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Navid Kermani im Interview
"Niemand begreift die Liebe"

Navid Kermani über Roman "Sozusagen Paris": "Niemand begreift die Liebe"
Navid Kermani in seinem Kölner Büro. FOTO: Anne Orthen
Navid Kermani ist einer der profiliertesten Intellektuellen der Republik. Im neuen Roman des Deutsch-Iraners trifft der Ich-Erzähler unverhofft seine Jugendliebe wieder. Ein Gespräch über Literatur, Einwanderung und Bundespolitik. Von Philipp Holstein

Das Büro von Navid Kermani liegt am Kölner Eigelstein, in einem Multikulti-Viertel. Über der Klingel klebt ein Zitat von Lars von Trier: "Erwarten Sie das Gute und das Böse". Was Kermani Büro nennt, ist in Wirklichkeit ein schmaler Wohnflur mit Küche, Schreibtisch und Matratze. An den Wänden stehen Regale, darin alphabetisch geordnete Bücher: Balzac, Goethe und Proust haben sich besonders viel Platz erobert. Der Muslim Kermani ist Essayist, Reporter, Denker und habilitierter Orientalist. Er bekam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und hielt die Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes.

Der 48-jährige Deutsch-Iraner wurde in Siegen geboren und lebt seit 30 Jahren in der Stadt. Er ist Fan des 1. FC Köln und kickt selbst einmal die Woche in einer Thekenmannschaft. Am Montag veröffentlicht er seinen neuen Roman. "Sozusagen Paris" setzt die Geschichte von Kermanis Roman "Große Liebe" (2014) fort: Der Ich-Erzähler, der die Züge Kermanis trägt und ein Buch über seine Schulhofliebe Jutta schrieb, trifft die einstmals Angehimmelte bei einer Lesung wieder. Kermani wischt die Neuübersetzung von "Madame Bovary", die auf seinem Schreibtisch liegt, zur Seite und serviert Kaffee. Zur Zeit wird er oft als Kandidat für die Nachfolge Joachim Gaucks als Bundespräsident genannt. Aber bei diesem Thema winkt er genervt ab, da wird er streng: Das möchte er auf keinen Fall kommentieren.

Stimmt es, dass Sie im Büro kein Internet haben?

Navid Kermani Ja.

Warum nicht?

Kermani Ich könnte dann nicht arbeiten. Und die Informationen, die ich verwende, kann ich in der Regel zuverlässiger aus Büchern beziehen. Natürlich googele ich abends, wenn ich zu Hause bin, aber für die tägliche Arbeit käme zu viel und vor allem zu viel Zufälliges, Überflüssiges heraus, das kostet dann nur Zeit.

Glauben Sie, in 20 Jahren ist noch jemand in der Lage, einen Mammut-Roman wie "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann zu lesen?

Kermani Eine Minderheit wird das bestimmt können. Aber wie weit so etwas zur Allgemeinbildung gehört, zu einer Kultur, die das Bewusstsein prägt, das weiß ich nicht. Das sehe ich eher skeptisch.

Ich meinte das auch in Bezug auf die Konzentrationsfähigkeit.

Kermani Mein Eindruck ist, dass sich doch wieder mehr junge Leute für Literatur interessieren - sicher nicht so viele wie früher, aber die wenigen oft um so begeisterter. Ich glaube, es wird irgendwann auch wieder cool werden, kein iPhone zu haben. Genauso, wie es heute bei einigen schon wieder cool ist, kein WhatsApp zu haben. Das Problem ist weniger der einzelne Leser, den wird es immer geben. Die Frage ist: Können wir als Gesellschaft noch etwas anfangen mit diesem großen Archiv? Wenn nicht mehr genügend Menschen wissen, was Pfingsten ist, wenn nur noch wenige die Bibel kennen oder Thomas Mann, dann haben Kultur und Gesellschaft nichts mehr, das sie verbindet. Und wenn eine Gesellschaft nicht mehr genug hat, das sie verbindet und konstituiert - und dazu gehört nicht nur Großartiges, sondern etwa auch das Wissen um Auschwitz -, wird sie anfällig für Demagogie. Dann sucht sie andere, gefährliche Mittel, um sich ihrer selbst zu vergewissern - das einfachste Mittel ist immer die Abgrenzung von anderen.

Ihr neues Buch erinnert mich an Karl Ove Knausgård, der sein Leben in einer Reihe von Büchern in Echtzeit erzählt. Haben Sie ihn gelesen?

