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Buchmesse beginnt am Mittwoch: Paulo Coelho geht ins Internet

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 14.10.2008 - 19:37

Frankfurt (RP). Am Mittwoch beginnt die weltgrößte Buchmesse in Frankfurt. Die Stimmung der Branche ist nicht düster, aber Sorge bereitet die wachsende Digitalisierung literarischer Ware. Eine Umfrage sagt: Schon 2018 soll der Absatz von digitalen Inhalten den traditioneller Bücher überflügeln.

 Foto: ddp, ddp
Foto: ddp, ddp

Es ist schon erstaunlich, wie schrecklich weit verbreitet die Neigung zum Bücherschreiben ist. Das zeigt sehr kompakt die Frankfurter Buchmesse, zu der nicht nur alle beglaubigten Groß\-literaten der Welt kommen (freilich bis auf den aktuellen Nobelpreisträger Le Clézio, der den Rummel nicht so mag und lieber sein Werk sprechen lässt, das in Deutschland aber auch kaum zu haben ist).

Die populäre Vorliebe fürs Schreiben bezeugen hierzulande vor allem die Überraschungsgäste der Buchmesse: wie Desirée Nick mit ihrem großen Buch zum Seitensprung; wie Erika Berger und ihrem Alterswerk „Spätes Glück”; wie Bushido mit dem Bericht aus seinen bewegten Gefühlswelten und Rosi Mittermaier, die ein Werk ­ Obacht! ­ übers Skifahren geschrieben hat und es betitelte mit ­ nochmals Obacht!: „Neuer Schwung”. Sogar Jogi Löw kommt, aber ganz ohne Buch. Er ist bloß beim Bildungskongress dabei.

Gutenbergs Welt

Wer aus all dem nun den Untergang von Gutenbergs Welt nahen sieht, mag recht haben, aber aus den falschen Gründen. Denn es sind weniger die Inhalte, die auf der Liste der bedrohten Arten stehen. Es ist tatsächlich das rein Haptische, die Form des Buches also, die zur Diskussion steht. Das seit 500 Jahren der Menschheit als Trägermedium aller Literatur bewährte Buch ist fragwürdig geworden.

Das E-Book und andere Digitalisierungsmöglichkeiten drängen mit einer Macht und einem Tempo in den Vordergrund, dass es älteren Verlegern Angst und Bange werden könnte.

Auf der Buchmesse hören so etwas die meisten Branchenvertreter höchst ungern und möppern ein wenig ­ wie gestern der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder. Doch sein Einwurf, es gäbe auf der Messe auch noch tausende Buchtitel, über die es sich zu reden lohnt, verhallt ohne Wirkung. Und die Messe selbst ist es, die alle Indizien für eine neue Zeitrechnung liefert: Jede zweite der 400 Fachveranstaltungen in Frankfurt widmet sich der Digitalisierung; außerdem sind in diesem Jahr nur noch 42 Prozent der ausgestellten Produkte wirklich Bücher. Schon 30 Prozent der Ware ist hier mittlerweile digitaler Natur.

1000 Fachleute aus 30 Ländern

Das sind die Fakten der heute beginnenden Buchmesse, und zum Phantasieren liefert eine Branchenumfrage Nahrung: 1000 Fachleute aus 30 Ländern prognostizieren danach, dass spätestens 2018 der Absatz von digitalen Inhalten den traditioneller Bücher überholen wird. Treibende Kräfte werden dabei nicht die Verlage, sondern Unternehmen wie Amazon und Google sein. Und: Der digitale Einfluss Chinas wird sich im internationalen Verlagswesen in den kommenden fünf Jahren verdreifachen.

Weil all das keine Diskussion über Literatur ist, sondern „lediglich” eine über die Form des Buches, stellte sich die Messe zu Beginn betont und auffallend oft als „Marktplatz für Inhalte” dar. Das stimmt auch. Doch die prognostizierte Entwicklung wird diesen Marktplatz gehörig umkrempeln, weil erstmals die Digitalisierung im Buchgeschäft als Massenware alle betreffen wird: den Leser und den Autor, den Verleger, Grossisten und Buchhändler. Geschäftsmodelle müssen über- und vor allem Rechte zum Schutz des geistigen Eigentums geprüft werden.

Auch auf diesen Feldern lauern überall Piraten, und manchmal sind sie sogar Gäste der Buchmesse ­ wie der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho, der eine eigene Website mit dem Namen „The Pirate Coelho” hat. Einmal im Monat erscheint dort einer seiner Titel, kostenlos und in ungekürzter Fassung. Das ist Coelhos Lehre aus der Vermarktung seines Romans „Der Alchimist” in Russland. Die lief lange Zeit schlecht, bis eine digitale Raubkopie im Internet auftauchte und den Verkauf seiner Bücher in die Höhe schnellen ließ: 100\x0f000 in zwei Jahren.

Priester der digitalen Welt

Coelho gab sich gestern als eine Art Priester der digitalen Welt, der es genießt, plötzlich seinen Lesern viel näher sein zu können und der die ketzerische Frage stellte, warum man nicht alle digitalisierten Inhalte von Büchern umsonst anbieten sollte. Denn das sei das Wesen des Internets: „Die Menschen tauschen das, was sie für wichtig halten, kostenlos untereinander aus, und sie erwarten, dass dasselbe auch für die Massenkommunikation gilt.”

Das Internet jedenfalls habe ihn gelehrt, keine Angst davor zu haben. In der heutigen Welt aber würde man dafür bestraft, wenn man es nicht tut, sagte der 61-Jährige. Coelho hat gut reden: Auf der Buchmesse wird er eine Riesenparty feiern - für weltweit 100 Millionen verkaufter Bücher.

Quelle: RP

 
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