| 18.08 Uhr

Buch-Sensation
Noch eine Deutschstunde mit Siegfried Lenz

Aus dem Leben des Schriftstellers Siegfried Lenz
Aus dem Leben des Schriftstellers Siegfried Lenz FOTO: dpa, gam_sv wst
Hamburg. 1952 hat Bestsellerautor Siegfried Lenz den Kriegsroman eines Überläufers geschrieben. Der wurde damals abgelehnt, denn man fürchtete, die Leser würden sich empören. Jetzt erscheint das Buch - es ist eine Sensation. Von Lothar Schröder

Die spannendste Neuerscheinung in diesem Bücher-Frühjahr ist vor 64 Jahren geschrieben worden; und ihr Autor starb 2014. Das alles klingt also nach einem mehr oder weniger archäologischen Projekt. Doch wäre das die völlig falsche Mitleidsgeste für einen wirklich großen Roman, den vielleicht besten, den Siegfried Lenz geschrieben hat. "Der Überläufer" heißt er, der kürzlich im Nachlass des Autors als Typoskript überraschend gefunden wurde. Niemand wusste davon, Lenz sprach nie darüber.

Ein literarischer Sensationsfund

Das wäre dann die putzige Geschichte eines literarischen Sensationsfundes. Doch es gibt noch eine andere Variante dieser Publikationshistorie, eine skandalöse, die den Geist im Nachkriegsdeutschland spiegelt. So wurde der zweite Roman von Lenz - 1951 war bereits mit Erfolg "Es waren Habichte in der Luft" erschienen - aus offenbar politischen Gründen abgelehnt. Diverse Lektoratsgutachten, die der Verlag Hoffmann und Campe eingeholt hatte, legen dies unverblümt nahe. So erschien die Geschichte eines deutschen Soldaten, der an der Ostfront aus Gewissensgründen zur Roten Armee überläuft, kaum vermittelbar. "Ich weiß nicht, wie die jüngeren Leser auf das Buch reagieren werden, die Älteren werden es meines Erachtens ablehnen, welche sich verpflichtet gefühlt haben, an der Front auszuhalten", heißt es in einer Expertise.

Unmissverständlicher agiert der Lektor Otto Görner, der für seine harsche Ablehnung des Manuskripts das geistige Klima der Adenauer-Zeit beschwört. "Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein. Sie können sich maßlos schaden, da helfen Ihnen auch Ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht", heißt es in einem Schreiben von 21. Januar 1952 an Lenz. Görner hält es sogar für äußerst "gefährlich", den Roman im bisherigen Zustand zu veröffentlichen: "Er würde, was seine ,Gesinnung' betrifft, stark unter die Lupe genommen werden. Spannend und apart zu erzählen, reicht nicht aus."

Änderung des Titels

Viel müsse umgeschrieben werden, heißt es - woran sich Lenz in seiner zweiten Fassung, sehr zum Unmut seiner Richter, bestenfalls unzureichend hält. Zwischenzeitlich wird auch über eine Änderung des Titels nachgedacht; "Der Sumpf" wird in Betracht gezogen. Es wird wohl für immer ungeklärt bleiben, warum der Autor alles ziemlich brav hinnahm; warum er bei seinem Verlag blieb und er auch später nie mehr versuchte, den Roman zu veröffentlichen. Zumal dieses Buch keine Fingerübung eines 25-Jährigen ist, sondern ein Meisterwerk. Wuchtig, mutig und wie viele große Romane ungehobelt. Hier liefert kein arrivierter Autor einen weiteren Bestseller ab - die Gesamtauflage von Lenz-Büchern soll bei 25 Millionen Exemplaren liegen -, vielmehr schreibt sich ein junger Mann und Kriegsheimkehrer sprachgewaltig viele Fragen von der Seele.

Was für ein Roman ist "Der Überläufer", was für eine Geschichte! Walter Proska überlebt auf dem Weg zur Ostfront den Anschlag auf seinen Zug mit viel Glück. Er landet mitten in den polnischen Sümpfen bei einer siebenköpfigen Wehrmachtstruppe. Die hat sich in der Wildnis in einem Blockhaus namens "Waldesruh" verschanzt und soll irgendeinen Bahndamm vor über 100 Partisanen beschützen. Alles ist irrwitzig, grotesk und auf makabere Weise hoffnungslos. Die Landser wünschen sich, in den Tümpeln des Vergessens einfach unterzutauchen; das Gefühl schweren Überdrusses macht sich breit. "Es war der besonnene Hochmut zum Tode", heißt es.

Töten und Getötetwerden

In diesem Töten und Getötetwerden gibt es unglaublich schöne Beschreibungen, in denen sich die Natur erhebt über die scheinbare Zivilisation der Krieger. "Der Himmel sah hoffnungslos heiter zu, und die Sonne schlurfte lautlos, wie eine alte, gewichtslose Frau, über die Baumkronen." Wie die Sinnlosigkeit des Krieges an alle Beteiligten exekutiert wird. Bis einer ausbricht. Bis einer nicht mehr seine Pflicht tut, sondern dem Gewissen folgt. Das ist Walter Proska. Und dass er wie Lenz im ostpreußischen Lyck geboren wurde, darf als Hinweis gelten, dass der Autor seinen Helden mit durchaus vertrauten Ansichten ausstattete. Und die sind imponierend - nicht nur im Jahr 1952, aber besonders doch zu dieser Zeit. Die sogenannte Pflicht sehen die Landser nämlich als "rhetorisches Sickergift". Wer sich dagegen immunisiert, kommt zu Einsichten wie diesen: "Wir sind auch Deutschland und nicht nur die anderen, und es wäre doch eine komplette Idiotie, wenn wir uns, die wir Deutschland sind, für Deutschland, also für uns selbst, opferten."

"Die Freuden der Pflicht" hieß das Aufsatzthema, an dem der junge Siggi Jepsen in dem Lenz-Roman "Die Deutschstunde" scheitert. Dieses nationale Unterrichtsfach hat Lenz nie losgelassen. Kant hat die Pflicht zur Tugend erhoben und Schiller als Idealmoral erklärt. Die Nazis nutzten schließlich die Vorarbeiten, die Pflicht zu instrumentalisieren - zu einem menschenverachtenden Gehorsam. Ohne "Der Überläufer" wäre "Die Deutschstunde", die 16 Jahre später im Aufklärungs-Klima der 68er Generation erschien, vielleicht nicht möglich gewesen. "Der Überläufer" ist aber kein Prolog; er ist von beiden das bessere Buch.

Der Geist der Zeit

Auch die Ablehnung des Romans erzählt vom Geist der Zeit; vom Unbewältigten der eigenen Schuld. 1959 wird Grass in seiner "Blechtrommel" die Menschen in den "Zwiebelkeller" schicken, damit sie im Angesicht der Knolle zur Trauer fähig werden. Lenz war früher. Und das Frappierende ist, dass sein "Überläufer" so aktuell wie eine richtige Neuerscheinung ist: "Wer kontrolliert denn die Werte der Welt? Du, du allein. Nur im Scheinwerferbewusstein des einzelnen bekommen und behalten die Dinge ihren Wert."

Quelle: RP
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