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Umberto Eco wird 75 Jahre
"Nur ungebildete Menschen denken, dass sie viel wissen"
Umberto Eco wird 75 Jahre: "Nur ungebildete Menschen denken, dass sie viel wissen"
Das neue Buch von Umberto Eco macht es dem Leser nicht leicht. FOTO: AP, AP
Frankfurt/Main (RPO). Der Bestseller "Der Name der Rose" machte Umberto Eco über Nacht berühmt. Dabei erschien sein Debüt erst, als bereits 48 Jahre alt war. Zuvor war Eco aber auch aktiv. Als Philosoph und Wissenschaftler fand er internationale Anerkennung. Diese Woche wird der Mann mit mehr als 30 Ehrendoktortiteln 75 Jahre alt.  

Geboren wurde Eco als Sohn eines Buchhalters in der Stadt Alessandria im Piemont. Sein Vater hätte ihn gerne als Rechtsanwalt gesehen, doch der junge Eco entschied sich für die Philosophie. Im Alter von 22 Jahren schrieb er an der Universität Turin seine Doktorarbeit über die Ästhetik im Werk des Thomas von Aquin. Anschließend arbeitete er für das italienische Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften und wurde Herausgeber beim italienischen Verlag Bompiani.

Als Philosoph, Ästhet und Sprachwissenschaftler prägte er entscheidend die moderne Semiotik. Diese Zeichenlehre untersucht nicht nur Kommunikationsprozesse, sie liefert auch Interpretationsmuster für literarische Werke und kann bisweilen sogar als Lebensphilosophie dienen. 1975 erhielt Eco in Bologna an der ältesten Universität Europas den weltweit ersten Lehrstuhl für Semiotik.

Seine erfolgreiche literarische Arbeit begann erst Ende der siebziger Jahre, doch gleich sein erster Roman "Der Name der Rose" (1980) wurde ein Bestseller. Es folgten "Das Foucaultsche Pendel", "Die Insel des vorigen Tages", "Baudolino" und zuletzt "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana".

Ecos Romane sind komplizierte Geflechte von Erzählhandlung, zeichentheoretischen Reflexionen sowie kultur- und philosophiegeschichtlichen Fragen. Gerade darin liegt aber auch der Grund für ihren breiten Erfolg. Gemäß Ecos Konzept von der Offenheit der Kunst entsteht das Kunstwerk unter Beteiligung des Lesers und gewinnt in jeder persönlichen Interpretation eine eigene Bedeutung - lässt also auch zu, dass ein und dasselbe Werk für die einen ein hochphilosophisches Traktat und für die anderen ein hochspannender Krimi ist.

"Wenn ich nicht viel zu tun habe, bin ich verloren"

Am besten sei es, wenn der Autor sofort nach Vollendung seines Werkes sterbe. Dann könne er nämlich die Spur des Textes nicht durcheinander bringen, schreibt Eco im Nachwort zu "Der Name der Rose". Dieses Zitat belegt nicht nur Ecos Auffassung von Texten, sondern auch seinen besonderen Humor. Am deutlichsten kommt dieser in seinen zahlreichen Glossen zum Tragen - die meisten sind entstanden als so genannte Streichholzbriefe für die italienische Zeitung "L'Espresso".

Eco, der seit 1962 mit der deutschen Grafikerin Renate Ramge verheiratet ist und mit ihr zwei erwachsene Kinder hat, gilt als streitbarer Linksintellektueller. Bereits in den siebziger Jahren schrieb er unter dem Pseudonym "Dedalus" für die kommunistische Zeitung "Il Manifesto". Eco sympathisiert mit den Zielen der Globalisierungsgegner, auch wenn er deren Militanz nicht billigt.

Zudem ist er ein engagierter Gegner des inzwischen abgewählten italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Noch vor dessen Wahlniederlage im April 2006 hatte Eco angekündigt, dass er bei einem erneuten Wahlsieg Berlusconis ins freiwillige Exil gehen würde.

Sich selbst meldet Eco immer wieder zu Wort, doch zu allem äußern will er sich trotzdem nicht. Es gebe einen allgemeinen Niedergang, einen Verlust der Ideologien und Parteien, was dazu führe, dass viele Intellektuelle zu professionellen Orakeln würden. "Da sie aber nicht über alles Bescheid wissen, erzählen sie Unsinn, der auch noch Einfluss gewinnt", sagte er in einem Interview. Als Intellektueller müsse man sich verteidigen und sagen, dass man die Antwort nicht kenne. "Das ist das klassische Vorbild von Sokrates: Man weiß, dass man nichts weiß. Nur ungebildete Menschen denken, dass sie viel wissen", sagte Eco.

Seine Altersruhe wolle er am liebsten in einem kleinen Dorf im Piemont verbringen, sagte er vor Jahren. Doch derzeit lebt Eco in einem ehemaligen Hotel in Mailand gegenüber dem Sforza-Palast, das ihm ausreichend Platz für seine mehr als 30.000 Bücher bietet. Ein beschauliches Rentnerdasein kann man sich bei Eco ohnehin nicht vorstellen. "Ich bin eine polychrone Persönlichkeit", erklärte er. "Ich beginne viele Dinge zur gleichen Zeit und verschmelze sie dann so, dass eine Verbindung unter ihnen entsteht. Wenn ich nicht viel zu tun habe, dann bin ich verloren."

Am 5. Januar wird Umberto Eco 75 Jahre alt.

Quelle: ap
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