Niederländische Jüdin verfasste Notizen: Tagebuch eines KZ-Opfers aufgetaucht
zuletzt aktualisiert: 19.10.2004 - 16:31Den Haag (rpo). Als das bekannteste Tagebuch eines KZ-Opfers gilt weltweit "Das Tagebuch der Anne Frank". Jetzt ist in den Niederlanden ein weiteres Notizbuch eines jüdischen Mädchens aufgetaucht - ein sensationeller Fund.
Mehr als 60 Jahre nach deren Tod ist das Tagebuch einer von den Nazis ermordeten jüdischen Schülerin aufgetaucht. Die damals 18-jährige Niederländerin Helga Deen hielt darin im Sommer 1943 die Zeit ihrer Gefangenschaft im berüchtigten Lager Vught fest, von dem aus sie ins Konzentrationslager Sobibor in Polen deportiert wurde, wie das Archiv der Stadt Tilburg am Dienstag mitteilte. Die Schülerin eines nahe gelegenen Gymnasiums führte die Chronik für ihren Freund, der das Manuskript offenbar sein ganzes Leben lang aufbewahrte. Es ist erst das dritte Lager-Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg, das in den Niederlanden gefunden wurde, und das erste, das von einer Frau geschrieben wurde.
Die Tageszeitung "De Volkskrant" veröffentlichte Auszüge aus dem Tagebuch, in denen die junge Frau ihre Hoffnungslosigkeit beschreibt: "Ich fühle mich so allein; jeden Tag sehen wir hinter dem Stacheldrahtzaun die Freiheit." Kurz nachdem etwa 1300 Kinder nach Auschwitz und Sobibor deportiert worden waren, notierte Deen am 6. Juni 1943: "Transport. Es ist zu viel. Ich kann nicht mehr, und morgen wird es wieder passieren. Aber ich will, ich will, denn wenn mein Wille stirbt, sterbe auch ich." Wenig später wurde Helga Deen ins KZ Sobibor in Polen deportiert, wo sie am 16. Juli 1943 mit ihren Eltern und ihrem Bruder ermordet wurde.
"Das ist ein ganz außergewöhnlicher Fund", sagte David Barnouw vom Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) der Nachrichtenagentur AFP. "In den Lagern wurden wegen der Lebensbedingungen nur ganz wenige Tagebücher geschrieben." Mitarbeiter des Tilburg-Archivs sagten, es sei "ein völliges Rätsel", wie das Manuskript in dem Lager versteckt und später herausgeschmuggelt werden konnte.
Das Regionalarchiv Tilburg hatte das grüne Notizbuch mit den Bleistifteintragungen im Januar von Conrad van den Berg erhalten, dessen Vater Kees es gemeinsam mit einer Locke und einem Füllfederhalter in einer Brieftasche aufbewahrte. "Die Brieftasche war für meinen Vater wie eine Reliquie. Niemand durfte sie anfassen", sagte er der Zeitung "Brabants Dagblad". Das Tagebuch soll am 30. Oktober ausgestellt werden. Das Tilburg-Archiv will den Text möglicherweise im Mai kommenden Jahres veröffentlichen.
Der Fund erinnert an das berühmte Tagebuch der Anne Frank, das ebenfalls in den Niederlanden gefunden worden war. Das gleichnamige Buch gehört zu den meistgelesenen Lektüren weltweit.
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