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Mike Krüger
"Als Baby war ich halbseitig gelähmt"

Mike Krüger - als Baby war ich halbseitig gelähmt
Mike Krüger hatte einen schweren Start ins Leben - Lachen war nicht das schlechteste Gegenmittel. FOTO: Daniel Reinhardt
Mike Krüger ist seit 40 Jahren als singender und sprechender Komiker unterwegs. Doch ein unstetes Leben führt er seit seiner Geburt – ein Gespräch über die Jugend in einem 42-Mann-Schlafsaal, die erdende Kraft der Ehefrau und eine schwere Geburt. Von Sebastian Dalkowski

Wer Ihre Autobiografie "Mein Gott, Walther" liest, hat das Gefühl: Sie waren quasi immer auf der Durchreise. Schon bei Ihrer Geburt. Weil Sie zwei Monate zu früh waren, kamen Sie nicht in Hamburg, sondern in Ulm zur Welt. Was wissen Sie davon?

Mike Krüger Meine Eltern waren auf Geschäftsreise und mit dem Auto auf dem Weg zurück nach Hamburg. Es soll extrem chaotisch gewesen sein. Ein großes Glück war, dass ich mich in Ulm entschieden hatte, auf die Welt zu kommen. Weil es dort eine für die Zeit sehr gut ausgestattete Kinderklinik gab. Ich war anfangs halbseitig gelähmt und lag ein halbes Jahr im Brutkasten, bevor ich nach Hamburg durfte. Der Professor hat mir das Leben gerettet. Überall anders hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft.

Sie haben Ulm Ihre Karriere zu verdanken.

Das kann man so sehen.

Hat Ulm je mit Ihnen geworben?

Nein, aber die haben ja auch Einstein. Damit wirbt die Stadt vermutlich lieber.

Hat Hamburg mit Ihnen geworben?

Nein, aber Quickborn, wo ich lange gewohnt habe. Der berühmte Liedermacher Franz Josef Degenhardt hat dort ebenfalls gelebt. Der hat mir mal erzählt, dass er in Frankreich an der Grenze zu Deutschland angehalten worden ist und den ganzen Kofferraum voller Rotwein hatte. Als der Zöllner in seinem Ausweis gesehen hat, dass er in Quickborn wohnt, hat er gesagt: "Ah, Mike Krüger, Quickborn. Schöne Grüße!"

Schon als Kind haben Sie nicht viel Zeit zuhause gebracht, sondern bei Ihrer Großtante. Was hat Sie dorthin getrieben?

Ich wohnte sehr behütet, aber ich lebte mit meiner Stiefmutter und meiner Stiefschwester zusammen, zu denen ich kein gutes Verhältnis hatte. Mein Vater war Geschäftsführer einer Wohnungsbaugesellschaft und deshalb nie zuhause. Tante Minna wohnte in einer dieser Nissenhütten, Wellblechhütten, die nach dem Krieg für die Flüchtlinge gebaut wurden. Meine ganze Familie kam aus Ostpreußen. Es gab ein Plumpsklo auf dem Hof und eine Wasserschüssel, ein Bett für die Tante, einen Sessel für den Onkel und ein Radio. Das war's dann. Und einen riesigen Garten. Der Onkel hat mir ein Katapult und ein Blasrohr gebaut und was man als Junge alles brauchte. Das fand ich spannend und bin deshalb oft sehr spät wieder nach Hause gekommen.

Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Nicht, dass ich damals schon genau darüber nachgedacht hätte, aber es hat mir gezeigt, dass Glück nicht von materiellen Werten abhängt.

Als die Leistungen in der Schule nachließen, hat Ihr Vater Sie mit zehn aufs Internat nach Büsum geschickt. Schon wieder waren Sie also auf der Durchreise. Vermutlich waren Sie nicht sehr begeistert.

Da fühlte ich mich wie weggesperrt. Es war keines dieser Nobelinternate wie bei Hanni & Nanni. Wir haben mit 42 Jungen in einem Saal geschlafen und jeder hatte eine kleine Arbeitsecke für sich in einem Sechs-Mann-Zimmer. Ich war der Kleinste und hatte das Problem, in der Hierarchie ganz unten zu stehen. Deshalb musste ich aufpassen, einigermaßen heil durch den Tag zu kommen. Pubertierende Jungs lassen die Gewalt gerne mal an Schwächeren aus.

