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Porträt: Orhan Pamuk - eine Hassliebe zur Türkei

zuletzt aktualisiert: 12.10.2006 - 14:45

Istanbul (rpo). In der internationalen Literaturszene gilt Orhan Pamuk als angesehenster Schriftsteller der Türkei - in seinem Heimatland landete er auf der Anklagebank. Er erhält regelmäßig Morddrohungen - und wird nun in den exklusiven Club der Literaturnobelpreisträger aufgenommen.

Das Lebenswerk des Schriftstellers kreist um die Zerrissenheit der Türkei, die ihre Wurzeln im Osten hat, ihre Zukunft jedoch im Westen sucht. Die Offenheit, mit welcher der am Donnerstag mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autor diese Probleme beschreibt und anspricht, brachte ihm sogar schon einen Strafprozess ein. Doch der 54-Jährige geht unverdrossen seinen Weg: Machte ihn doch seine vom Nobelkomitee gelobte Darstellung von "Kampf und Verflechtung der Kulturen" zum erfolgreichsten Romancier seines Landes.

Der bisherige Höhepunkt in der Auseinandersetzung Pamuks mit dem türkischen Staat waren seine unverblümten Äußerungen über die Politik des Landes gegenüber Kurden und Armeniern. Im Februar 2005 sagte der Autor im Zürcher "Tagesanzeiger" wörtlich: "Man hat hier 30.000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich." Anfeindungen, Morddrohungen und ein Strafprozess folgten auf dem Fuß: Doch der Strafprozess wurde angesichts internationaler Kritik bald eingestellt.

Damit befindet sich Pamuk mit seinem Werk genau im Zentrum der Verwerfungen, welche die moderne Türkei kennzeichnen: Die türkische Regierung strebt die Mitgliedschaft in der EU an, kann sich aber von vielen nationalen Reflexen und autoritären Gewohnheiten nur schwer trennen. Den Völkermord an mehr als einer Million Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs darf bis heute in der Türkei niemand als solchen bezeichnen - ein großer Stolperstein auf dem Weg des Landes in die EU.

Die Romane des neuen Nobelpreisträgers wie "Die weiße Festung", "Rot ist mein Name" oder "Schnee", die in 34 Sprachen übersetzt wurden, thematisieren diese Widersprüche und beschäftigen sich viel mit Pamuks Geburtsstadt Istanbul. Der Autor wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf und verbrachte seine Jugend nach eigenen Angaben damit, zu zeichnen und von einer Karriere als Künstler zu träumen. Später studierte er Architektur und Journalismus, beschloss aber im Alter von 23 Jahren, sich nur noch dem Schreiben von Romanen zu widmen.

Pamuk, der geschieden ist und eine Tochter hat, lehnte 1998 eine angebotene Ehrung als "Staatskünstler" durch den türkischen Präsidenten ab, um sich nicht von der Politik vereinnahmen zu lassen. Auch Medienauftritte liegen dem meist mit T-Shirt und Jacke bekleideten Grauhaarigen nicht - er zieht die Arbeit in seinem verrauchten, unordentlichen Istanbuler Arbeitszimmer vor. Wenn er ein Interview gibt, überrascht er meist mit seinem kaum zu stoppenden Redefluss und seinem wilden Gestikulieren.

Nicht immer fällt Pamuk, der im vergangenen Jahr mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, seine Rolle zwischen den Welten leicht. "Ich unterstütze die EU-Kandidatur der Türkei", sagte er in einem Interview, "aber wenn das Land zum Beispiel wegen meines Strafprozesses kritisiert wird, kann ich auch schlecht sagen: Haltet euch da heraus. Irgendwie sitze ich dann zwischen allen Stühlen - das ist schon eine Last."

Quelle: afp2

 
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