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Zum Tod von Umberto Eco
Kleine Liebeserklärung an ein Buch – statt eines Nachrufs

Umberto Eco - Der Zeichenleser ist tot
Umberto Eco - Der Zeichenleser ist tot FOTO: dapd, Katja Lenz
Umberto Eco ist tot. Statt eines Nachrufs macht unser Autor eine kleine Liebeserklärung an ein Buch. Von Lothar Schröder

Der kürzeste Weg in die Welt von Umberto Eco bleibt für mich eine Fahrt in den Rheingau – also ein kleines Stück oberhalb von Kiedrich, in die uralte Zisterzienser-Abtei von Kloster Eberbach. Die ist berühmt wegen ihres feinen Rieslings und legendär als Drehort zu einem mittelalterlichen Klosterkrimi. 1985 war das, als hier die Filmaufnahmen zu "Der Name der Rose" entstanden. Mit einem umwerfenden Sean Connery in der Hauptrolle, der dem Mönch William von Baskerville für alle Ewigkeit sein Gesicht lieh. In den Speisekarten der Klosterschänke wird auf dieses Spektakulum nicht nur am Rande hingewiesen. Wer damals aus den nahen Weindörfern als Komparse mittun durfte, so heißt es, soll leicht an der Tonsur zu erkennen gewesen sein.

Die Nachricht von seinem Tod löst in mir neben der Trauer über den fast väterlich wirkenden Italieners unmittelbar auch das aus: eine Reise mit dem Kopf in die Vergangenheit und geradewegs in die Zeit des Mittelalters hinein, in der so schrecklich gehungert und gefroren, fromm gebetet, unfromm gemordet und am Ende der vermeintliche Glaube auf dem Scheiterhaufen exekutiert wird. Das ist bis heute Vergangenheit zum Anfassen, Vergangenheit zur Unterhaltung, Vergangenheit zur Belehrung. In keinem anderen seiner insgesamt sieben Romane (ich staune beim Nachzählen, dass es wirklich nicht mehr waren) ist das Umberto Eco so famos gelungen wie in "Der Name der Rose" von 1980, der 30 Millionen Käufer und höchstwahrscheinlich noch weit mehr Leser fand und der zusammen mit der Verfilmung getrost als Weltbestseller durchgehen kann.

Kann man Eco anhand eines Buches gerecht werden?

Am Tag der Nachricht vom Tod des 84-jährigen Italieners sich auf den einen Bestseller zu kaprizieren, erscheint ein bisschen wenig zu sein in Anbetracht auch des essayistischen, opulent wissenschaftlichen und wirkmächtig journalistischen Gesamtwerks. Mit der Liebe zu einem Buch kann man dem Eco-Universum sicherlich nicht gerecht werden. Doch ist es die Liebe eines Leser zu einem Buch – eine Art hartnäckige Selbstbehauptung, die in den Augen des italienischen Dichters und Denkers (da bin ich mir fast sicher) Wohlwollen und Gnade gefunden hätte. Ohnehin hat Eco uns gelehrt, dass Leser eigene Wege gehen, dass sie Beteiligte sind, die stets mitmischen im großen Text.

Dann also "Der Name der Rose" und die Geschichte des Mönches William von Baskerville. Der wird zu einem Sherlock Holmes des Mittelalters, der eine Reihe von mysteriösen Morden und Selbstmorden in einer Abtei aufklärt und sich dabei als ziemlich kluger Leser und Zeichenleser erweist. Plötzlich scheint der Verstand und nicht mehr der Glaube ein paar Rätsel der Welt zu lösen. Das ist in der Zeit einer fraglosen Gottessicherheit keine Kleinigkeit. William ist ein Vorläufer der Aufklärung, die das Mittelalter noch nicht kennt; er steht hoch über seiner Zeit, ist beinahe ein moderner Wissenschaftler und darum ein Alter Ego des Autors selbst. Dass William dann von Sean Connery gespielt wird, dürfte dem zur gemütlichen Umfänglichkeit neigenden Autor insgeheim nicht wenig geschmeichelt haben.

"Der Name der Rose" trägt die Zentralbotschaft Umberto Ecos

Der Roman trägt die Zentralbotschaft Ecos – und die heißt: Die Welt ist voller Zeichen, die zu entschlüsseln sind. Der Wahrheit kommt man dadurch ein ordentliches Stück näher, dem großen Geheimnis aber nicht. Auch der Krimi wird am Ende ohne große Lösung bleiben, obgleich sich Wahrheitssucher im Buch haufenweise finden. Der spannendste von ihnen dürfte der blinde Abt Jorge sein, der wie eine Spinne in der labyrinthischen Klosterbibliothek sitzt und mit dem Umberto Eco dem blinden argentinischen Dichter und Bibliothekar Jorge Luis Borges (1899-1986) ein vieldeutiges Denkmal setzte.

Die Bibliothek ist für Eco immer mehr als nur eine größere Ansammlung von Büchern. Sie ist ein großes Labyrinth und damit ein Zeichen des Labyrinthes der Welt: "Trittst du ein, weißt du nicht, wie du wieder herauskommst", heißt es im  Buch, das übrigens Ecos erster Roman war; ein Literaturdebüt mit fast 50 Jahren! Aber schon der Titel ist ein Rätsel, über den sich die meisten Leser und Kinogänger kaum Gedanken machen. Was bedeutet das eigentlich, "Der Name der Rose"? "Abtei des Verbrechens" sollte das Buch ursprünglich heißen; oder einfach nur wie der Erzähler: "Adson von Melk". Am Ende kam Eco dann auf die Rose, die ihm gefiel, schlicht und einfach deshalb, weil sie in alle möglichen Richtungen weist und den Leser damit irreleitet. "Ein Titel soll die Ideen verwirren, nicht ordnen", behauptete Eco.  Andere Aussagen von ihm müssen wir ihm allerdings nicht unbedingt Glauben schenken. Etwa zu seiner Grundidee des Romans: "Ich hatte den Drang, einen Mönch zu vergiften", hat er behauptet, was ihm als vehementer Agnostiker zwar zuzutrauen ist, was der Komplexität des Romans dann aber nicht so ganz gerecht wird.

Umberto Eco hat sich einmal als "Vernebelungs-Philosoph" bezeichnet. Auch in diesem Sinne wird sein Geist im Kloster Eberbach greifbar. Wenn es nach Sonnenuntergang dort mucksmäuschenstill und so ungewohnt dunkel wird. Dann zieht öfters Nebel vom nahen Rhein über die Weinhänge hoch zur Abtei. Jeder Durchblick findet dann ein Ende. Aber: "Im Nebel bist du in Sicherheit vor der äußeren Welt", so Eco, "auf du und du mit deinem Innenleben. Nebulat, ergo cogito."

(RPO)
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