Haben die Lehrer Sie auch geschlagen?

Lehrer haben geschlagen, sie durften auch schlagen. Wenn es zum Beispiel Randale im Schlafsaal gab, kamen sie hoch, und dann gab es was mit dem Rohrstock. Die hatten keine Hemmungen und waren für mich eine fast genau so große Gefahr wie die älteren Mitschüler. Auf diese Zeit hätte ich gerne verzichtet.

Haben Sie sich nicht einsam gefühlt?

Sehr. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Man schließt sich diesem aggressiven Tun an oder versucht, es mit Humor zu überstehen. Diesen Weg bin ich gegangen. Zum Glück wurde ich schnell sehr groß und deshalb weniger verprügelt. Wenn man dann noch alle zum Lachen bringt, hat man plötzlich viele Freunde.

War das der Beginn Ihrer Humorbildung?

Auf jeden Fall habe ich gemerkt, dass man mit Humor gut ankommt und Freunde gewinnen kann.

Sie müssen sich auch sehr heimatlos gefühlt haben, oder?

Der NDR hat mich kürzlich gefragt, was für mich Heimat ist. Da habe ich gesagt: Heimat ist für mich da, wo meine Familie ist, also meine Frau und meine Tochter. Heimat ist für mich kein Ort. Das war auf meinen Tourneen von Vorteil.

Ich frage deshalb, weil Sie auf dem Internat begonnen haben, Gedichte zu schreiben, später haben Sie auch mit der Gitarre angefangen. War die Kunst ein Rückzugsort, den Sie immer dabei hatten?

Die Gedichte haben mir schon geholfen. Aber extrem geholfen hat die Musik. Sich hinzusetzen und ein Lied zu schreiben – das hat mich sehr bestätigt. Das Schreiben war für mich sogar interessanter als das Vortragen. Ich habe mal gesagt: Ich trage das nur vor, weil ich niemanden gefunden habe, der das so macht, wie ich mir das vorstelle.

Ihren ersten großen Hit "Mein Gott, Walther" haben sie ebenfalls unterwegs geschrieben, nämlich im Urlaub an einem See in Garmisch-Partenkirchen. Da waren Sie noch Schüler.

Wenn ich es damals schon rausgebracht hätte, 1966, hätte es vermutlich keinen interessiert. Aber 1975 war das anders. Da hat es den Zeitgeist getroffen.

Wie war der?

Die 68er waren gerade vorbei, die Jungs fingen an, sich lange Haare wachsen zu lassen, die Leute machten, was sie wollten. Und dann entstand eine Comedyszene in Berlin mit Ulrich Roski und Schobert & Black, das waren die großen Comedy-Helden, die auch Lieder sangen. Und dann kam jemand aus Hamburg, der ein völlig beklopptes Lied sang, dabei ein komisches T-Shirt trug und auf einer billigen Gitarre spielte. Jeder, der drei Griffe konnte, konnte ein Lied vortragen.

Sind Ihre Lieder unterwegs entstanden?

Ich hatte für lange Autofahrten auf jeden Fall immer ein Diktiergerät dabei. "Nippel" ist zum Beispiel entstanden, als ich mir an einer Würstchenbude an der Autobahnraststätte beim Öffnen eine dieser Senftuben über die Jacke gespritzt habe. Daraufhin schrieb ich ein Lied über Verpackungen, die nicht aufgehen.

Haben Sie das Wort "Nippel" in Deutschland populär gemacht?

Ich denke schon.

Nach "Mein Gott, Walther" waren Sie Jahrzehnte quasi nur noch unterwegs. War das Reisen für Sie ein notwendiges Übel oder ein großes Abenteuer?

Beides. Ich kann zum Glück in jeglicher Art von Bett schlafen, worum mich die Kollegen beneidet haben. Es hat mir aber immer was ausgemacht, extrem lange von meiner Familie weg zu sein, also von meiner Frau und meiner Tochter.

Warum sind Sie dann so viel getourt?

Wenn mir einer 1980 gesagt hätte, dass ich irgendwann mal 17 Jahre lang mit die erfolgreichste Werbung mache und gut dotierte Werbeverträge haben würde, dann hätte ich mir ganz viele Tourneen gespart. Als selbständiger Familienvater im Showgeschäft, wo man nicht weiß, wie lange es weitergeht, war ich sehr getrieben und wollte alles mitnehmen, was kommt. Und wenn es dann durchgehend läuft, ist man in so einer Mühle drin. Aber meine Frau wusste ja, mit wem sie zusammenlebt. Sie war schließlich auch meine oberste Managerin.

