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Juror Lothar Schröder berichtet
Mein Jahr mit dem Buchpreis

Juror Lothar Schröder berichtet: Mein Jahr mit dem Buchpreis
Die Jury am Tag ihres ersten Zusammentreffens Ende März in Frankfurt ( v.l.n.r.): Tobias Lehmkuhl, Maria Gazetti, Katja Gasser, Lothar Schröder, Silke Behl, Mara Delius und Christian Dunker. FOTO: Christina Weiß
Düsseldorf. Unser Autor Lothar Schröder war in diesem Jahr Juror des Deutschen Buchpreises. Ein Bericht aus dem Inneren des Literaturbetriebs. Von Lothar Schröder

Der Preisträger scheint schlecht zu hören. Oder schwer von Kapee zu sein. Vielleicht ist er aber auch nur überwältigt. Wer weiß das schon? Jedenfalls dauert es schrecklich viele Sekunden, bis Robert Menasse sich endlich erhebt und sich - man muss es so sagen - zur Bühne des Frankfurter Römer vortastet, zur Stätte seines großen Triumphes. "Die Hauptstadt" ist gerade zum deutschsprachigen Roman des Jahres gekürt und somit mit dem begehrten "Deutschen Buchpreis 2017" etikettiert worden.

Es ist der 9. Oktober 2017, kurz nach 19 Uhr. Der große Tag des Buchpreises. Ein spannender Tag für die sechs Autoren, die es ins Finale geschafft haben. Ein wichtiger Tag auch für die Verleger, die ihre Schützlinge zur Preisverleihung aus therapeutischen Gründen und eigenen Interessen begleiten. Für mich aber hat in diesem Jahr dieser Preis fast sieben Monate früher begonnen. Exakt am 31. März. An diesem Freitag kommt erstmals die Jury zusammen, in die mich neben sechs anderen Mitgliedern die "Akademie Deutscher Buchpreis" berufen hat. Die Stimmung im Frankfurter Haus des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ist so fröhlich wie bei jeder Exkursion, die viel Gutes verspricht, deren Ausgang noch ungewiss bleibt. Wir sind aus vielen Richtungen angereist - aus Bremen und Berlin, aus Wien, Rom und ich halt aus Düsseldorf.

Ein Anfängerfehler namens Begeisterung

Vielleicht ist es diese frohe Grundstimmung, die uns zu einem Anfängerfehler verleitet. Er heißt Begeisterung. Und so ordern wir neben den 174 von den Verlagen eingereichten Büchern noch andere Titel nach. Dieser und jener bedenkenswerte Roman scheint noch zu fehlen. Am Ende werden es rund 200 Romane sein, die von uns gelesen, begutachtet, prämiert werden müssen. Jeder bekommt ein Pflicht-Deputat von 50, 60 Büchern, mit der Bitte, auch in möglichst vielen Romanen der anderen zu lesen und darüber kurze Expertisen zu schreiben. Allein unsere Urteile werden am Ende den Umfang eines Romans haben. "Streng vertraulich" steht auf den Ausdrucken; und das sind sie auch bis heute.

Komischerweise schreckt die Lesemasse zunächst kaum jemanden. Doch wer daheim den ersten 800-Seiten-Schmöker vor sich liegen hat, begreift allmählich, dass es Probleme geben wird. Und die hat jeder. Der Mail-Verkehr unter uns Juroren nimmt zu. Vor allem sind es vorsichtige Anfragen, wie man das schaffen kann - bis zur nächsten Jury-Sitzung, diesmal für die Wahl der Longlist mit ihren 20 Romanen. Noch nie ist für mich die Zeit zwischen Ende März und Mitte Juli so lächerlich kurz gewesen.

Eine Zeitrechnung nach Buchpaketen

Es gibt eine neue Zeitrechnung, das sind die dicken Buchpakete des Börsenvereins mit ihrer markanten schwarz-gelben Klebe-Banderole. Über das erste Päckchen freue ich mich, es zeigt, dass ich im Verteiler bin und alles seinen guten Weg geht. Päckchen zwei bis fünf dokumentieren die Bedeutung des Preises. Päckchen sechs bis elf machen aus Spaß Ernst. Der endgültige Stimmungsumschwung kommt ab Nummer zwölf. Beim Marathon ist das der sogenannte tote Punkt, den es irgendwie zu überwinden gibt. Am Ende sind es 14 Buchpakete.

Die Mails untereinander helfen. Denn alle haben das gleiche Problem. Schließlich machen drei Tipps die Runde: Lesen, lesen, lesen. Noch genauer: nächtliches Lesen. Irgendwann beginnt für uns alle der Tag um vier in der Früh. Aber natürlich ist das keine Leidensgeschichte. Weil dieser Sommer ein Vollbad im Meer deutschsprachiger Neuerscheinungen ist. So viele tolle Bücher und Geschichten! Das wiederum macht die Sitzung zur Longlist sehr anstrengend. Zumal es - trotz der Belesenheit aller Juroren - unterschiedliche Mentalitäten gibt. Es scheint eine Linie zwischen Literaturkritikern und Literaturvermittlern zu geben. Allen gemein ist die belletristische Liebe. Was uns unterscheidet, ist der Trennungsschmerz. Beim Aussortieren gehen Kritiker deutlich beherzter zur Sache. Den anderen fehlt das böse "Killer-Gen". Das macht die Debatten zwar lang, aber auch gut. Unter manch totgesagtem Titel gibt es auch Auferstehende.

