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Einem Krebsleiden erlegen: Ruheloser Dichter: Peter Rühmkorf tot

VON JÜRGEN VERDOFSKY - zuletzt aktualisiert: 10.06.2008 - 06:41

Hamburg (RP). Der Lyriker und Schriftsteller Peter Rühmkorf ist tot. Im Alter von 78 Jahren erlag er am Sonntag in seinem Haus in Schleswig-Holstein einer Krebserkrankung, wie der Rowohlt-Verlag am Montag mitteilte. Der Büchner-Preisträger wird zu den bedeutendsten Lyrikern der zeitgenössischen Literatur gezählt.

Peter Rühmkorf war ein großer Dichter und Essayist, so ungestüm wie feinsinnig, so expressiv wie empathisch, so polemisch wie zugewandt.  Foto: AP, AP
Peter Rühmkorf war ein großer Dichter und Essayist, so ungestüm wie feinsinnig, so expressiv wie empathisch, so polemisch wie zugewandt. Foto: AP, AP

Peter Rühmkorf war ein großer Dichter und Essayist, so ungestüm wie feinsinnig, so expressiv wie empathisch, so polemisch wie zugewandt. Voller nervöser Daseinslust. Er hatte seinen Teil Glückseligkeit, Güte und Genie, auch wundervolle Gelüste - mit einem Wort, er hat gelebt. Ein freier Geist, niemandem verbunden als sich selbst. Man hatte oft den Eindruck, er war am Ziel, als sich andere noch den Kopf zerbrachen. Immer galt, was würde der nächste Tag aus seiner Spontaneität machen?

1929 als Sohn einer Religionslehrerin und eines Puppenspielers in Dortmund geboren, wuchs Peter Rühmkorf auf dem niedersächsischen Land bei Stade heran. Weder durch die alleinerziehende Mutter noch im großväterlichen Pastorenhaushalt gab es ein nazi-getöntes Vorleben, im Gegenteil. Mit List entging er dem „letzten Aufgebot“.

Gegen die verdächtige Geschichtsstille

Die Restauration der Nachkriegsjahre war keine Frage der Provinz. Beim Studium im Hamburg erlebte er einiges an „Siebenschläfergeschmack“. Rühmkorf polemisierte mit Kabarett und Lyrik gegen die verdächtige Geschichtsstille. Für ihn blieb Widerspruch die normale Umgangsform. Mit Werner Riegel gab er die Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“ heraus. Der Titel entsprang einem Lebensgefühl zwischen Kriegsende, Koreakrieg und Wiederbewaffnung. Viel davon floss in Rühmkorfs Rowohlt-Monograhie zu Wolfgang Borchert ein, ein bemerkenswerter früher Band.

Er ging bei denen zur Schule, die in den fünfziger Jahren an den Universitäten nicht vorkamen. „Gelernt bei den Verbannten und Verdammten, / verbrannten Büchern, / die uns nach dem Krieg entflammten.“ Er las Döblin und Brecht, aber auch Benn, traf Hans Henny Jahnn. Wenig später öffnete sich ihm die Welt der Expressionisten. Der Band „Expressionistische Gedichte“, den er 1970 herausgab, zeigt im Begleittext, wie tief das geht. Überhaupt hat Rühmkorf literarische Erbgüter sorgsam gepflegt.

Nazi-Vergangenheit zerpflückt

Rühmkorf wusste früh zwischen Polemik und Poesie zu unterscheiden. Das zeigte er 1959 in seinem Gedichtband „Irdisches Vergnügen in g“. Er parodierte, persiflierte, versetzte Hochsprache mit Slang. Der Band mit dem lyrischen Volksmund kam ebenso wie sein Lyrik-Auftritt auf dem Hamburger Rathausmarkt zeitgerecht zur Studentenbewegung. Endlich konnte er erleben, wie die Nazi-Vergangenheit zerpflückt wurde.

Er schrieb, wie er lebte. Phasen von Melancholie wechselten mit expressiven Schüben, tagelangem Schaffensdrang. „Bruder Lustig und metaphysischer Dichter“ hat ihn Enzensberger genannt. Hier dichtete der „geborne Dichter“ unter allen Umständen, aber dafür bedurfte es lebenslang auch der Reize.

„Draufzu! Draufzu! Gefeiert kann später im Himmel werden, / Patient braucht keine Ruhe, Patient braucht Reize; / dafür haben wir uns doch extra / diesen raumaufzehrenden Lebensstil zugelegt, / um der Welt auf Teilstrecken nahezukommen.“ Ein Fahrensmann verließ hier sein Övelgönne und reiste Ende der achtziger Jahre zur poetischen Bestandsaufnahme durch die halbe Republik. Die rastlose Bewegung war eine Kampfansage gegen das Ende der Utopien.

Der blitzende Gigant

Für seine Arbeit brauchte er ruhige Orte. Dagegen suchte er für Anregungen das lebhafte Miteinander. Auf jedem Podium brillierte er auf die Stichworte der anderen, auf den Bühnen gab es große Auftritte mit den Jazzern Michael Naura und Wolfgang Schlüter. Sein Umschwirren kluger und anmutiger Frauen konnte niemals die Grundliebe zu seiner Frau Eva verdrängen oder auch nur überdecken. Auch ist nicht wahr, dass ihn nur die Damen bewunderten. Aber seine Gedichte „Außer der Liebe nichts“ suchen ihresgleichen. Wie auch seine Märchen: „Blaubarts letzte Reise“.

Das Unglück des Dichters: „Mein alter und oft bedauerter Jammer, keine Romane, Novellen oder Kurzgeschichten schreiben zu können.“ Aber die Tagebuch-Giganten „Tabu I“ und „Tabu II“ zeigen ihn als sprachmächtigen Prosaisten, als Chronisten zweier Epochen, der deutsch-deutschen Wende und der abflauenden 68er-Zeit. Rühmkorf entfaltete Wirkung mit allem, was er tat. Mit allen wichtigen deutschen Preisen hat man ihn geehrt, zuletzt der Georg-Büchner-Preis.

Seit langem war eine heimtückische Krankheit in Stellung gegangen. Mit „Paradiesvogelschiß“ hat sich Peter Rühmkorf einen letzten Gedichtband abverlangt. Der Tod kommt vor, aber wie eine Gewissheit, die sarkastisch zu nehmen ist: „Gestorben wird doch unentwegt und allenthalben, / und diese Abschiedsfeiern sind mir ein Gealber. / Hingegen einmal noch den Zug von Schwalben / verfolgen, mit mir als Oberschwalber.“

Jetzt ist Rühmkorf, der blitzende Gigant, selbst davongeflogen.


 
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