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Zum 60. Todestag von Thomas Mann
Im Banne des Zauberers

Thomas Mann
Thomas Mann FOTO: AP
Düsseldorf. Am 12. August jährt sich zum 60. Mal der Todestag des deutschen Dichterfürsten Thomas Mann. Unser Autor verneigt sich. Von Reinhold Michels

Verehrte Leserinnen und Leser! Wenn Sie den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, dessen Todestag sich zum 60. Mal jährt, für einen großbürgerlich antiquierten Wortdrechsler halten, der "die Bügelfalte zum Kunstprinzip erhebt" (Alfred Döblin) - dann sollten Sie jetzt Nerven bewahren. Denn mir ist Thomas Mann viel mehr: der literarische Lebensbegleiter seit den wertvollen, heute würde man sagen: den nachhaltigen Deutschstunden in der Unterprima (12. Klasse) beim Viersen-Dülkener Studienrat und Ironiker Fritz Hannemann. Bert Brechts "Mutter Courage", der "Galilei", "Der gute Mensch von Sezuan" - großes Interesse und Lektürevergnügen bis heute auch hier; aber "der Zauberer", wie Thomas Mann von seiner Erstgeborenen Erika genannt wurde, steht über dem fabelhaften BB.

Alles begann 1968 mit den "Buddenbrooks", dem Geniestreich des 25-jährigen Lübecker Senatorensohnes, der beim Erscheinen des Buches 1901 längst zum Münchner geworden war. Der erwähnte Deutsch- und Klassenlehrer Hannemann hatte uns Primanern die "Buddenbrooks" verordnet: "Lesen Sie, meine Herren, und versuchen Sie, das Buch zu verstehen." Das wurde ein Unterrichtsstoff über Wochen hinweg: keine leichte Kost für 18-Jährige, aber schweres Essen sättigt.

Der Pädagoge lehrte uns, den grandios geschilderten Verfall einer Familie zu interpretieren; vor allem schärfte Fritz Hannemann die Sinne für den ironischen Grundton, der Manns Werk bis hin zum "Felix Krull" durchzieht, oder sollte man bei diesem Meister sprachlicher Nuancierung nicht besser schreiben: parfümiert?

Also die Buddenbrooks! Diese Romanfiguren! Dieser oft verfilmte feinste Stoff! Da ist Thomas Buddenbrook, der seiner ererbten, ernsten Kaufmannssache schon nicht mehr ganz sicher ist. Da sind sein ins Liederliche driftender Bruder Leichtfuß Christian, die vom Leben irritierte und von zwei Ehemännern enttäuschte Tony vom Typ "Höhere Tochter"; da tritt auf Tonys eklig-betrügerischer Verehrer Grünlich, schließlich der fürs elterliche Handelshaus untaugliche, kränklich-schüchterne Zärtling Hanno - ein Bürgersöhnchen der vierten Generation, aus Vater Thomas' Sicht an die Kunst verloren. Hanno zieht früh seinen berüchtigten Strich unter die Familiengeschichte der Buddenbrooks. Alles Personen, von Thomas Mann wie für die literarische Ewigkeit erfunden.

Sie lösten die eingangs angedeutete Infektion aus. Manche mögen diagnostizieren, es läge wohl ein schwerer Fall von "Morbus Mann" vor. Ich entgegne ungerührt: Mit der Krankheit lässt sich gut leben. Paradoxerweise dienen Lese-Kuren dazu, dass sich "Morbus Mann" verstärkt: Etwa mit und auf dem "Zauberberg", dessen bildungsbürgerliche Rezepturen samt philosophischen, auch erotischen Finessen jedoch mehr Reife verlangen, als ein Primaner aufbieten kann. Gleiches gilt erst recht für die Joseph-Tetralogie, den "Faustus" oder den "Erwählten", dieses sonderbare Spätwerk mit "einigen Späßen, wenn nicht gar Allotria" (der Autor). Erst ein kurioserweise spät vollendetes, von seinem Erzeuger wenig geliebtes Frühchen, das Jahrzehnte im dichterischen Brutkasten lag, weckt eindeutig und gradheraus, für Manns Verhältnisse anspruchslos heitere Gefühle: das Schelmenstück über den Hochstapler und Charme-Versprüher Felix Krull.