Kermani Nein. Aber vor 100 Jahren gab es doch schon Knausgård. Marcel Proust, der sich in der "Suche nach der verlorenen Zeit" Marcel nennt. Das ist im Kern ein ähnliches Projekt, das bei Proust allerdings viel weiter reicht und auch spannender ist. Diesen Erzählmodus, das eigene Leben als Selberlebensbeschreibung, wie Jean Paul es nennt, das ist überhaupt nicht neu. Auch Jean Paul ist ja selbst in seinen Romanen aufgetreten. Da wird das "Making Of" Teil der Fiktion; die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion ist gesprengt. Das gibt es auch im Theater seit jeher als Beiseitesprechen oder im Film, wenn er nicht gerade aus Hollywood kommt.

Ihr Erzähler sagt, er würde nur dort schreiben, wo er etwas nicht versteht. Beschreibt das auch Ihre Poetik?

Kermani Ja, in gewisser Weise. Mich lassen ja zum Beispiel auch jene Musiken nicht los, die ich nicht verstehe. Genauso bei Menschen: Menschen, die ein Geheimnis haben, sind natürlich viel spannender als jene, die man zu durchschauen, einzuordnen glaubt, und Geheimnis heißt ja, dass man sie nicht versteht. Also will man wissen und fragen. Deshalb reise ich so viel, gerade in Länder, die Krieg führen: Was ist da los, was treibt die Menschen um, wie geht es ihnen? Diese Neugierde ist ein Grundantrieb meiner Arbeit.

Auf die letzten beiden Romane bezogen würde das heißen, dass Sie die Liebe nicht verstehen.

Kermani Ja. Versteht die denn überhaupt jemand?

Ich nicht.

Kermani Niemand tut das. Genau deshalb gibt es Liebesliteratur seit 5000 Jahren. Als 15-Jähriger meinte ich genau zu wissen, was Liebe ist - nämlich das, was ich gerade für ein Mädchen fühlte. Aber je länger man liebt, desto weniger weiß man, was davon nun Liebe ist, und was Selbstsucht, Eitelkeit, Gewohnheit.

Das heißt, Liebe ist selbstbezüglich?

Kermani Sie ist immer eine Projektion - bis zu dem Grade, dass der andere bisweilen regelrecht stört, weil man eigentlich in das Bild verliebt ist, das man sich vom anderen macht.

Ihr Erzähler ist eitel. Wie ist das beim echten Navid Kermani?

Kermani Der Erzähler sagt, dass er eitel ist, und dadurch ist er schon mal nicht ganz so eitel.

Das kann Strategie sein.

Kermani Man könnte die Schraube noch weiterdrehen: Derjenige, der weiß, dass er eitel ist, sagt, dass er eitel ist, weil er weiß, dass er dadurch nicht mehr als ganz so eitel gilt.

Durch Ihre Romane zieht sich das Bestreben, den Leser zu verbinden mit seinen Vorgängern, ihn also in eine Tradition zu stellen. Man könnte sagen: Sie stiften Gemeinschaft über die Zeiten hinweg.

Kermani Ich stifte ein Kontinuum. In dem Moment, da wir über Liebe reden, reden wir mit all dem, was vorher schon über Liebe gesagt wurde. Was immer wir von der Liebe sagen, sagen wir vor einer Bibliothek von Liebesliteratur oder auch Filmen, den Bildern, Liedern, Motiven der Kulturindustrie.

Man kann also nicht mehr in Reinform über die Liebe sprechen?

Kermani Die Reinform hat es nie gegeben, weil wir schon mitbekommen, wie Liebe sein soll, bevor wir zum ersten Mal selbst lieben. Und das behindert uns oft. Wollen wir etwas, weil wir es unmittelbar wollen? Oder wollen wir etwas, weil wir glauben, dass wir es wollen sollten?

Wie kann man sich davon befreien?

Kermani Am ehesten, indem man sich seiner Vorprägung bewusst wird. Indem einem klar wird, dass man nicht der erste Mensch ist, der liebt. Wir können uns nicht in den Stand der Unschuld zurückversetzen. Aber wir können unsere Verstrickung zu verstehen versuchen.

Ich glaube, dass viele Menschen unsere Zeit als Transit begreifen. Als Übergang zu etwas Schlechterem. Können Sie das nachvollziehen?

Kermani Ja, sehr. Diese Gated Community, die wir uns gebaut haben, ist nicht aufrecht zu erhalten, das spüren wir. Einerseits ist es gut, dass wir das endlich merken, aber es ist zugleich beunruhigend. Die Vorstellung, dass wir auf Dauer unser Wohlstandsleben führen können, Bioprodukte kaufen und liberal sein, während ringsherum Staaten zusammenbrechen, Kriege ausbrechen, die Armut wächst, ist unrealistisch. Es ist ein Übergang. Wir haben noch Chancen einzugreifen, aber wenn wir das nicht tun. . .

