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Autor von "Der Fänger im Roggen": Salinger – ein Phantom wird 90

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 31.12.2008 - 10:31

Düsseldorf (RP). Am Neujahrstag wird Jerome D. Salinger 90 Jahre alt. Er zählt mit seinem einzigen Roman – „Der Fänger im Roggen“ – zu den meistgelesenen und einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Salinger selbst zog sich Mitte der 50er Jahre aus der Öffentlichkeit vollständig zurück.

Das ganze Bohei um Jerome D. Salinger ist seit Menschengedenken so groß, dass man seinen Fans bloß das Datum 19. Juni 1965 unter die Nase halten muss, damit die sofort mit den Augen zu rollen beginnen. Denn an diesem Tag erschien im „New Yorker“ die Erzählung „Hapworth 16, 1924“ – die letzte Veröffentlichung Salingers.

Seit mehr als vier Jahrzehnten schweigt jener Autor nun schon, der in seinem Leben – das am morgigen Neujahrstag 90 Jahre währt – ohnehin nicht arg viel publizierte: 35 Kurzgeschichten und Erzählungen sowie einen Roman, ach was – „den“ Roman. Mit „Der Fänger im Roggen“ von 1951 wurde Salinger zum meistgelesenen Autor der USA und vielleicht zum einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Eine „Bibel der Jugend“ wird diese Geschichte um den 16-jährigen Holden Caulfield gern und oft genannt. Zumindest die Verbreitung macht diesem eher zweifelhaften Schlagwort alle Ehre: In über 30 Sprachen ist der Roman übersetzt und weltweit mehr als 60 Millionen Mal verkauft worden. Noch heute gehen in den Vereinigten Staaten jedes Jahr stolze 750 000 Exemplare über die Ladentische der Buchhändler.

Solche Zahlen sind die Begleitmusik zu einem wahrhaft gigantischen Roman, der den jungen Holden Caulfield von der Schule fegt, ihn drei Tage durchs vorweihnachtliche New York spült. Es ist kalt, und Holden fragt sich, wer sich um die Enten im Central Park kümmert. Er hat Gespräche mit verrückten Taxifahrern, verabredet sich mit Sally, die von ihm nur wissen will, ob er sie an Heiligabend besucht und mit ihr den Weihnachtsbaum schmückt. Was ihn ziemlich fertig macht und ziemlich deprimiert.

Was sonst noch traurig ist? Für seine geliebte kleine Schwester kauft er die „Little Shirley Beans“-Platte, schleppt diese durch die halbe Stadt, um sie dann fallen zu lassen. Bloß die paar Scherben gibt er ihr – und sie steckt sie ein, die gute Phoebe. Holdens Weltschmerz ist die Unverträglichkeit der Jugend mit der Welt der Erwachsenen, weil die aus Lügen und Kompromissen zu bestehen scheint. Alles in ihr ist heuchlerisch, unecht, ungelebt.

Aber nicht allein die Story um diesen jungen und im wahrsten Sinne des Wortes trostlosen Helden ist berückend. Es ist der Sound dieses Buches, die unverstellte, vor ungezügelter Kraft und ungestillter Sehnsucht strotzende Sprache der Jugend. Dieser Roman ist mehr Ausdruck als Erkenntnis. Bei Salinger revoltiert die Sprache, sie lehnt sich auf gegen die wohlgesetzten Worte ringsum; sie sind nicht immer passend, klingen manchmal etwas schief, aber eine Zensur kennen sie nicht. Die schlug erst bei Erscheinen des Werks zu. In manchen Ländern wurde das Buch anfangs verboten, in anderen blieben die Kraftausdrücke ausgespart. Selbst Heinrich Böll bediente sich in seiner Übersetzung von 1962 gelegentlich der drei Pünktchen, wenn es allzu heikel zu werden drohte.

Wer je die alte Böll-Übertragung und anschließend die Neuübersetzung von 2003 durch Eike Schönfeld gelesen hat, ahnt, dass es den echten Salinger hierzulande erst seit ein paar Jahren gibt. Plötzlich geht es noch rauer zu im Buch, auch vulgärer. Was bei Böll „komischer Vogel“ heißt, nennt Schönfeld kurz und deftig „Arschgeige“. Man spürt, welche Version dem Helden näher kommt. So frontal beginnt auch der Roman: „Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so . . .“

Manchmal wird „Der Fänger im Roggen“ in seiner Wirkung mit Goethes „Werther“ verglichen. Stilbildend waren beide: Während zur Goethe-Zeit sich junge Männer im blaugelben Werther-Ornat auf die Suche nach einer unglücklich machenden Liebe begaben, setzten sich im Salinger-Jahrhundert viele Jungen – wie erstmals Holden Caulfield – die Baseball-Kappen mit dem Schirm nach hinten auf und revoltierten.

Wie der Werther so ist auch „Der Fänger im Roggen“ ein zutiefst romantisches Buch, eine Geisteshaltung, die die Welt mit ästhetischen Mitteln erklärt. Gefährlich aber wird es, wenn diese Romantik tätig wird, wenn sie plötzlich in der Wirklichkeit zum Einsatz kommen soll. Daher konnte das Salinger-Buch immer wieder auch zur Bibel all der unverstandenen Einzelgänger werden, zur innigen Lektüre der lebensgefährlichen Querköpfe: Marc David Chapman trug Salingers Roman bei sich, als er John Lennon erschoss; John Hinkley, der einen Mordanschlag auf Ronald Reagan unternahm, galt ebenso als Salinger-Fan wie der mutmaßliche Bombenleger Theodore Kaczynski.

Bücher sind keine Waffen, aber sie können natürlich immer zu dem werden, was der Leser in ihnen zu erkennen glaubt.

Der Kult um diesen Roman ist auch der Kult um seinen Autor, um sein programmatisches Verstummen, seinen drakonischen Rückzug aus jeder nur denkbaren Öffentlichkeit. Gegen Jerome D. Salinger ist Elfriede Jelinek – pardon: eine so genannte Rampensau. Im Alter von 34 Jahren hat er beschlossen, der Welt und dem Literaturbetrieb einfach nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Seit Mitte der 50er Jahre lebt er mit seiner Familie in einer Waldhütte in Cornish, New Hampshire. Ein zwanzig Meter langer und von Hunden bewachter Betontunnel führt zum Haus. Biographien dürfen nicht erscheinen, Interviews lehnt er ab, Lesungen sagt er ab, Fotos verbietet er. Aber einen Kinofilm gibt es über den so geheimnisvoll abwesenden Star: Sean Connery schlüpfte in „Forester – gefunden!“ in die Rolle des kauzigen Salinger.

Wie um seine riesige, scheinbar nicht alternde Lesergemeinde zu quälen, hat der echte Salinger in einem der wenigen Statements erklärt, noch jeden Tag sehr viel zu schreiben. Nur für sich, zu seinem „eigenen Vergnügen“, wie er 1974 verlauten ließ. Und: Ein „wunderbarer Friede“ liege über all dem Unveröffentlichten, diesen Werken, die, so hat er bestimmt, erst nach seinem Tod veröffentlicht werden dürfen. Dessen ungeachtet sollten selbst die extremen Fans unter allen Salinger-Lesern die Größe und Souveränität besitzen, dem Schöpfer von „Der Fänger im Roggen“ zum 90. Geburtstag viel Gesundheit und noch etliche frohe Jahre zu wünschen.

Quelle: RP

 
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