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Begründer des Existentialismus: Sartre: 100. Geburtstag einer Ikone

zuletzt aktualisiert: 20.06.2005 - 13:58

Frankfurt/Main (rpo). Schwarze Rollkragenpullover, schummrige Cafés, endlose Diskussionen über den Sinn des Lebens: Soweit das Klischee zum Thema Existentialismus. Die Leitfigur der Bewegung, Jean-Paul Sartre, war aber weitaus komplexer und wäre am Dienstag 100 Jahre alt geworden. Der Philosoph wird noch heute verehrt, sein Grab am Pariser Friedhof Montparnasse ist Pilgerort für seine -zumeist jungen- Anhänger.

Vor 25 Jahren starb der legendäre französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre.  Foto: AP, AP
Vor 25 Jahren starb der legendäre französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre. Foto: AP, AP

Sartre kam am 21. Juni 1905 in Paris zur Welt. Wenig später starb sein Vater. Seine Mutter, eine Nichte von Albert Schweitzer, heiratete später ein zweites Mal und zog mit der Familie nach La Rochelle. Sartre genoss eine großbürgerliche Erziehung: Er machte Abitur auf dem Pariser Elitegymnasium Henri IV. und studierte dann auf der École Normale Supérieure (ENS) unter anderem Philosophie. Auf der Universität lernte er 1929 Simone de Beauvoir kennen: Bei der Prüfung zur Erlangung der Lehrerlaubnis für Hochschulen schnitt Sartre als Bester ab, Simone de Beauvoir wurde Zweitbeste.

In den nächsten Jahren arbeitete Sartre als Gymnasiallehrer vor allem in Le Havre. 1933/34 verbrachte er einen Studienaufenthalt in Berlin, wo er sich intensiv mit Edmund Husserl, Martin Heidegger und der Phänomenologie auseinandersetzte. Für Politik interessierte sich der junge Mann damals nicht: Dass Adolf Hitler in Deutschland die Macht ergriffen hatte, nahm er höchstens beiläufig zur Kenntnis.

Gefangenschaft in Trier

Dies änderte sich im Laufe des Zweiten Weltkrieges: Sartre wurde eingezogen; im Juni 1940 geriet er in deutsche Gefangenschaft und kam in ein Gefangenenlager in Trier. Dort las er viel und tauschte sich mit den Mitgefangenen aus. Während der Haft erlebte er auch, welchen Wert Solidarität und Engagement im Leben haben kann. "Der Krieg hat mein Leben zweigeteilt", erklärte er einmal.

Nach seiner Entlassung 1941 mit Hilfe eines ärztlichen Attests begann Sartre, sich in der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung zu engagieren. Er gründete die Gruppe "Socialisme et Liberté" und war Mitarbeiter der von Albert Camus gegründeten Widerstandszeitung "Combat". Nach dem Krieg trat er 1952 in die Kommunistische Partei ein, verließ diese aber wieder nach dem Ungarn-Aufstand 1956. Seine Haltung zur Sowjetunion, zu Kommunismus und Marxismus blieb auch später ambivalent.

Zusammen mit Simone de Beauvoir engagierte sich Sartre für viele politische Bewegungen: Er unterstützte den algerischen Unabhängigkeitskampf, stellte sich bei der 68er-Revolte auf die Seite der Studenten, protestierte gegen den Vietnam-Kreg, traf sich mit Fidel Castro und Mao Tse Tung, äußerte Bewunderung für Che Guevara. Vor allem in seinen späteren Jahren wurde ihm immer wieder vorgeworfen, er lasse sich von linksgerichteten Gruppen instrumentalisieren.

Ende 1974 sprach er eine Stunde lang mit dem RAF-Mitbegründer Andreas Baader im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Auf einer Pressekonferenz anschließend betonte er, dass Baader nicht einfach nur ein Krimineller sei. Er übte aber auch Kritik an der RAF. Der heutige Europa-Abgeordnete der Grünen, Daniel Cohn-Bendit, begleitete ihn damals als Übersetzer. Nach dem Gespräch mit Baader - bei dem Cohn-Bendit nicht dabei war - habe Sartre gesagt: "Was ist er dumm, dieser Baader", schreibt Cohn-Bendit in einer Sartre-Sonderausgabe der französischen Zeitung "Libération".

Nobelpreis abgelehnt

Seinen ersten Roman "Der Ekel" schrieb Sartre bereits in den 30er Jahren. Der Verlag Gallimard, so heißt es, lehnte das erste Manuskript ab, weil einige Stellen zu grausam seien. Für besondere Aufmerksamkeit sorgten Sartres Theaterstücke. "Die Fliegen" wurden 1942 noch während der deutschen Besatzung in Paris uraufgeführt; in "Die ehrbare Dirne" (1946) setzte er sich mit dem Rassismus auseinander; die Inszenierung von "Die schmutzigen Hände" in Wien ließ er 1950 wegen antikommunistischer Tendenzen verbieten. Viele seiner Dramen, wie auch "Das Spiel ist aus", wurden verfilmt.

Sein philosophisches Werk "Das Sein und das Nichts" kam 1940 auf den Markt. Sartre etablierte sich damit als Hauptvertreter des atheistischen Existenzialismus. Weitere vielbeachtete Werke waren "Der Existenzialismus ist ein Humanismus" (1946) oder "Kritik der dialektischen Vernunft" (1959).

1964 erschienen seine Memoiren unter dem Titel "Die Wörter". Für dieses Buch wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, dessen Annahme er aber "aus persönlichen und objektiven Gründen" verweigerte. In seinem letzten Hauptwerk "Der Idiot der Familie", das unvollendet blieb, beschäftigte er sich mit Gustave Flaubert.

Simone de Beauvoir blieb Zeit seines Lebens seine Gefährtin, obwohl die zwei nie zusammenwohnten und beide zahlreiche andere Beziehungen unterhielten. In seinen letzten Lebensjahren - Sartre war zuletzt fast blind - kümmerte sich die Freundin um ihn. Am 15. April 1980 starb Sartre im Alter von 74 Jahren im Pariser Krankenhaus Broussais. Zehntausende vor allem junge Menschen folgten damals dem Trauerzug.

Quelle: ap

 
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