Sie sind gerade aus Osteuropa zurückgekehrt.

Kermani Der Plan ist, für eine Serie von Reportagen in einem großen östlichen Bogen von Deutschland aus über das Baltikum und dann südlich bis über den Kaukasus und nach Iran zu reisen, entlang des Risses, der durch Europa führt. Den ersten Teil der Reise, bis in die Ukraine, habe ich gerade hinter mir. Das ist zum Teil ein geistiger Riss, der sich durch alle europäischen Gesellschaften zieht: In welchem Europa wollen wir leben? Aber es ist eben auch an manchen Orten ein geografischer Riss. In Litauen wissen die Menschen: 50 Kilometer weiter ist Putin, und der will etwas anderes als wir. Im Osten der Ukraine ist es kein Riss mehr, sondern eine Kriegsfront.

In Ihrem Reportage-Band "Einbruch der Wirklichkeit" bezeichnen alle Offiziellen, die sie befragten, das europäische Asylsystem als Wahnsinn. Was kann man tun, um diesen Wahnsinn aufzulösen?

Kermani Man wird grundsätzlich die Flüchtlingsproblematik nicht lösen können. Weil die Fluchtursachen nicht auf kurze Frist lösbar sind. Selbst wenn der Syrienkonflikt beendet ist, gibt es noch genug andere Ursachen für Flucht. Die Frage, ist, wie gehen wir damit um, wie richten wir uns damit ein? Wie finden wir eine Lösung, die einigermaßen human ist, aber unsere Gesellschaft nicht sprengt?

Wie könnte die Lösung aussehen?

Kermani Ich kann Ihnen jetzt natürlich nicht die Lösung des Flüchtlingsproblems anbieten. Aber klar ist: Man muss Asyl von Einwanderung trennen. Solange wir keine legalen Möglichkeiten der Einwanderung haben, müssen alle versuchen, über das Schlupfloch Asyl hierher zu kommen. Damit wird das System gesprengt. Die Zahlen sind einfach zu hoch. Dafür sind unser Asylrecht und auch unser Grundgesetz nicht ausgelegt.

Einwanderung sollte sich also nach den Bedürfnissen der Aufnahmegesellschaft richten?

Kermani Wir müssen sagen können, wen wir im Augenblick brauchen. Jemand, der hingegen politisch verfolgt wird, genießt unabhängig von unseren ökonomischen Erfordernissen Schutz. Die politisch Verfolgten allein würden uns nicht überfordern. Und dann gibt es etwa Kriegsflüchtlinge, noch ein anderer Fall, bei denen nur die internationale Gemeinschaft zusammen gerechte und vertragliche Lösungen finden kann. Keine Gesellschaft wird alleine die Zahl der Kriegsflüchtlinge etwa aus Syrien bewältigen können.

Sie füllen eine Leerstelle aus, die in den vergangenen Jahren oft beklagt wurde: der öffentliche Intellektuelle, der sich einbringt.

Kermani Die Vorstellung, dass ich zu allem meine Meinung kundtue, ist für mich ganz fürchterlich. Wenn ich etwas Spezifisches beitragen kann, melde ich mich. Aber oft ist das auch nicht der Fall, und dann halte ich auch den Mund. Wir haben ja ohnehin viel zu viele Meinungen.

Zu viele?

Kermani Ja, von jedem zu allem, möglichst laut und dezidiert, jeden Abend in den Talkshows oder als Kolumnen in den Zeitungen. Was objektiv zurückgegangen ist, sind hintergründige Berichte, sind Informationen, das sind etwa auch die Reportagen, zumal aus dem Ausland und auch aus Regionen, wo es noch nicht knallt. Wenn Schriftsteller etwas tun können und sollen, dann nicht primär, eine weitere Meinung abzugeben, sondern Wirklichkeit in ihrer Widersprüchlichkeit beschreiben, mit allen Zwischentönen und auch in ihrem Grau.

Sie werden als Nachfolger Joachim Gaucks gehandelt. Ist Deutschland bereit für einen Bundespräsidenten mit Migrationshintergrund?

Kermani Migrationshintergrund ist ein solches Wortungetüm, dafür ist die deutsche Sprache viel zu schön.

Navid Kermani ist einer der profiliertesten Intellektuellen der Republik. Im neuen Roman des Deutsch-Iraners trifft der Ich-Erzähler unverhofft seine Jugendliebe wieder. Ein Gespräch über Literatur, Einwanderung und Bundespolitik.

Quelle: RP
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