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Preisträger für Literatur gesucht: Nobelpreis aus der Giftküche

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 11.10.2006 - 15:01

Düsseldorf (RP). Am Donnerstag wird die Jury der Schwedischen Akademie den Literaturnobelpreisträger bekannt geben. Wer es auch sein wird - das Komitee steht seit langem in der Kritik: Es sei inkompetent, willkürlich, und seine Mitglieder seien zu alt.

Den Nobelpreis für Physik erhält in diesem Jahr ein Deutscher. Foto: RPO

Morgen wird wieder das Lesevolk wieder gespalten. Die Meldung aus Stockholm über den neuen Literaturnobelpreisträger lässt erfahrungsgemäß die einen jubeln und die anderen tief verletzt schweigen, wobei die Frustrierten stets in der Überzahl sind, da die Zahl der ambitionierten Nicht-Gewählten die des Gewählten überflügelt.

Zumeist fröhlich dürften Buchhandel und der glückliche Verlag reagieren. Der Preis an Imre Kertész 2002 hat den „Roman eines Schicksallosen“ bis heute in die 20. Auflage gepuscht, beim Steidl-Verlag gab es 1999 einen ähnlichen Effekt mit der Neuerscheinung „Mein Jahrhundert“, als Grass den Lorbeer bekam. Schwerer haben es Dramatiker wie Harold Pinter oder Dario Fo. Für Theatertexte bleibt die Ladentheke eine große Hürde.

Wie auch immer: Vereint werden sich alle über die Jury mokieren, die unter Lesern als Stätte der Unkenntnis und Willkür gilt. „Snille och smak“ (Geist und Geschmack) - der Wahlspruch der Schwedischen Akademie - scheinen in der Arbeit der 18 Juroren nicht oft zu walten. Ganz unverblümt wird immer mal wieder gefragt, ob denn die Nobel-Jury verkalkt sei, was gerontologisch zumindest nicht auszuschließen ist: Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei 72 Jahren, und das ist noch ein guter Wert, nachdem in diesem Jahr Östen Sjöstrand (80) und Lars Gyllensten (84) verstorben sind.

Zu den Besonderheiten des Gremiums gehört, dass die Mitgliedschaft erst mit dem Lebenslicht des Jurors erlischt. Austreten kann man nicht, im Extremfall lassen sich die Sitzungen schwänzen - aus Wut oder Protest. Den gab und gibt es innerhalb der eigenen Reihen oft. Weil sich das Komitee 1989 nicht durchringen konnte, Salman Rushdie zu wählen, nachdem Ajatollah Chomeini gegen ihn das Todesurteil verhängt hatte, kehrten drei Mitglieder der Akademie den Rücken. Und Knut Ahnlund verordnete sich selbst 2005 ein lebenslanges Sitzungsfrei nach der Wahl von Elfriede Jelinek.

Er verpasst fortan die hundertfachen Kandidaten-Vorschläge, die Stockholm in aller Welt bei Wissenschaftlern, Kritikern und Institutionen (etwa dem PEN) anfordert. Er verpasst auch das Gezänk um die Namen, ein Gezerre, das ohne Kriterien und oft in Kenntnislosigkeit geführt wird, wie der ebenfalls Jury-Abtrünnige Lars Gyllensten in einem Buch enthüllte. Die Gespräche im Stockholmer Börshuset haben absolut nichts Nobles.

Als trauriger Tiefpunkt der Komiteearbeit aber gilt das Jahr 1974, als Eyvind Johnson und Harry Martinsson der Nobelpreis zugesprochen wurde - beide waren Schweden und Mitglieder der Jury. Der Spott war so groß, dass Martinsson wenige Jahre später Selbstmord beging, indem er sich mit einer Schere den Bauch aufschnitt.

Geläufig geworden ist das Wort vom Stockholmer „Schlangennest“, in dem nach den Worten von Autor Eckhard Henscheid „bloß Pfeifen und bestensfalls dünne Querflöten“ ausgebrütet werden. Statt Kanonbildung tobe dort die „normative Kraft des Halbdebilen“.

Vielleicht tragen auch solche verbalen Vernichtungsfeldzüge zur Lebensdauer des Preises bei - wie auch alle Skandale, wie die Ignoranz gegenüber außereuropäischer und experimenteller Literatur, wie schließlich etliche Fehlurteile, zuletzt bei Gao Xingjian (2000), Dario Fo (1997) oder Jelinek (2004). Es ist die Unberechenbarkeit des Komitees, sein Hochmut und seine Lebenslänglichkeit, die uns schaudern und staunen machen. Dieser Nobelpreis ist im emsigen Literaturbetrieb ein Rädchen, das hakt und blockiert. Aber einmal im Jahr, an einem Donnerstag im Oktober, wird mit der Verkündigung des neuen Nobelpreisträgers fidel behauptet: Und es dreht sich doch.


 
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