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Tommy Jauds Erfolgsroman "Hummeldumm"
Von Seite zu Seite beömmeln

Tommy Jaud und die Hummeldummen
Tommy Jaud und die Hummeldummen FOTO: ddp
Köln (RP). Es ist das derzeit meistgelesene Buch in Deutschland: der Comedy-Roman "Hummeldumm" des Kölner Autors und Gag-Schreibers Tommy Jaud. Der 39-Jährige erzählt die Geschichte einer kleinen Reisegruppe in Namibia als ganz normalen Zivilisations-Wahnsinn. Von Lothar Schröder

Sind sie jetzt etwa jene Zauber-Zutat, mit der Romane hierzulande zu Bestsellern hochgewürzt werden – diese kleinen Tierchen, drollig und irgendwie besonders?

Zumindest ist gleich nach dem mexikanischen Schwanzlurch namens "Axolotl" jetzt ein zweiter tierischer Exot zum Titelhelden eines grandios verkauften belletristischen Werks geworden: ein Erdmännchen, das viel putziger als der glibberige Lurch ist und den Buchdeckel von Tommy Jauds Comedy-Roman "Hummeldumm" ziert. Seit drei Wochen führt dieses Werk nun die "Spiegel"-Bestsellerliste an – sehr weit vor Schätzing, Gier und Philip Roth.

Was da los ist in deutschen Lesestuben? Nichts Besonderes, nicht einmal Tommy Jaud ist ein Pseudonym, sondern steht für Tommy Jaud aus Köln, 39 Jahre alt, der mal Gag-Schreiber für Harald Schmidt war, auch für die Sat.1-Wochenshow und für Anke Engelke und Bastian Pastewka.

Halb debil oder betrunken

Das färbt ab. Und so liest sich das Buch über die Reise einer deutschen Touristengruppe quer durch Namibia weitgehend wie eine Comedy-Show, eine gute und intelligente allerdings. Tommy Jaud hat seinen Stoff und seine Figuren im Griff, die halb debil oder betrunken oder ständig witzelnd mit einem Minibus durchs staubige Land mit vielen wilden Tieren schaukeln.

Vor allem gibt es kein Handynetz, und das ist für unseren Helden, Matze Klein, eine Katastrophe. Dringend, am besten schon gestern, muss er eine Kaution überweisen, um die Traumwohnung für sich und seine Sina zu sichern. Wenn es aber ausnahmsweise ein Netz gibt, ist der Akku leer; wenn ausnahmsweise der Akku voll ist, kann Herr Pfingst von der Bank seines Vertrauens gerade nicht ans Telefon, weil er für die Kunden Waffeln backt, denn heute ist großer Immobilientag.

Man kann sich bei diesem Buch von Seite zu Seite wirklich beömmeln (wie Jaud sagen würde); die Geschichte ist witzig, auch böse, macht aus den neun deutschen Kulturreisenden "begoretexte" (was für ein Wort!) Trottel und aus der Expedition ein gruppendynamisches Drama. Es kommt zu heiklen Frontal-Begegnungen, bei der Reste der Wandergruppe das Pärchen anstarrten, "als wären wir ein Fernseher, auf dem Johannes B. Kerner gerade in Flammen aufging". Und wenn Sina taktisch wird, wechselt sie auch schon mal gern in den "Ursula-von-der-Leyen-Kindergartentonfall".

Formidable Kopie von Bill Murray

Das ist prima Unterhaltung, aber es langt bei weitem nicht, um auch nur halbwegs erklären zu können, warum sich "Hummeldumm" nach drei mickrigen Wochen hoch im sechsstelligen Bereich verkauft hat. Vielleicht liegt das Geheimnis im Helden, in Matze Klein, der nicht nur deshalb wie eine formidable Kopie von US-Schauspieler Bill Murray erscheint, weil er fortwährend "Bing!" sagt – wie eben Murray in "Und täglich grüßt das Murmeltier", jener Nager, der fast als fettes Erdmännchen durchgehen könnte.

Murray ist die Folie für Matze Klein, ein geistreicher Zyniker, der sich mit Lust auf die Verliererseite stellt und gerade dies der Menschheit als einsamen Sieg unter die Nase hält. Murray spielt immer den gleichen Typ, und es ist stets der große Ahnherr von Matze Klein, der bald fester Bestandteil der Loser-Reihe im Reisebus wird. "Wir sind alle überfordert", heißt das Motto des Buchs.

Das heißt, wir alle sitzen mit Matze dort, schauen durch staubige Fenster auf die ferne Welt da draußen und auf die fremden Menschen um uns herum. Eine Zivilisationsgeschichte zum Erbarmen. Die tut freilich nicht weh, sie bleibt ein nettes, folgenloses Spiel. Am Ende lauert irgendein Happy End – und es lauert immer. Anders gesprochen: Und täglich grüßt das Erdmännchen.

Leider in memoriam

Apropos (und hier sollte der Tierschutz weghören): Das wackere Erdmännchen spielt so im Mittelteil des Buchs tatsächlich eine zentrale, gleichwohl finale Rolle. Sein Name ist Carlos, dem übrigens auch der ganze Roman gewidmet ist – tja, leider in memoriam. Dieser Carlos ist – also eigentlich: war ein domestiziertes Erdmännchen und erlangt vielleicht mit diesem Schicksal den Status einer Symbolfigur. Musste er etwa einen Stellvertreter-Tod sterben, vielleicht für Matze? Ein Befreiungsakt? Eine Versöhnung mit der blöden Welt nach dem Opfer des putzigen Fellträgers?

Fragen, die man sich stellen kann, aber nicht muss. Weil dieser Comedy-Roman aus einer angenehmen Benutzeroberfläche für Leser besteht, auf der man sanft und wohlbehütet dahingleiten kann.

Fraglos ist das ein berechtigter Anspruch von Literatur. Und doch gewinnt mit "Hummeldumm" das Gefühl die Oberhand, dass gutgemachte Comedy-Romane so etwas wie ein Crossover-Projekt der Unterhaltung sind: nämlich die Verlängerung des Abendprogramms in die Literatur.

 
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