Merkel zu Besuch bei der Queen: Was sagt die königliche Handtasche dazu?
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 30.10.2008 - 20:47London (RP/RPO). Bundeskanzlerin Angela Merkel ist am Donnerstag erstmals von Queen Elisabeth II. im Buckingham Palast in London empfangen worden. Nach dem halbstündigen Gespräch sagte sie, die Begegnung habe ihr große Freude bereitet. "Es ist eine große Ehre, bei der Königin zu Gast zu sein."
Was die Queen von der Begegnung mit Merkel gehalten hat, war nach dem Treffen nicht zu erfahren. Muss man auch nicht. Die Queen spricht schließlich mit ihrer Handtasche. Stellt sie bei einem Besuch ihre Handtasche links neben sich auf den Boden stellt, schrillen im Hofstaat die Alarmglocken. „SOS“ heißt das, oder: „Ich bin eine Königin, holt mich hier raus!“ Das Handhaben der Handtasche folgt einem Code, den die Begleiter der Queen wie eine Gebrauchsanweisung lesen. Stellt sie das Utensil auf den Tisch, bleiben noch fünf Minuten; wechselt sie die Tasche von der linken auf die rechte Seite, ist Eile geboten.
Die Geheimnisse der königlichen Handtasche hat Alexander von Schönburg enthüllt. Der Bruder der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis hat ein Buch über den den Adel geschrieben. „Was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber nie zu fragen wagten“ ist amüsant und lehrreich zugleich.
Schönburg ist es zu verdanken, dass wir jetzt deuten können, wie sich die Queen beim Treffen mit der deutschen Kanzlerin gefühlt hat. Die britische Königin hat sich offenbar pudelwohl gefühlt. Sie trug ihre Tasche an ihrem gebeugten linken Arm. Das heißt so viel wie, alles ist bestens!
Adel-Interessierte, die nicht nur die Handtaschen-Sprache der Queen verstehen wollen, sondern generell ihr Wissen über Könige erweitern wollen, sind mit Schönburgs Buch gut bedient. Der adelige Autor taucht ein in die Historie, erzählt außerdem von Begegnungen mit Simeon von Bulgarien und dem Sultan von Brunei, und bleibt dabei immer unterhaltsam.
So erfährt man zum Beispiel im Kapitel, wie man König wird, von einer 1923 im Londoner Evening Standard erschienenen Anzeige: „Gesucht: ein König. Englischer Landedelmann bevorzugt. Bewerbungen sind an die albanische Regierung zu richten.“ Über 70 Bewerbungen gingen damals ein – darunter die eines amerikanischen Blechdosenfabrikanten. Der Autor vertraut allerdings mehr der Auffassung von Erasmus von Rotterdam, dass derjenige am besten zum König geeignet sei, der es am wenigsten werden wolle. Was für England wiederum bedeute, dass der widerwillige Prinz William der geeignete Thronfolger wäre.
Natürlich wird es immer dann besonders amüsant, wenn von Schönburg aus dem Nähkästchen plaudert. Zum Beispiel, dass man sich mit König Carl Gustaf von Schweden nur über Autos und mit Prinzessin Anne nur über Pferde unterhalten kann. Oder dass ein großer Teil der Dienerschaft der Queen schwul ist, sie ihre Corgis dem Personal vorzieht und Prinz Charles jeden Morgen vier Frühstückseier bekommt, jeweils zwischen viereinhalb und sechs Minuten gekocht, in 30-Sekunden-Abständen aus dem Wasser genommen. Wenn ihm ein Ei zu weich ist, lässt er es stehen und nimmt das nächste. Als er aber einmal im Supermarkt als Image-Gag selber einkaufen sollte, stand er ratlos an der Kasse: So etwas Profanes wie Geld gehört nicht in seine Welt.
Wie kommt von Schönburg zu seinem geheimen Wissen? Der gelernte Journalist ist ein Insider. In seinen Adern fließt selber blaues Blut, er ist verheiratet mit Prinzessin Irina von Hessen, der Großnichte der Queen. Das öffnet Türen, es verpflichtet aber auch. Von Schönburg gelingt es, voyeuristische Neugier zu bedienen, ohne den Adel zu denunzieren oder zu demontieren.
Er schafft das, indem er das Königtum generell nicht in Frage stellt, die Sehnsucht des modernen Menschen „nach dem Numinosen, dem Unerklärbaren, dem Spirituellen“ ernst nimmt. Auf dieser Basis erlaubt er sich seine kleinen, mehr anekdotenhaften als ironischen Indiskretionen. Etwa, dass die Queen von ihren Cousinen liebevoll „Lillibet“ und von ihrem Gemahl „Sausage“, Würstchen, genannt wird.
Zurück zur Handtasche der Queen, in der sich weder Schlüssel noch Pass befinden (die Queen besitzt weder Pass noch Personalausweis). Von Schönburg lüftet das Geheimnis ihres Inhalts: Füller (die Queen hasst Kulis), Kreuzworträtsel (aus der Times), Schminkkästchen, Hundekekse, Minzbonbons, eine Reihe von ihren Kindern gebbastelte Glücksbringer (die Queen ist abergläubisch) und eine Digitalkamera, mit der sie zur Verblüffung vieler Gäste auf Empfängen gerne ein paar Fotos schießt.
Apropos Andenken: Falls die Queen sich mal zu einem Hausbesuch bei englischen Aristokraten entschließt, verstecken diese lieber ihre Kostbarkeiten. Denn, so das Verständnis, der König besitzt sein Land nicht, er ist es. Wenn der Queen etwas gefällt, und sie dies auch verkündet, so hat man ihr dieses Objekt zu schenken. Danach hätte man wohl nie gefragt, aber gut zu wissen ist es allemal.
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