöhnen?

Walser Ich habe ihm nichts getan. Ich habe eine große Figur gemacht aus seinem Anlass, und ich liebe meine Figuren. Er hat das anders verstanden. Es ist eine unglücklich verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Großkritiker. Für mich war es nötig, dieses Buch zu schreiben als Gegenstand dieser Machtausübung im Fernsehen. Wäre dieser Kritiker bei den Printmedien geblieben, hätte ich niemals ein solches Buch geschrieben. Das war im Grunde genommen ein Buch gegen den Fernsehkulturbetrieb.

Religion

Sind Sie religiös?

Walser Ja, wenn man eine solche Kindheit hatte wie ich - und eine solche Mutter, dann kann Religion nie mehr aus diesem Leben verschwinden. Heute betrachte ich die Glaubensfähigkeit wie das Musikgehör. Manche Leute haben das Musikgehör, manche haben es nicht. Manche haben die Fähigkeit, etwas Großes zu glauben und andere nicht. Ich mag das eigentlich gar nicht Religion nennen, aber es gibt natürlich wenig Wörter dafür.

Altwerden

In Ihrem letzten Roman „Angstblüte“ sagt Ihr Protagonist Karl von Kahn: Altern ist eine Heuchelei vor Jüngeren.

Walser Die Gesellschaft bewirkt eine Stimmung, in der dieser Satz richtig ist. Sie sagt: Wenn Du alt bist, musst Du Dich so oder so benehmen, so wie man denkt, dass ein alter Menschen eben sein soll. Das ist eine kulturelle Lüge rundum. Ich will nicht bestreiten, dass darin auch Freundlichkeit, Sorge, Mitleid sich äußern. Ich bin zum Beispiel ein Kenner des älter gewordenen Goethe. Ich vermute, dass Goethe der Welt ein Theater aufgeführt hat, wie er dachte, dass man sich in seinem Alter aufführen soll. Und was dazu nicht gepasst hat, hat er weggelassen.

Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Walser Angst vorm Sterben. Das ist natürlich übertrieben. Ich werde Angst haben. Da bin ich ziemlich sicher.

Freuen Sie sich auf Ihren Geburtstag?

Walser Nein, nein, nein…. Wenn ich das krass ausdrücke: Soll ich mir zu einer Katastrophe gratulieren lassen?


 
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