Wie reisen Sie am liebsten?

Mit dem Auto. Und am liebsten fahre ich selbst. Ich bin gerne alleine im Auto, weil ich dann in Ruhe nachdenken kann. Aber das ist weniger geworden. Die Straßen sind einfach immer voller geworden.

Waren Sie je in einen Verkehrsunfall verwickelt?

Einmal. Da hatte ich gerade mein neues Auto in Stuttgart abgeholt und war auf dem Weg nach Hause. Es war ziemlich nass. Einer fuhr vor mir quer raus, ohne in den Rückspiel zu gucken. Ich kam ins Schleudern, prallte gegen die Leitplanke, drehte mich und landete auf dem Seitenstreifen. Unverletzt. Zum Glück kannten mich damals alle Lkw-Fahrer und kümmerten sich sofort um mich: "Das biegen wir dir mal kurz grade".

Laut der Schilderungen in Ihrer Autobiografie wurde damals auf Tour viel getrunken. Wie haben Sie es geschafft, nicht zum Alkoholiker zu werden?

Ich habe mich da eher zurückgehalten. Aber bei Feten haben alle ganz schön hingelangt. Es gibt diese Geschichte von Eric Clapton, der ganz viele Konzerte im Liegen gespielt haben soll. Weil er nicht mehr stehen konnte. Aber es fiel niemandem auf, weil es dem Publikum ähnlich ging. Vor und nach Konzerten habe ich höchstens mal ein Glas Wein getrunken. Wer allein tourt, muss auf sich achten.

Welcher Ihrer Kollegen hat am meisten vertragen?

Das möchte ich jetzt nicht sagen.

Was war die größte Macke, die Sie entwickelt haben?

Ich habe ziemlich wenige Macken – zum Erstaunen meiner Techniker. Ich bin extrem pünktlich. Da verstehe ich keinen Spaß. Wenn ich um 18 Uhr Soundcheck anordne auf der Tournee, erwarte ich, dass da um 18 Uhr meine Gitarre steht, fertig gestimmt, fertig angeschlossen, das Mikro ebenfalls. Das wusste jeder, und deshalb war auch immer um 18 Uhr Soundcheck.

Sind Musiker auf Tour eigentlich noch Teil der Gesellschaft oder leben die in einer Parallelwelt?

Genau dort lebt man. Das führt auch dazu, dass es, wenn man aus dieser Welt wieder nach Hause zurückkehrt, zu Spannungen kommt. Wer derjenige ist, um den es auf einer Tour geht, der wird von allen verhätschelt. Denn jeder möchte, dass es dem gutgeht. Ich wurde vom Team immer schon beim Frühstück gefragt: Geht's dir gut? Brauchst du irgendwas? Was möchtest du essen? Ein leichtes Kratzen im Hals führt sofort dazu, dass jemand zur Apotheke läuft. Und dann komme ich nach Hause und die Ehefrau sagt: Also früher haben wir doch noch immer zusammen den Tisch abgeräumt. Du hast auch früher mal Kartoffeln geschält. Bist du jetzt ein Star, oder was? Meine Frau Birgit hat mich in meinen jungen Jahren immer erst einnorden müssen.

Fühlen Sie sich noch immer wie auf der Durchreise?

Nicht mehr. Ich bin gut angekommen in Hamburg. Ich glaube, hier bleiben wir.

Und wann ist Schluss?

Ich werde mich bestimmt nicht offiziell verabschieden. Solche Abschiedsgeschichten finde ich fürchterlich, vor allem, wenn jemand dann nach zwei Jahren wieder zurückkehrt, weil die Fans ihm angeblich ganz viele Mails geschrieben haben. Deshalb werde ich kein Datum setzen. Irgendwann kommt wieder Plan B und jemand sagt "Mike, haste nicht Lust Theater zu spielen?"

Aus finanziellen Gründen müssten Sie aber nicht weitermachen, oder?

Da müsste ich meine Frau fragen. Vermutlich sagt sie dann: Musst du nicht mehr.

 
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