Dann ist die Longlist raus und wird von den Feuilletons bewertet. Grundsätzlich wohlwollend, freudig sogar die Nominierung von Sven Regener. Mit der Longlist ist die Stimmung eine andere geworden. Niemand kannte die 200 Ausgangstitel, erst jetzt ist das Rennen eröffnet und ihre Teilnehmer sind öffentlich geworden. Die Spekulationen beginnen; Favoriten werden in den Zeitungen genannt und vermeintliche Top-Favoriten verraten. Das beeinflusst uns nicht, doch der Druck wird spürbar.

Debatten um die Shortlist

Es ist Ende August und so heiß, wie es im Hochsommer hierzulande maximal heiß sein kann. Und in Berlin, wo wir uns zur Shortlist-Sitzung treffen, staut sich die Hitze. Doch wir haben mittlerweile Erfahrung miteinander, die Debatten sind ruhig, konzentriert. Zudem stehen noch Filmaufnahmen auf der Tagesordnung. Jeder von uns muss einen Roman der Sechser-Shortlist vor der Kamera präsentieren. Die Filme werden in Frankfurt zur Preisverleihung gezeigt.

Die Shortlist wird heftiger diskutiert. Und mit ihr die ewig gleiche Frage, ob dieser Wettkampf um den Deutschen Buchpreis überhaupt literaturwürdig ist. Es gibt Autoren wie Ralf Rothmann, die dies mit Verve verneinen und sich deshalb erst gar nicht zur Wahl stellen. Überhaupt könne es den "besten" Roman des Jahres gar nicht geben. Das stimmt. Und es ist auch gar nicht das Klassenziel der Jury, dies zu erreichen. Wir küren den Roman, der - ganz platt formuliert - uns am allerbesten gefallen hat. Wer Literatur kennt und liebt, weiß, dass es keine grundsätzlich richtige und vollkommen falsche Entscheidung geben kann. Nur eine gute und in unserem Sinne beste Wahl.

Auch solche Selbstvergewisserungen helfen. Der Druck auf uns nimmt etwas zu, doch unerträglich - wie es manchmal so dramatisch heißt - ist er nie. Erst am Vortag der Preisverleihung treffen wir uns wieder in Frankfurt zur letzten, entscheidenden Wahl. Es ist Sonntag, das Haus des Buches nahezu verwaist. Im Treppenhaus treffe ich dennoch Asli Erdogan, die wunderbare und unerschrockene türkische Erzählerin, die überraschend aus dem Frauengefängnis entlassen wurde und kurz danach sogar aus ihrem Heimatland ausreisen durfte. Noch ziemlich aufgewühlt ist sie, aber ungemein glücklich. Am späten Nachmittag fällt die Entscheidung, die verraten werden kann, da Autor und Buch längst gewürdigt und gefeiert wurden: Robert Menasse und sein EU-Roman "Die Hauptstadt". Es gibt ein Gläschen Sekt. Ich schaue auf die Stadt. Niemand außer uns kennt den Sieger.

Auf dem Weg zur Feierstunde im Kaisersaal des Römers spüre ich komischerweise so etwas wie Nervosität. Eigentlich ist das grundlos, da auf mich nichts mehr ankommt. Die Wahl ist getroffen, der kurze Film gedreht, die Laudatio formuliert und geschrieben. In diesem Moment aber beginne ich zu ahnen, welche Last die sechs Autoren heute Abend bis zum Römer tragen. Mit ihrer Platzierung auf der Shortlist waren sie allesamt Gewinner. Und der Button auf dem Cover ist immer verkaufsfördernd. Doch wenn der Name des Siegers fällt, gibt es fünf Zweitplatzierte. Sie Verlierer zu nennen, wäre obskur und blamabel. Für manchen Autor mag es sich dennoch so anfühlen.

Darum hat Menasse so lange nicht reagiert

Schließlich der Augenblick der Siegerehrung. Der Name fällt, doch Robert Menasse bleibt wie beschrieben versteinert sitzen. Am nächsten Abend, den ich bei einer Lesung mit Menasse in den Römerhallen verbringe, erfahre ich, warum. Ein Unbekannter hatte ihm gleich am Eingang anvertraut, dass er nicht enttäuscht sein solle, aber: Er sei's nicht. Das hat Menasse seiner Frau gesagt, und beide richteten sich auf einen unfreiwillig entspannten Abend ein.

Als dann doch sein Name fiel, regierte der Unglaube sein Hirn. Erst der Weg zur Bühne wird ihm zum Weg der Erkenntnis: Er ist es, der den Deutschen Buchpreis 2017 bekommt. Sagen kann er dann nicht viel. Er kämpft mit seiner Stimme, seiner Rührung. ,Mensch, heul doch endlich', sagt neben mir Ina Hartwig, die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt. Diesen Gefallen tut ihr Menasse aber nicht. Stattdessen macht er das, was er auf jeder Lesung praktiziert. Er zückt sein Handy, tritt an den Rand der Bühne und fotografiert sein Publikum. Später ist das Bild auf seiner Facebook-Seite zu finden.

Unsere Jury-Arbeit ist getan. Spät am Abend sitzen wir noch in der Hotel-Lobby zusammen. An den Nebentischen wird ausschließlich Englisch gesprochen. Agenten aus aller Welt, die am Vorabend der Buchmesse mit Lizenzen handeln. Das Geschäft geht weiter, der Literaturbetrieb schnurrt. Was bleibt, ist das Gefühl einer leisen Melancholie am Ende meines Buchpreis-Jahres 2017.

Quelle: RP
 
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