| 19.00 Uhr

Buch von David G. Haskell
Ode an den Wald

Fotos: Liebeserklärung unserer Leser an den Niederrhein
Fotos: Liebeserklärung unserer Leser an den Niederrhein FOTO: Hans-Georg Kazrath
Düsseldorf. Das Universum in einer Nussschale: David G. Haskell hat ein Jahr das Leben im Wald beobachtet. Was er sah, veränderte seinen Blick auf die Welt. Von Philipp Holstein

Der amerikanische Biologie-Professor David G. Haskell ist zu Beginn eines jeden Semesters immer wieder aufs Neue fassungslos. Dann fragt er seine Studenten nämlich, ob sie die Logos von 20 bekannten Marken beschreiben können und danach 20 einheimische Arten. Das erste schafft jeder im Hörsaal, das zweite keiner. So darf es nicht weitergehen, findet Haskell, deshalb hat er dieses Buch geschrieben: "Das verborgene Leben des Waldes". Wer es gelesen hat, möchte gleich raus in den Wald und einen Tulpenbaum umarmen, mit dem Goldzeisig singen und Myrrhenkerbel pflücken.

Haskell will zeigen, wie wunderbar der Lebensraum ist, den wir Wald nennen, und wie vielfältig und spannend. Also suchte er sich ein Plätzchen in einem urwüchsigen Forst daheim in Sewanee, Tennessee. Er wählte einen Kreis von einem Meter Durchmesser, darin lag ein flacher Stein, auf dem er bequem sitzen, schauen und Notizen machen konnte. Er wollte einen kompletten Jahreskreis beobachten, das war der Plan, und er kam tatsächlich fast jeden Tag dorthin. Die Regeln: nicht stören, kein Lebewesen töten und nur ausnahmsweise berühren.

Mischung aus Reisereportage und Dichtung

Entstanden ist eine Mischung aus Reisereportage und Dichtung, aus Essay und Bericht, aus Zoologie und Philosophie; ein Text, der ebenso poetisch wie politisch ist. Er zeugt von Liebe und Ergriffenheit, und allein die Beschreibungen der Gerüche und Aromen des Waldes zu lesen, ist herrlich. Haskell bietet sich als grüner Führer an, und einmal geraten Ameisen in sein Blickfeld. Eigentlich interessiert er sich für deren ungewöhnliche bernsteingelbe Farbe, doch dann sieht er, dass sie versuchen, einen Faden von einem feuchten Blatt auf dem Waldboden fortzuschleppen. Bei näherer Untersuchung erkennt Haskell, dass der Faden zappelt, das ist ein Saitenwurm. Ein kleines Wunder.

Der Weg des Saitenwurms muss lang gewesen sein: Das Ei wurde einst in einem Bach abgelegt. Im Bachbett schlüpfte die Larve. Sie wurde von einem anderen Lebewesen gefressen. Im Körper dieses Lebewesens hüllte sich die Saitenwurm-Larve in einen schützenden Mantel und bildete eine Zyste. Als der Wirt an Land kletterte, wurde er von einer Grille gefressen. Der Wurm im Innern bohrte sich sogleich durch die Darmwand der Grille und nistete sich dort ein. Er sonderte chemische Stoffe ab, die das Gehirn der Grille vergifteten und sie dazu brachten, sich an ein Gewässer zu begeben. Bei der ersten Wasserberührung dehnte der inzwischen enorm lange, aber aufgerollt lauernde Saitenwurm seine Muskeln und sprengte den Körper der Grille: ein "innerer Pirat". Er schlängelte sich aus der toten Grille ins Freie und begann die Paarung mit Artgenossen. Die Eier legte er dann auf dem Blatt ab, von dem ihn die Ameisen nun wegziehen wollen. Überleben bedeutet, Konflikt und Kooperation auszutarieren.

 Genre des Nature Writing

"Das verborgene Leben des Waldes" gehört zum Genre des Nature Writing, das in Amerika und Großbritannien sehr populär ist. Seit kurzem erscheinen die größten Werke dieser Mischform aus Wissensvermittlung und Schönheitspreisung auch hierzulande, der Klassiker "Der Wanderfalke" von J. A. Baker etwa. Diese Texte sind subjektiv und zumeist in der ersten Person gehalten, und wer nun meint, das sei sicher etwas, das ins Magazin "Landlust" gehört, der irrt: Nature Writing will Natur eben nicht idyllisieren und zum Ausflugsziel verniedlichen. Es geht nicht um pastorale Nostalgie und Barbourjacken-Eskapismus.

