Christian Klars Entlassung vorweggenommen: RAF-Roman wird Wirklichkeit
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 26.11.2008 - 09:16Düsseldorf (RP). Bestsellerautor Bernhard Schlink hat schon im Frühjahr mit seinem Roman „Das Wochenende“ die Entlassung von RAF-Terrorist Christian Klar literarisch vorweggenommen. In der erregten Debatte über die Aussetzung der Haftstrafe kann das Buch ein bedenkenswerter Beitrag sein.
Literatur, diese alte, unermüdlich ratternde Zeitmaschine, hat ja alles längst erzählt: Wie es wohl sein wird, wenn der frühere RAF-Terrorist Christian Klar nach 26 Jahren Haft am 3. Januar aus dem Knast kommt und dann irgendwie verlassen auf der Straße rumsteht und nicht so recht weiß, wohin mit sich und all der Freiheit: „Aber als die Glocken der nahen Kirche das Sieben-Uhr-Geläut begannen, ging das Tor auf, und er trat heraus und blinzelte in die Sonne. Sie umarmte ihn, ehe er die beiden großen Taschen absetzen konnte, und er stand in ihrer Umarmung, ohne sie zu erwidern.“
So kommt also Christian Klar wieder zurück in die Welt, zumindest in der literarischen Verwandlung: Bernhard Schlink, Jurist und Bestsellerautor, hat schon im Frühjahr mit seinem Roman „Das Wochenende“ vorempfunden, wie Klar (der im Buch Jörg heißt) seine ersten Tage in Freiheit und im Kreis früherer Freunde und Weggefährten verbringt. Das „Ergebnis“ dieses Kammerspiels ist ernüchternd. Denn am Ende regiert die Sprachlosigkeit, allen geht die Sprache aus, selbst der anwesenden Bischöfin, in der man in Umrissen Margot Käßmann erkennen kann. Der einst gefürchtete Terrorist und Mörder aber bleibt ohne jede Kraft zurück, impotent in des Wortes unmittelbarster Bedeutung: In der Nacht entzieht sich Jörg eher verwirrt einem Verführungsversuch.
Natürlich kann man einen solchen Vorgriff aufs politisch-brisante Tagesgeschäft auch geheimnisloser lesen und sagen: Der Jurist Schlink, der wusste, wann Christian Klar aus der Haft entlassen wird, hat seinen Roman mit Kalkül ein paar Monate vor der Wirklichkeit platziert – Literatur gewissermaßen als Coup der Marketing-Abteilung. Letztlich bleibt ein solcher Verdacht unbefriedigend: Weil das Öffentlichkeitswirksame von Literatur weniger im Timing ihrer Veröffentlichung gründet, sondern stets in ihrer Reibung an der Wirklichkeit. Und auf hellseherische Fähigkeiten haben Romane noch nie gepocht.#
Es geht um Vergebung
Alles in allem ist „Das Wochenende“ eine Art Klassentreffen von früheren Weltverbesserern inklusive jenem Wirrkopf, der glaubte, Gedanken und Visionen in Taten übersetzen zu können. So oder ähnlich könnte es sich auch zu Beginn des neuen Jahres abspielen, wenn die Justizvollzugsanstalt Bruchsal ihren wohl bekanntesten Inhaftierten entlässt. Mit einem großen Unterschied: Bei Schlink wurde der Ex-Terrorist begnadigt, in der Wirklichkeit hingegen ist es die Aussetzung der restlichen lebenslänglichen Haftstrafe zur Bewährung.
Wobei auch der Jurist Schlink – anders als der Autor Schlink – gehandelt und den Straftäter nicht begnadigt hätte. Allenfalls in einer Art Amnestie durch den Bundespräsidenten, mit der gleichsam ein Schlussstrich unter die Debatte gezogen würde. Für Schlink war diese Frage nie eine formaljuristische Angelegenheit. Immer wieder hat sich der 64-Jährige in Essays intensiv mit Schuld und Vergebung auseinandergesetzt.
Nach seinem Verständnis ist die Vergebung eine „zu existentielle Sache, als dass sie zum politischen Ritual gemacht und von Politikern als Gelegenheit ergriffen werden dürfte, sich mit menschlichem, betroffenem Gesicht zu präsentieren“. Verurteilen könne jedermann, vergeben aber nur das Opfer, wobei Schlink dabei auch die in das Opferschicksal verstrickten Kinder meint.
Unmut über Praktikumsangebot
Indem Schlink auf die Betroffenen schaut, wird eine neue Dimension sichtbar: Versöhnung wird zu einem Zeichen, dass man den anderen Menschen anerkennt und dass die so gestiftete „Gleichheit genügen kann und muss, ein friedliches Zusammenleben zu stiften“.
Von all dem will der Roman selbst nichts wissen. Das Buch diskutiert keine Theorie, sondern erzählt eine Geschichte, die freilich trostlos endet: „Karin sprach keinen Reisesegen, Christiane keinen Abschied der Gastgeberin, und Jörg bedankte sich nicht für das Willkommen in der Freiheit.“ Eine Fortsetzung übers Wochenende hinaus müsste erst noch geschrieben werden. Die könnte dann im Berliner Ensemble spielen, wo Intendant Claus Peymann Christian Klar eine Praktikantenstelle angeboten hat.
Sehr zum Unmut von Berlins CDU-Chef Frank Henkel, für den das Theater am Schiffbauerdamm keine Besserungsanstalt für reuelose RAF-Terroristen“ ist. Auch sonst bleibt schwer vorstellbar, dass Klar auf der Beleuchtungsbrücke sitzen und einen Spot auf Nathan, den Weisen, richten würde. Diese bedenkenswerte Szene könnte im neuen Roman allenfalls so kommentiert werden: Wenn’s der Wahrheitsfindung dienlich ist.
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