Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe
VON ANJA HEINZE - zuletzt aktualisiert: 02.06.2003 - 15:35"Ja, ich gebe es zu, ich möchte in einem Buch lesen, wie das ist, wenn eines Tages die Kultiviertheit eines Menschen zu zerfallen beginnt." Judit Áldozó, die diesen Satz am Ende ihres Lebens äußert, steckt mittendrin in diesem Buch - in Sándor Márais Roman "Wandlungen einer Ehe".
Das Werk führt in die Zeit des literarischen Umbruchs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in die Epoche von Robert Musil, James Joyce und Hermann Broch, die die Basis für modernes Erzählen legten. Ganz diesen Traditionen verbunden, zeigt der 1989 verstorbene Ungar Márai in seinem Roman den Zerfall der Werte, der Gesellschaftsordnung, der Kultur und die unglückliche Suche nach dem eigenen Ich. Es ist ein Abgesang auf das Großbürgertum am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Der Zerfall der Ordnung ist nicht nur an den Erlebnissen der drei Hauptpersonen zu erkennen, sondern auch an der Erzählweise: Ganz im Stile seiner Zeit beschreibt der Autor seine Geschichte mit Hilfe verschiedener Formen subjektiver Wahrnehmung: Nacheinander erzählen eine im Kleinbürger-Milieu aufgewachsene Dame, ihr großbürgerlicher Ex-Ehemann und dessen zweite Gattin - ein Dienstmädchen - über ihre Ehe.
Wie ein Puzzle setzt sich die Geschichte zusammen, Leerstellen werden durch die verschiedenen Versionen nach und nach ausgefüllt. Alle drei erzählen ihre Geschichte einem Freund oder einer Freundin in einem kaum enden wollenden Monolog. Reflexionsartige Einschübe verselbstständigen sich dabei und unterbrechen immer wieder den Handlungsstrang. Márai setzt den Schwerpunkt dabei auf den Erkenntnisprozess des Einzelnen. Wie Broch nutzt er die Metapher des Schlafwandlers, um ein mondsüchtiges Dahinleben ohne Erkenntnis und Reflexion zu charakterisieren.
Beim Erzählen ihrer Vita erkennen die Einzelnen die Geißeln ihrer Zeit: Mechanisierung und Pflichterfüllung, Riten und Rollenverständnis zwängen die Individualität ein. Geld, Stand und Intellekt sind die Verlierer; Triebe und Technik siegen. Wie schlimm es vor allem um das Großbürgertum steht, wird symbolisch am Tod des Kindes aus der bürgerlichen Ehe deutlich. Abgesehen von einigen Augenblicken verharren alle drei Personen jedoch im Zustand des Schlafwandelns. Nur einer - typischerweise ein Künstler - scheint aus der Trance erwacht zu sein. Márais Roman ist keine leicht verdauliche Liebesgeschichte, sondern ein sehr nachdenkliches, sensibles Buch. Es ist eine wiederentdeckte Perle der Literaturgeschichte.
(461 Seiten)
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