Paul Auster im Interview: Visionen aus der Finsternis
zuletzt aktualisiert: 05.11.2008 - 08:09(RP). Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster hat einen neuen Roman geschrieben. "Der Mann im Dunkel" spielt in einem Amerika, das von einem Bürgerkrieg erschüttert wurde, und mutet dem Leser viel zu: etwa die genaue Beschreibung einer Hinrichtung.
Was hat Sie veranlasst, in Ihrem neuen Roman, „Der Mann im Dunkel“, ein bizarres politisches Szenario zu entwerfen und in Amerika einen Bürgerkrieg anzuzetteln?
Auster Sie müssen sich die Umstände des Romans vergegenwärtigen: Da ist der 72-jährige August Brill. Er liegt nachts wach, seine Frau Sonia ist gestorben, sein Bein wurde bei einem Autounfall schwer verletzt, Brill ist in einem Zustand der Verzweiflung, deshalb denkt er sich nachts Geschichten aus. Das andere Amerika, das er erfindet, sieht so aus: Nach der Präsidenten-Wahl im Jahre 2000 brach ein Bürgerkrieg aus. Das beruht auf meinen eigenen entsetzten Reaktionen nach der Wahl. Ich bin überzeugt, dass Al Gore die Wahl gewonnen hat und die Republikaner ihm den Sieg gestohlen haben. Das Gefühl, dass wir mit Al Gore eigentlich einen Präsidenten gewählt haben, der das meiste, was passiert ist, nicht hätte geschehen lassen, das hat mich angeregt, Brill die Idee eines anderen Amerikas erfinden zu lassen.
Erzähler Brill beschreibt sehr detailliert die Hinrichtung von Titus. Er wird von Terroristen vor laufender Kamera enthauptet. Warum muten Sie dem Leser das zu?
Auster Ich hatte das Gefühl, ich wäre als Schriftsteller gescheitert, wenn ich diese Angelegenheit vertuscht hätte. Denn das ist der Vorfall, der die Familie foltert. Zu wissen, dass Titus getötet wurde, ist das eine, aber es ist etwas anderes, auf einem Video gesehen zu haben, wie er getötet wurde. Wenn ich es nur erwähnt hätte, ohne es zu beschreiben, hätte ich meinen Beruf als Autor verfehlt. Ich kann Ihnen sagen: Diese Passage zu schreiben, hat wirklich keinen Spaß gemacht.
Titus ist gegen den Krieg in Irak. Er bezeichnet den Krieg als ,Schwindel und Betrug’ und meint, man sollte ,Bush ins Gefängnis werfen – zusammen mit Cheney, Rumsfeld und der ganzen Bande faschistischer Verbrecher, die dieses Land regieren.’ Ist das nur die Meinung von Titus oder auch von Paul Auster?
Auster Ich fände es toll, wenn sie ins Gefängnis kämen. Natürlich wird das nie passieren. Aber ich glaube, das sind alles Kriminelle, und sie verdienen es, in den Knast zu wandern. Der arme Titus ist ein junger Mann von Anfang 20, aber er fühlt sich als Versager. Er ist kein Soldat, sondern arbeitet für eine Vertragsfirma im Irak. Er möchte in den Schlund der Hölle hinabblicken und die Welt dort erleben, wo sie am fürchterlichsten ist, um Erfahrungen zu sammeln. Brill kennt Titus seit dessen Kindheit und will ihm das Irak-Abenteuer ausreden. Aber Titus ist zu verbohrt, um auf gute Argumente zu hören. Das ist etwas, was junge Menschen immer wieder machen: Sie haben keine Ahnung von den möglichen Konsequenzen ihrer Handlungen.
Erzähler Brill spricht von der Gnade der Geburt, weil er 1935 geboren wurde, war er zu jung für Korea und zu alt für Vietnam. Sie sind Jahrgang 1947, was hat Sie vor Vietnam bewahrt?
Auster Eine glückliche Verkettung von Zufällen. Ich war darauf vorbereitet, ins Gefängnis zu kommen. Den Vietnam-Krieg habe ich total abgelehnt, damit wollte ich nichts zu tun haben. Für mich war das ein ungerechter, illegaler und dummer Krieg, genau wie der, den wir jetzt im Irak auf einem noch fürchterlicheren Level führen. Nach dem College bekam ich die Einberufung zur Musterung. Weil ich Allergien hatte und eine Neigung zum Asthma, klassifizierten sie mich mit 1Y. Das bedeutete: Wenn sie dich brauchen, werden sie dich holen. Doch dann wurde auf eine Art Lotteriesystem umgestellt, und ich flog raus. Das war eine große Erleichterung, denn ich wollte nicht in den Knast. Aber ich wäre gegangen, wenn es nötig geworden wäre.
Sie haben „Mann im Dunkel“ dem israelischen Autor David Grossman und seinem im Libanon-Krieg gestorbenen Sohn Uri gewidmet. Sehen Sie den Palästina-Konflikt und die Lage in Israel unter einem speziellen jüdischen Blickwinkel?
Auster Nein, mit den Augen eines Menschen. David ist ein enger Freund, und ich kannte seinen Sohn Uri. Er ist das erste Kind eines Freundes, das in einem Krieg starb. Er fiel nur Stunden, bevor der Waffenstillstand ausgerufen wurde. Am Tag davor waren sein Vater sowie Amos Oz und andere israelische Autoren bei Regierungschef Olmert und baten ihn um einen Waffenstillstand. Die fürchterliche Ironie liegt darin, dass David, der sein ganzes Leben lang für den Frieden gekämpft hat, in diesem Krieg einen Sohn verlieren sollte. Als ich die Nachricht hörte, war ich total niedergeschlagen. Dieser Tod hat mich inspiriert, den Roman zu schreiben.
Es heißt, Sie hätten einmal gesagt, wenn Sie Amerika verlassen und ins Exil gehen müssten, dann könnten Sie sich vorstellen, in Berlin zu leben. Stimmt das?
Auster Das war nur ein Witz! Ich habe mit einem Freund herumgeblödelt und überlegt, dass das demokratischste Land der westlichen Welt im Moment wohl Deutschland ist. Verrückt, nicht? Wenn man sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts vor Augen hält, wie kann dann Deutschland im 21. Jahrhundert die treibende Friedenskraft sein? Das war der Witz. Aber wir gehen nicht weg, ich jedenfalls nicht.
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