Beschwipste Zeilen: Poesie aus Jamaika-Rum
zuletzt aktualisiert: 20.10.2005 - 12:19Berlin (rpo). Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erscheint eine literarische Kuriosität auf dem Markt. Das Außergewöhnliche am Lyrikband "Sein Berlin - Joachim Ringelnatz" ist jedoch weniger der Inhalt als vielmehr die Herstellung. Denn das im Berliner Accurat-Verlag erschienene Exemplar ist das weltweit einzige Buch, das mit Jamaika-Rum gedruckt wurde.
Das knapp 70-seitige Bändchen stellt alle Gedichte des Poeten Joachim Ringelnatz (1883-1934) zusammen, die in irgendeiner Form einen Berlin-Bezug haben. Eigentlich bemerkenswert ist das Produktionsverfahren. Dabei wurde der Druckfarbe ein beachtlicher Prozentsatz Rum beigefügt. Der Geruch eines jeden der 3000 Exemplare lege davon Zeugnis ab, versucht der Herausgeber Hans Peter Heinicke alle Zweifel zu zerstreuen.
Mit diesem Liebhaberstück will der Verleger, der sich in seinem Steglitzer Verlag neben Berlin-Literatur auf Kunstbände und Belletristik spezialisiert hat, nicht ganz unbescheiden in die Annalen des Buchdruckes eingehen. Noch mehr beseelt ihn aber der Gedanke, dass er einen heimlichen Wunsch von Ringelnatz mehr als 70 Jahre nach dessen Tod erfüllt.
Heimlicher Wunsch von Ringelnatz ging in Erfüllung
Von dem Dichter mit dem bürgerlichen Namen Hans Bötticher, der auf einem Berliner Friedhof ruht, ist folgende Geschichte überliefert: Er soll einer Milchfrau, in deren Laden er manchen Becher Schnaps leerte, verraten haben, er träume davon, dass man seine Bücher eines Tages mit feinem, alten Jamaika-Rum druckt.
Das nun vorliegende Werk nennt der 67-jährige Publizist eines seiner "schönsten Abenteuer". Immerhin gingen von der ersten Idee bis zur Umsetzung vier Jahrzehnte ins Land. Erst mangelte es an Geld, später sahen sich die Druckereien außer Stande und schließlich fehlte ihm selbst die Muße, erinnert sich Heinicke.
Aber auch als das Projekt endlich Gestalt annahm, waren noch viele Hürden zu meistern. Die "Alchimisten" in der kleinen Druckerei in Bad Doberan (Mecklenburg-Vorpommern) hegen eine Abneigung gegen Alkohol jeder Art. Welch eine Bürde, wo sie doch immerhin mit mehr als 50 Rumsorten probieren mussten, bis die richtige gefunden war. Als noch schwieriger erwies sich die Suche nach dem geeigneten Papier. Mal wurde es unter dem Einfluss des Hochprozentigen blass, mal sperrig, mal wellig.
Nach vielen Experimenten ist nun das von seinem Schöpfer lang ersehnte Buch da. Heinicke ließ es sich nicht nehmen, persönlich Ringelnatz die Nachricht zu überbringen. An dessen Grabe rapportierte er: "Herr Bötticher, Ihr Wunschtraum, man möge Ihre Gedichte mit feinem altem Jamaika-Rum drucken, ist jetzt Wirklichkeit geworden."
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