Acht Romane hat Mann geschrieben. Da der "Joseph" ein Vierteiler ist, sind es eigentlich drei epische Werke mehr. Der Dichter recherchierte gründlich und schrieb langsam. Er war ein disziplinierter Geistesarbeiter, innerlich zerrissen zwischen Selbstzucht zu bürgerlicher Lebensführung (an Bruder Heinrich: "Ich habe beschlossen, mir eine Verfassung zu geben") und künstlerischen Aus- und Abschweifungen; zwischen Familienpatriarchen-Herrlichkeit und homoerotischen Tag- und Nachtträumen eines Bisexuellen. Ein Faszinosum an Vielschichtigkeit, mit Falten in seiner Seele, von denen über Jahrzehnte hinweg allein er und sein Tagebuch wussten. Morgen für Morgen von neun bis zwölf saß Thomas Mann am Schreibtisch und schrieb jeweils kaum mehr als eine Seite - man kann sagen: er rang sich die Zeilen ab. Genie ist wohl tatsächlich zu 90 Prozent Fleiß.

Stetige Arbeit am Opus magnum, auch im Urlaub, der damals noch Sommerfrische hieß, und das ein Schriftsteller-Leben lang - anfangs im Oberbayerischen, ab 1933, als in Deutschland noch einmal die Pest ausbrach, im französischen, schweizerischen, von 1938 dann im kalifornischen Exil - und nach dem Ende der Hitler-Raserei wieder unter Eidgenossen am Zürichsee.

Zu den großen Romanen gesellten sich Vorträge, beispielsweise über Goethe, Schiller, Nietzsche (darunter schien es ein Thomas Mann nicht zu tun) sowie prächtige Novellen, etwa der "Tod in Venedig". Wer darin liest, kommt an der Erkenntnis kaum vorbei, dass es hier jemand wie keiner sonst außer dem Olympier von Weimar so verstand, im herrlichen Orgelwerk unserer Sprache alle Register zu ziehen.

Als Verehrer des Werkes von Thomas Mann - als Mensch soll der Egomane vorwiegend kühl bis ans Herz gewesen sein, auch und besonders gegenüber den darüber untröstlichen jüngeren Söhnen Golo und Michael - ist man immer erpicht darauf, von ebenso Begeisterten zu hören oder zu lesen. Die Schar ist riesengroß, der "Zauberer" hat viele Menschen in seinen Bann geschlagen. Es gelingt ihm immer noch. Dem unvergessenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war Thomas Mann lebenslang ein Hausheiliger. Fritz J. Raddatz, der begnadete Stilist, erhob den Dichterfürsten des 20. Jahrhunderts ebenfalls zu den Altären. Frank Schirrmacher, dem zu früh verstorbenen Geistesblitz auf zwei Beinen, war Thomas Mann "ein Kontinent, in den man nach Belieben emigrieren kann".

Ich gehe, wenn immer ich in München bin, in die Schwabinger Freilitzschstraße Nr. 32 beim Englischen Garten und verharre eine Weile vor dem Wohnhaus, in dem Thomas Mann von 1899 bis 1902 wohnte und die "Buddenbrooks" vollendete. Eine Gedenktafel kündet davon. Und in Parterre, wo eine sympathische Trattoria einlädt, hängt ein Bild des Meisters an der Wand. Cucina italiana und Erinnerung an geistige Nahrung aus der literarischen deutschen Sterne-Küche - wer da keinen Appetit bekommt! Wer da nicht, um Th.M. zu zitieren, als "deutscher Europäer und europäischer Deutscher" fühlt!

Quelle: RP
 
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