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Der zehnte Krimi ist der letzte: Trauriger Abschied von Wallander

VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 28.04.2010 - 07:26

Düsseldorf (RP). Im zehnten und definitiv letzten Wallander-Krimi schiebt Henning Mankell seinen berühmten Kommissar Kurt Wallander aus Ystad aufs Altenteil. "Der Feind im Schatten" ist ein faszinierendes Finale, in dem Wallander bereits mit Demenz und Alzheimer zu kämpfen hat.

Bestsellerautor Henning Mankell.  Foto: ddp, ddp
Bestsellerautor Henning Mankell. Foto: ddp, ddp

Wir sind mit Kurt Wallander in den Sumpf der Fremdenfeindlichkeit gestapft ("Mörder ohne Gesicht"), haben miterleben müssen, wie ein Serienkiller seine Opfer grausam skalpiert ("Die falsche Fährte"), mussten mit ansehen, wie politische Fanatiker die Welt mit Hilfe eines Computer-Virus ins Chaos stürzen wollten ("Die Brandmauer"): Der Kommissar aus dem südschwedischen Ystad hat uns Einblicke in die Psyche von Mördern und Verschwörern gegeben und gezeigt, wie nahe am Abgrund die vermeintlich normalen Menschen balancieren.

Seit bald 20 Jahren führt uns Autor Henning Mankell auf eine lange Reise durch die Nacht der menschlichen Bösartigkeit. TV-Adaptionen gab es in Hülle und Fülle, und allein im deutschsprachigen Raum wurden über 17 Millionen Wallander-Romane und Hörbücher verkauft. Mit "Der Feind im Schatten", dem zehnten Band seiner Wallander-Serie, nimmt Henning Mankell nun Abschied von seinem eigenbrötlerischen Kommissar und schiebt ihn frühzeitig aufs Altenteil.

Eigentlich ist Kurt Wallander erst 60, könnte noch ein paar Jahre seinen Dienst tun und dann sein Seniorendasein genießen. Aber diese letzten Jahre, darauf besteht der Autor in einem Epilog, möchte Wallander ohne die Neugier der Leser verbringen. Denn der "Feind im Schatten", das ist nicht nur der im Hintergrund seine Fäden ziehende Verräter und Mörder. Es ist auch das Alter und der nahende Tod, den Wallander deutlich spürt. Seine Diabeteserkrankung macht ihm zu schaffen, und manchmal hat er für einige Minuten regelrechte schwarze Löcher im Gedächtnis. Er wird, das kann sich der Leser zusammenreimen, in nicht allzu ferner Zukunft im undurchdringlichen Nebel von Demenz und Alzheimer verschwinden.

Doch noch ist es nicht so weit, und Wallander erfüllt sich einen alten Traum. Er kauft sich ein Haus auf dem Land und schafft sich einen Hund an. Mona, seine Ex-Frau kommt manchmal vorbei, weint sich aus und beschimpft ihn. Und Linda, seine Tochter, die auch im Polizeidienst tätig und dem treuen Mankell-Leser bestens bekannt ist, bekommt ein Kind. Linda ist inzwischen mit dem Finanzmakler Hans von Encke liiert. Dessen Vater, Hakan von Encke, ist pensionierter Korvettenkapitän und ehemaliger U-Boot-Kommandant.

Eines Tages verschwindet der 75-jährige Hakan spurlos. Weil die Polizei in Stockholm nicht weiterkommt, weder ein Motiv noch eine Leiche findet, schaltet sich Wallander ein und versinkt immer mehr in politischem und militärischem Treibsand. Bald schon blickt er in einen Abgrund an verschwiegenen Familiengeheimnissen und an Landesverrat. Denn Hakan von Encke und seine Frau Louise haben seit 40 Jahren eine schwer behinderte Tochter vor aller Welt versteckt und in einem Heim untergebracht. Selbst ihr Sohn Hans wusste nichts von der Existenz einer Schwester.

Außerdem war Hakan mit höchsten militärischen Geheimnissen vertraut und entweder das Opfer von Spionage oder selbst ein Spion. Monate später verschwindet auch noch Louise. Aber im Gegensatz zu ihrem Gatten taucht sie wieder auf: Sie liegt tot in einem Wald, in ihrer Handtasche findet die Polizei geheimdienstliches Material. Doch was nach Selbstmord einer russischen Spionin aussieht, entpuppt sich als Mord: In ihrem Blut finden sich Spuren eines Präparats, das einst die DDR einsetzte, um die Liquidierung von Verrätern wie Selbstmord aussehen zu lassen.

Um den Fall zu lösen, muss Wallander sich nicht nur in die Zeit des Kalten Krieges und der atomaren Konfrontation der Großmächte zurückversetzen, er muss auch die eigens für ihn und die Polizei aufgebauten Kulissen einer politischen Intrige und geheimdienstlichen Inszenierung beiseite schieben. Wallander findet keine Ruhe, recherchiert auf eigen Faust, vertraut niemandem. Er reist in dunkle Wälder auf abgelegene Inseln, nach Kopenhagen und sogar nach Berlin. Irgendwann hat er die Fäden des Rätsels entwirrt. Die wichtigsten, nicht alle. Manches bleibt offen, und Mankell macht sich einen Spaß daraus, aufzulisten, auf welche Fragen Wallander keine Antworten findet.

Aber haben wir das an Wallander nicht immer besonders geschätzt: dass er sich mehr für komplizierte Fragen als für einfache Antworten interessiert und uns nie einreden wollte, er habe die Weisheit mit Löffeln gegessen und könne uns die Welt erklären?

Quelle: RP

 
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