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Interview mit Sexualforscher Sigusch
Warum der Blümchensex ausgedient hat

Sexualforscher Volkmar Sigusch: Die Inszenierung der Liebe
Woody-Allen-Film: Was Sie immer schon über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten FOTO: dpa
Düsseldorf. Volkmar Sigusch hat das ABC des Sex auf den neuesten Stand gebracht. Der Forscher und Therapeut befürchtet eine Zunahme von Aggression und Gewalt in Beziehungen. Seine Prognose: Polyamorie wird Anerkennung finden. Von Annette Bosetti

Seit 50 Jahren wird gründlich aufgeklärt und auf allen Kanälen über Sex geredet. Doch geändert hat sich nicht viel. Nirgends, außer beim Geld, wird so viel gelogen wie beim Sex. 95 Prozent aller Sexualkontakte finden heute immer noch in festen Beziehungen statt, obwohl das Begehren in einer festen Partnerschaft nach vier bis sieben Jahren erfahrungsgemäß sinkt.

Der renommierte Sexualforscher und Paartherapeut Volkmar Sigusch (76) stellt dazu fest, dass wir eine unwissende Gesellschaft sind, die oberflächlich daherredet und leider nicht, wie andere Kulturen, über eine Kunst der Erotik verfügt. Das Sexuelle sei in der Vergangenheit banalisiert worden, mitunter mit merkwürdigen Folgen. Denn die totale Freizügigkeit habe auch ihre Kehrseite. Die übertriebene Inszenierung von Sexualität, sagt der Begründer der kritischen Sexualwissenschaft, zerstöre das Begehren wirksamer als alle Repression. Ein Gespräch über den gewandelten Begriff der Sexualität und über das Verhältnis von Liebe und Sex.

Wenn einer wie Sie ein Sex-ABC herausbringt, wird man neugierig. Sind Neugierde und Sex ein munteres Paar?

Sigusch Ja, ein sehr munteres, beinahe ideales Paar.

Wann fängt der Mensch eigentlich an, sexuell neugierig zu werden – noch bevor er das Sprechen erlernt?

Sigusch Ja, sobald seine Sinnesorgane funktionieren und sehr angenehme Reize wahrnehmen.

Wie kann der Mensch denn im Laufe seines Lebens die Neugierde auf Sex überhaupt verlieren?

Sigusch Durch Ängste und andere Blockaden.

FOTO: Campus

Wie viel Sex gehört zum Leben – gibt es dafür eine Faustformel?

Sigusch Nein, die gibt es nicht. Ein Leben kann auch ohne Sexualität befriedigend und glücklich verlaufen.

Wie viel Sex braucht die Liebe zwischen erwachsenen Menschen?

Sigusch Es gibt auch Liebe zwischen Menschen ohne Sexualität im engeren Sinne.

Und wie viel Liebe braucht der Sex?

Sigusch Der Sex braucht als verdinglichte Form gar keine Liebe, sondern nur Biochemie und Sinnesphysiologie.

Ist Sex so wichtig wie ein Lebensmittel?

Sigusch Ja, kann aber durch andere Lebensmittel ersetzt werden.

Was tun, wenn man Sex nicht (mehr) bekommen kann?

Sigusch Sich informieren, Freunde fragen, Experten aufsuchen.

Ist Sex gesund?

Sigusch Wenn er ohne Stress und Körperverletzungen erfolgt, sehr sogar.

Ist dementsprechend ein Leben ohne Sex ungesund?

Sigusch Das kommt sehr auf die allgemeinen und besonderen Umstände an.

Sie beschreiben drei sexuelle Revolutionen im vorigen Jahrhundert – hat nicht 1968 die heftigste und einschneidendste stattgefunden? Schließlich wurde die Funktion des Orgasmus entdeckt, und die Emanzipation der Frau schlug sich auf das mehr partnerschaftliche Liebesleben aus…

Sigusch Ich denke, die erste Revolution um 1905 war noch einschneidender, wenn nur an die Frauenrechte und den Umgang mit Geschlechtskrankheiten gedacht wird.

Die neosexuelle Revolution am Ende der 1970er Jahre hat Ihrer Meinung nach den König Sex, den die 68er inthronisiert hatten, vom Thron gestoßen. Was für eine Diagnose stellen Sie diesen Jahrgängen?

Sigusch Vervielfältigung der Intimbeziehungen, mediale Zerstreuung der Sexualfragmente, insbesondere elektronisch, Trennung von Sexualität und Fortpflanzung, selbstoptimierter Selfsex, anhaltende, insbesondere ökonomische Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, zunehmende Anerkennung von mehr als zwei Geschlechtern, zum Beispiel von Transgender, zögerliche Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen, anhaltende sexuelle Gewalt und anhaltender sexueller Missbrauch von Kindern usw.

Das klingt nicht gut. Was kommt wohl demnächst auf uns zu?

Sigusch Einmal Zunahme von Aggression und Gewalt, andererseits Anerkennung von Polyamorie, das heißt vom intimen Zusammenleben mehrerer erwachsener Personen.

Das oft überbetonte und zur Schau gestellte Sexleben ist heute eher wieder verstörend – die Menschen kommen den von den Medien zelebrierten Idealbildern nicht mehr hinterher. Das hat auch Folgen, etwa für selbstzerstörerische Aktionen in Form von Genitalchirurgie. Ist der Wunsch nach Körperkorrektur schon ein Krankheitssymptom?

Sigusch Krank würde ich nicht sagen, weil ich immer dagegen gekämpft habe, alles Abweichende gleich als krank herabzusetzen. Außerdem gibt es genitalchirurgische Eingriffe aus sehr unterschiedlichen Gründen. Problematisch sind die ökonomisch-ästhetischen, die das Genitale teuer verschönern sollen.

Kann man heute angesichts der massenhaft propagierten Sexualideale in den Medien und im Netz überhaupt noch eine eigene Idee von Sexualität entwickeln und entfalten?

Sigusch Ich denke ja, obgleich es sehr anstrengend sein kann.

Liest man bei Ihnen über "Liebe als hohes und niederes Lied", könnte man meinen, es gebe ewig währende Gesetze und Wahrheiten, die eine Glücksgarantie beinhalten.

Sigusch Oh, da war ich wohl zu schwärmerisch... Tatsächlich ist Liebe für mich in dieser Kultur eine einzigartige Kostbarkeit, weil sie nicht produziert und nicht gekauft werden kann.

Zwischen all den Fachbegriffen, die Sie kompetent erklären, erteilen Sie auch Ratschläge.

Sigusch Das höre ich ungern, weil ich denke, Ratschläge sind nun einmal auch immer Schläge. Wenn ich etwas indirekt empfehle, hoffe ich sehr, dass es keine Schläge sind.

Wer ist eigentlich der bessere Liebhaber – der Mann oder die Frau?

Sigusch Das kann allgemein nur individuell beantwortet werden. Heute können aber junge Männer hinreißende Liebhaber sein wie zuletzt in unserem Mittelalter.

Hilft Wissen dabei, Sexkrisen im Leben zu meistern?

Sigusch Ich denke, ja. Ohne Sexualwissenschaft, -medizin und -therapie hätten viele Menschen in unserer anti-erotischen Kultur ihre Krisen nicht meistern können.

Annette Bosetti führte das Gespräch.

Quelle: RP
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