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Neue Diskussion über Hitlers Buch: "Mein Kampf" bald in der Buchhandlung?

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 27.05.2008 - 10:28

Düsseldorf (RP). Gift für die Demokratie – oder einfach nur ein schlechtes Buch? In Deutschland wird diskutiert, ob Hitlers Bekenntnisschrift neu herausgegeben werden sollte. Ein Plädoyer für eine wissenschaftliche Edition.

Adolf Hitler stürmt derzeit die türkischen Bestseller-Listen.  Foto: AFP, AFP
Adolf Hitler stürmt derzeit die türkischen Bestseller-Listen. Foto: AFP, AFP

Es ist ein schlechtes Buch. Und es ist gefürchtet. Denn es war – und ist – eins der wichtigsten Symbole des Nationalsozialismus. Adolf Hitlers "Mein Kampf", vor 83 Jahren erschienen, ist in Deutschland derzeit komplett nur in unkommentierten NS-Ausgaben zu lesen. Wenn es nach einer Reihe von Wissenschaftlern und Publizisten geht, wird sich das bald ändern. Dann könnte Adolf Hitler zurückkommen in die Regale der Buchhandlungen.

Denn es wird gestritten, ob "Mein Kampf" neu herausgegeben werden soll. Noch ist das ebenso unmöglich wie der Nachdruck. Bayerns Finanzministerium, auf das nach 1945 die Rechte des NSDAP-Parteiverlags übergegangen sind, verfolgt jeden Versuch rigoros.

Nicht, dass "Mein Kampf" attraktiver Stoff wäre: Die Propagandaschrift der an vielen kleinen Verführungen nicht armen Diktatur ist ein geschraubtes Konvolut von 800 Seiten, vollgestopft mit Vernichtungsphantasien und hemmungslosem Eigenlob. Zu beschaffen ist es trotz allem einfach: Es steht tausendfach als ungeliebtes, doch scheu gehütetes Erbstück in deutschen Wohnzimmern. Auch antiquarischer Verkauf ist erlaubt. Denn "Mein Kampf" ist nicht verboten. Man darf es besitzen, man darf es lesen. Man darf es nur nicht abschreiben oder kopieren – ein eigenartiger Zwischenzustand, der den "Kampf" zu einer Art publizistischem Zombie macht. "Mein Kampf" scheint braunes Leichengift zu verströmen.

Info

"Mein Kampf"

Entstehung Hitler schrieb an „Mein Kampf“ seit seiner Festungshaft in Landsberg. Dort war er wegen seines Putschversuchs 1923 inhaftiert. Das Buch erschien in zwei Teilen 1925 und 1926. Bis 1939 wurden mehr als 2500 meist kleine Änderungen eingefügt.

Verbreitung 1945 waren in Deutschland 12,5 Millionen Exemplare in Umlauf. Seit 1936 wurde das Buch an Brautpaare verteilt.

Rechtslage: Da Hitler bis zu seinem Tod in München gemeldet war, gingen die Rechte an dem Buch nach 1945 an den Freistaat Bayern über.

Historiker haben deshalb eine kommentierte Neuausgabe angeregt. Das Institut für Zeitgeschichte in München und das Dokumentationszentrum in Nürnberg machten den Anfang. Der Bielefelder Emeritus Hans-Ulrich Wehler schloss sich an. Auch Hans-Ulrich Thamer, Professor für Neueste Geschichte in Münster, ist für eine Edition. Er finde die Pläne "plausibel", sagte Thamer: "Die Sorge, dass Neonazis und Apologeten daraus Honig saugen, halte ich für unbegründet – dafür ist das Buch zu unattraktiv." Der Zentralrat der Juden ist für eine kommentierte Neuausgabe, der Publizist und Historiker Rafael Seligmann fordert gar völlige Freigabe.

Auch wenn prominente Juden für eine Edition eintreten – der Freistaat Bayern lehnt ab. Begründung: Respekt vor den Opfern des Holocaust. Außerdem hat sich der Fachbereichsleiter Printmedien der Bundeszentrale für politische Bildung gegen die Pläne ausgesprochen. Hans-Georg Golz, ebenfalls Historiker, zweifelt am Sinn einer Neuedition. Er frage sich, was man damit erreichen wolle, sagte Golz im Deutschlandfunk. So ein Argument aus Wissenschaftlermund überrascht. Denn welchen Nutzen eine Arbeit hat, erweist sich oft erst im Nachhinein. Und wenn die Wissenschaft wirklich der Wahrheitssuche verpflichtet ist, wie jeder Studienanfänger lernt, dann ist eine Edition von "Mein Kampf" geradezu Historikerpflicht. Auch wenn und gerade weil es kein Buch wie jedes andere ist.

2015 erlöschen die Rechte des Freistaats Bayern – 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers: In puncto Urheberrecht soll Adolf Hitler ein Fall wie jeder andere sein. Spätestens dann ist es möglich, "Mein Kampf"endlich systematisch aufzuarbeiten. Besser wäre, es geschähe schon jetzt. Denn so gelingt vielleicht, was Grundvoraussetzung für historisches Begreifen ist: Adolf Hitler als Kind seiner Zeit zu sehen, als einen aus der Unzahl völkischer Wirrköpfe, die die Weimarer Republik mit ihren Phantastereien überschwemmten.

Sebastian Haffner hat schon vor 30 Jahren beklagt, Hitler sei für die Deutschen immer einer gewesen, der von außen hereingebrochen sei – erst vom Himmel hoch, später aus den Schlünden der Hölle. Bis heute hat dieser Satz seine Berechtigung: Hitler bleibt vielen ein historisches Monster. Der Aufarbeitung des Nationalsozialismus hilft ein solches Denken freilich nicht – auch ein Hitler hat seine Wurzeln. Andererseits: Dass ausgerechnet dieser obskure Judenhasser ein paar Jahre später die Hauptfigur der Weltpolitik und einer der größten Verbrecher aller Zeiten werden sollte, war keineswegs zwangsläufig.

Der verquaste Weltentwurf, der "Mein Kampf" ist, hat die Machtergreifung jedenfalls nicht verursacht. Er hat sie aber auch nicht verhindert, denn "Mein Kampf"war und ist ein wenig, zu wenig gelesenes Buch. Was darin stammt direkt von Hitler, was schnappte er auf und arbeitete es um? Welche Varianten gibt es? Wie wurde "Mein Kampf" politisch instrumentalisiert? Alles Punkte, zu denen eine Edition Stellung nehmen müsste.

Adolf Hitler, unkommentiert in deutschen Buchhandlungen, sozusagen unter Fachliteratur, Buchstabe H – das ist in der Tat eine schwer erträgliche Vorstellung. Eine wissenschaftliche Edition von "Mein Kampf"aber dürfte uns weiterbringen. Und selbst wenn nicht: Deutschland wird das aushalten.

Quelle: RP

 
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