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Markus von Hagen im Interview
Traumberuf: Micky-Maus-Hefte-Übersetzer

Markus von Hagen im Interview: Traumberuf: Micky-Maus-Hefte-Übersetzer
Grummel, seufz, schmacht: Wie liebt er doch seine Taler! Dagobert Duck an seinem Lieblingsort. FOTO: dpa
Düsseldorf. Der Münsteraner Markus von Hagen hat einen außergewöhnlichen Job: Er übersetzt Micky-Maus-Hefte ins Deutsche. Gute Comics hält er für Kunst. Von Karsten Kellermann

Markus von Hagen ist bekennender Donaldist und arbeitet im Übersetzerteam für Micky, Donald, Dagobert und Co. - er ist quasi das Sprachrohr Entenhausens. Wir haben uns mit ihm über seinen Traumjob, die Comic-Sprache und den Wert der "neunten Kunst" unterhalten.

Herr von Hagen, Sie sind Donaldist. Haben Sie im November gefeiert? Dagobert Duck wurde 70.

von Hagen Die Geburtstage der Figuren des Entenhausen-Kosmos richten sich nach ihren ersten Auftritten in den Comics oder in den Zeichentrickfilmen. Das ist losgelöst von dem, was wir an Alter den Figuren zuordnen. So sind Tick, Trick und Track nach dieser Rechnung älter als ihr Großonkel Dagobert. Von meiner Seite aus macht das wenig Sinn. Diese Jubiläen sind eher marktstrategische Gedenkfeiern und für mich von keiner großen Bedeutung.

Markus von Hagen, geboren 1956, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte und arbeitet in Münster als Kabarettist, Rezitator, Regisseur, Autor sowie in der Erwachsenenbildung - und neuerdings als Übersetzer von "Micky Maus". FOTO: Ralf Emmerich

Als Donaldist müssten Sie eigentlich Ihren Traumjob gefunden haben: Sie übersetzen Micky-Maus-Hefte ins Deutsche.

von Hagen Ein Traumjob ist das in der Tat für mich, aber nicht als Donaldist. Als solcher bin ich Interpret bereits vorhandener Werke, wobei der "Kanon" für mich vor allem das Werk von Carl Barks darstellt. Doch als ein an Sprache interessierter Mensch ist diese Aufgabe überaus reizvoll, zumal mir meine Frau, die perfekt Englisch spricht, hier sehr hilfreich zur Seite steht.

Worauf kommt es bei einer Comic-Übersetzung an? Ist Micky Maus in Englisch anders als in Deutsch?

von Hagen Zunächst einmal ganz formal: Der Text muss in die Sprechblasen passen. Übertragungen ins Deutsche sind aber meistens länger als das englische Original, was gewisse Kürzungen erfordert. Andererseits hat man große Freiheit: Es geht nicht darum, eine möglichst wörtliche Übersetzung zu haben, sondern den Geist der Geschichte zu vermitteln. Jede Übersetzung ist eine Neudichtung, das gilt auch hier. Das große Vorbild ist Erika Fuchs, die langjährige Redakteurin der Micky Maus und geniale Übersetzerin, die wunderbare Wortspiele, witzige Wendungen und phantasiereiche Namen kreierte und auch zahlreiche Zitate, zum Beispiel aus Klassikern, in die Texte eingebaut hat.

Als Übersetzer muss man sich in die Charaktere einfühlen. Denken Sie manchmal wie Micky Maus oder Donald Duck?

von Hagen Wie schon gesagt: Es geht hier um Geschichten, weniger um übergreifende Charaktere. Diese können stark wechseln. Micky Maus und Donald Duck haben von Geschichte zu Geschichte und erst recht bei verschiedenen Zeichnern und Textern höchst unterschiedliche, oft sogar unvereinbar gegenläufige Eigenschaften. Es ist vielmehr erforderlich, sich in den Geist des Autors einzufühlen. Was ist ihm wichtig an dieser Geschichte? Wie übertrage ich das am besten in unsere Sprache?

Arrrgh, Grrr, knarz - ist diese Sprache universell? Welche Einflüsse hat die Comic-Sprache auf unsere Sprachkultur?

von Hagen Die so genannte Onomatopoesie, also der lautmalerische Ausdruck, der für die Pädagogik der 50er und 60er Jahre ein besonderes Ärgernis darstellte, obwohl schon Wilhelm Busch damit operierte, spielt nicht die entscheidende Rolle. Innerhalb der Geschichten finden wir normale Alltagssprache, die ironisch durchsetzt sein kann, etwa durch Wortspiele oder besonders blumige Formulierungen. Gute Texter setzen das belebend, manchmal auch anspielungsreich ein, ohne von der Geschichte selbst abzulenken. In dieser Beziehung gibt es keine besondere Comic-Sprache. Comics sind häufig in ihrer Bild- und Sprachästhetik dem Film ähnlich. Und hier haben gute Texte natürlich Einfluss auf unsere Sprachkultur, wie jede Literatur.

Comics gelten als die neunte Kunst. Das sieht aber nicht jeder so. Was sagen Sie Eltern, die ihren Kindern die Lektüre von Comics verbieten, weil es Schund sei?

von Hagen Comic ist zunächst einmal ganz wertfrei eine Form des sprachlich-bildlichen Ausdrucks, den es schon seit tausenden Jahren gab, zum Beispiel im alten Ägypten, aber auch im Mittelalter. Der Begriff Comic ist missverständlich, er leitet sich aus den amerikanischen Comic-Strips des späten 19. Jahrhunderts ab und wurde dann Oberbegriff für eine ganze Gattung. Innerhalb des Sujets gibt es, wie bei jeder anderen Gattung auch, Gutes und - meist häufiger - Ramsch. Der Roman beispielsweise, der übrigens auch lange Zeit als "Schund" und "sittenverderbend" angesehen wurde, umfasst ja sowohl Groschenhefte als auch Thomas Mann. Große Künstler wie zum Beispiel Lyonel Feininger haben wunderbare Comics gezeichnet. Es ist eine Kunstgattung, die ein breites Spektrum an Möglichkeiten liefert. Da muss man genau hinschauen, bevor man es beurteilt, oder wie es Johannes Reuchlin ausgedrückt hat: "Nicht verbrennt, was ihr nicht kennt!"

Anders herum gedacht: Comics verbinden Bilder und Sprache, das passt in eine bildgeprägte Welt - können Comics die Einsteiger-Literatur der Gegenwart sein?

von Hagen Gute Comics bilden zunächst einmal eine Kunstgattung, die einen Wert für sich hat. Sie ersetzen nicht die Literatur oder den Film, sind aber auch durch nichts zu ersetzen. Darüber hinaus können sie für Sprache sensibilisieren - so wie das bei mir der Fall war. Es ist aber keineswegs so, dass sie leichter konsumierbarer sind und so den Einstieg in ein "richtiges" Buch vereinfachen. Anspruchsvolle Comics muss man lesen lernen.

Quelle: RP
 
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