Am Anfang des modernen Nature Writing steht "Walden", der heute noch faszinierende und gerade mehrfach neu aufgelegte Bericht von Henry David Thoreau. Als 28-Jähriger zog sich Thoreau 1845 für zwei Jahre in die Wälder von Massachusetts zurück, baute eine Holzhütte und schrieb über das Leben in der Einsamkeit der Natur, über den Nutzen der Entschleunigung und die Selbsterkenntnis. Thoreau betrieb Naturkunde, und er definierte dabei die Rolle des Menschen. Nicht auf ihn sei die Welt zugeschnitten, nicht er stehe im Mittelpunkt. Alle Phänomene sind Teil des göttlichen Plans - das ist die Lehre von "Walden" und seiner Nachfolger.

Er hört ein Knallen, durchdringend wie ein Schuss

Haskell geht ähnlich vor, er folgt der Erzählung des Waldes und entdeckt eine neue Art, die Welt zu erfahren. Einmal ist er bei minus zehn Grad auf seinem Platz. Er hört ein Knallen, durchdringend wie ein Schuss. Als er nachforscht, woher das Geräusch kommt, entdeckt er, dass an den nackten, grauen Bäumen die Fasern der eiserstarrten Äste lautstark reißen. Haskell erklärt, dass das Erdreich des Waldes, die "Rhizosphäre", ein großes Geheimnis sei, weil man nur ein Prozent der Mikroben im Labor kultivieren und untersuchen könne. Der Rest würde im Labor sterben, weil er in wechselseitiger Abhängigkeit zu allen anderen Wald-Mikroben steht: "Es gibt eine Realität fernab unserer Wahrnehmung."

Haskell wundert sich darüber, dass Moose im Frühling so frisch aussehen, obwohl sie im Winter tot anmuten. Dann hält er die Lupe auf die Stämmchen und Blättchen des Mooses und entdeckt die Furchen und Rillen, mit denen es auf komplex modellierten Häutchen Wassertropfen unter Ausnutzung der Oberflächenspannung bis in die Spitzen leitet. "Moos kann flüssige Schlangen beschwören", schreibt er. Also: "Mehr Respekt für Moos!"

 "Meisterwerke visuellen Designs"

Er preist die Schönheit von Nacktschnecken im Herbstlicht, und Raupen sind für ihn "Meisterwerke visuellen Designs". Er beschreibt Flechten als "smaragdgrünes und jadegelbes Amalgam aus Pilz und entweder Algen oder Bakterien". Er sieht, dass Spinnen die Farbgestaltung ihrer Fäden auf die Lichtverhältnisse abstimmen. Und wenn er gerade noch die "Nationalgalerie" des Waldes besang, beschreibt er nun "die besten Lutscher der Welt": Schnecken setzen ihre Zunge, die Radula, wie ein Reibeisen ein, das sie ausfahren, damit etwas abraspeln und wieder einziehen. Eine Zahnreihe schiebt das Futter dann von der Zunge in den Mund: Fließband + Schreinerhobel = Evolutionsvorteil.

Das Tolle an den großen Texten des Nature Writing ist, dass sie eine Sprache finden, mit der man Natur zu begreifen lernt. Sie ist bild- und metaphernreich, changiert zwischen Meditation und Recherche, Ästhetik und Forschung. "Der Wald wird regiert vom Proletariat kleinster und obskurster Kreaturen", sagt Haskell. Es geht sinnlich zu in diesen Büchern, diese Wissenschaft intensiviert die Intimität mit der Umwelt, und man sollte nur mal die Stelle lesen, wenn sich Haskell die Schneeflocke auf seinem Handschuh genau ansieht. Die perfekte sechseckige Grundsymmetrie sei immer gleich, schreibt er. Aber je nachdem, ob die Flocke durch feuchtere oder wärmere Luftschichten geschwebt ist, habe sie individuelle Zacken ausgebildet, Nadeln und Stäbe. "Nicht zwei Schneeflocken erleben dasselbe."

So bekommt man Lust auf Farben und Gerüche, auf das Schwingen des Waldbodens und das Rauschen der Blätter. Man bekommt Lust, hinauszugehen und hinzusehen. Sich als Teil des Ganzen zu fühlen. Man könne das durchaus auch in der Großstadt, sagt Haskell, etwa, wenn man einen Sperling beobachte. "Hoffen Sie auf nichts", schreibt er, "außer auf weit offene und empfängliche Sinne."

Quelle: RP
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