Zur Buchmesse gezeigt: Südkoreanischer Künstler schuf "Seoul Linie 1"
zuletzt aktualisiert: 13.10.2005 - 15:21Frankfurt/Main (rpo). Ganz zufällig entdeckte Kim Min Gi im Goethe-Institut in Seoul 1992 ein Video des Berliner Musicals "Linie 1". Obwohl der Sänger und Komponist kein Deutsch versteht, war er sofort begeistert. Er habe aber die Atmosphäre erahnen können und sich gefragt, wie es wohl sei, wenn man die Geschichte in Seoul spielen lasse. 1994 feierte "Seoul Linie 1" Premiere - und wurde seitdem rund 2.800 Mal aufgeführt. Zur Buchmesse ist Kims Version in Frankfurt zu sehen.
Die Musik habe er an einigen Stellen bearbeitet, sie entspreche aber im wesentlichen dem Original von Birger Heymann, sagte Kim. Was die Geschichte angehe, sei sie sinngemäß ins Koreanische übertragen worden. "Es gibt Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede."
Die Hauptperson in "Seoul Linie 1" ist eine junge Chinesin, die in die südkoreanische Hauptstadt kommt - wie in der Originalversion eine Außenseiterin, die aus der Provinz in eine Metropole reist. Einige Charaktere habe er zu einer Figur verschmolzen, einige Szenen seien dramatischer inszeniert worden, berichtete Kim. Er hatte sich die Geschichte des Musicals von einem Freund 'nacherzählen' lassen, der Deutsch versteht. Außerdem lag ihm eine englische Übersetzung des Musicals vor.
"Seoul Linie 1", für das Kim sein eigenes Theater gründete, war in Südkorea von Anfang an ein großer Erfolg. Seine 1.000. Aufführung erlebte das Stück im Jahr 2000 - noch bevor die "Grips"-Version 1.000 Mal aufgeführt wurde. Zu dem Jubiläum lud Kim einige Schauspieler aus Berlin ein.
"Linie 1"-Autor Volker Ludwig hatte sich Kims Inszenierung bereits 1995 angesehen. Er habe ihn nach Südkorea eingeladen, erzählte Kim. Und er habe seinen Schauspielern gesagt: "Wenn Herrn Ludwig meine Adaption nicht gefällt, müssen wir das Theater schließen." Aber Ludwig habe das Stück gefallen, und er habe ihn und seine Truppe zu einem Gastspiel nach Berlin gebeten. "Ich habe mich wie ein Sünder gefühlt", sagte Kim: So unangenehm sei es ihm gewesen, seine Adaption im "Grips-Theater" vorzustellen.
Symbol des Widerstandes in den 70er Jahren
Kim hat in den vergangenen Jahren mehrere Musicals ins Koreanische übertragen. Er zählt zu den bekanntesten Künstlern Südkoreas. Sein Lied "Ach'im Isul" ("Morgentau") war in den 70er Jahren eine der Hymnen bei den Protesten gegen die Militärdiktatur. Kim wurde damals mehrfach festgenommen; er erhielt Arbeits- und Veröffentlichungsverbot. Schließlich verließ er Seoul für fünf Jahre und arbeitete auf dem Land als Bauer. In den 80er Jahren kehrte er in die Hauptstadt zurück, aber es dauerte bis 1987, bevor er wieder künstlerisch arbeiten konnte.
Die ältere Generation kenne ihn noch als Liedermacher, als Schöpfer von "Morgentau", sagte Kim. Manche seien ganz verwundert zu erfahren, dass er hinter "Seoul Linie 1" stecke. Insgesamt 600.000 Menschen haben sein Musical inzwischen gesehen, vor allem junge. Damit ist das Stück das bisher erfolgreichste Musical in Südkorea. Erstes Auslandsgastspiel war 2001 das in Berlin, es folgten Aufführungen in Schanghai, Peking, Osaka oder Hongkong.
Als nächstes plant Kim etwas, "was sich sehr von 'Seoul Linie 1' unterscheidet", wie er sagt, ein Stück über Zivilisation und Paradigmenwechsel. Auch eine weitere Zusammenarbeit mit dem "Grips-Theater" sei möglich. Konkrete Projekte gebe es nicht, aber "ich schließe das nicht aus".
"Seoul Linie 1" ist vom 20. bis zum 22. Oktober im Bockenheimer Depot in Frankfurt/Main zu sehen.
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