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Attentäter von Utøya
Wie Anders Breivik zum Massenmörder wurde

Wie Anders Breivik zum Massenmörder wurde
Gedenken am Ufer mit Blick auf die Insel Utøya, auf der Anders Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen tötete. FOTO: dpa
Oslo. Eine Biografie zeichnet den Weg des rechtsextremen Anders Breivik nach, der in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete, darunter 32 Kinder. Das Buch erzählt die Geschichte eines Mannes, der in bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, sich dann vereinzelte und schließlich zum Massenmörder wurde. Von Dorothee Krings

Sie beginnt bei den Opfern. Beschreibt, wie Jugendliche auf einer wilden Insel mit malerischen Steinklippen über den "Pfad der Verliebten" spazieren, Romantik ausprobieren nach all den politischen Workshops im Zeltlager der sozialdemokratischen Jugend. Es sind wache, engagierte junge Leute, die gern diskutieren, sich schon früh einbringen wollen in das gesellschaftliche Miteinander, die voller Erwartungen sind auf ihre Zukunft. Und die in der unbeschwerten Atmosphäre eines Zeltlagers Spaß miteinander haben.

Grausamer Gewaltrausch

Bis jener Mann auf der Insel an Land geht, der in sozialen Gruppen nie zurechtgekommen ist. Anders Behring Breivik hat eine gefälschte Polizeiuniform am Körper. Er hat schwere Waffen dabei, und er richtet sie auf die Jugendlichen, die so anders sind als er selbst. Er schießt ihnen in den Kopf, einem nach dem anderen, tötet sie auf den Felsen, im Wasser, auf den Pfaden der Insel, wo sie sich in Panik hinwerfen und versuchen, sich totzustellen. 69 Menschen sterben, 32 von ihnen sind noch keine 18 Jahre alt. Es ist der lange, grausame Gewaltrausch eines Fanatikers, Rassisten und Islamfeindes, der sich im Krieg wähnt, der glaubt, ein "weißes Europa" vor dem Islam verteidigen zu müssen. Dafür tötet er Kinder. Für ihn sind sie zukünftige "Kulturmarxisten", die er vernichten will. So wie in den Computerspielen, die Breivik jahrelang intensiv gespielt hat. Allein in seinem Zimmer.

Die norwegische Kriegsreporterin Asne Seierstad wollte wissen, warum ein Mensch aus der Mittelschicht, der im wohlhabenden Sozialstaat Norwegen mit all seinen psychosozialen Hilfsprogrammen aufwächst, gute Schulen besucht, erst zum Einzelgänger und dann zum barbarischen Mörder wird. Und so hat sie getan, was sie gelernt hat, hat genau und unerschrocken recherchiert, hat die Aussagen von Überlebenden, Polizeiberichte, Verhörprotokolle, alle Dokumente der Osloer Sozialbehörden über Breivik und seine Familie zusammengetragen, daraus die Geschichte eines Massenmörders rekonstruiert. Und sie "Einer von uns" genannt.

Reporterin beginnt bei den Opfern

Es ist wichtig, dass Seierstad bei den Opfern beginnt. Denn wer die Biografie eines Täters schreibt, wer dessen Kindheit durchleuchtet, seine Hetzschriften analysiert, nachzeichnet, wie er als Kind vernachlässigt, als Jugendlicher ausgegrenzt und als erfolgloser Erwachsener erst spielsüchtig wird, dann im Internet auf islamfeindliche Schriften stößt und sich radikalisiert, steht in der Gefahr, Aufmerksamkeit auf den Falschen zu lenken - den Täter wichtiger zu nehmen als die Opfer.

Die Norweger hatten ja nach dem Bombenanschlag, den Breivik 2011 im Osloer Regierungsviertel verübte, und dem Massaker auf der Insel Utøya bewundernswerte Haltung bewiesen, hatten einander und der Welt versichert, dass sie sich von einem Fanatiker nicht in den Hass treiben lassen, ihn und sein Gedankengut lieber ignorieren wollten. Nichtbeachtung schien die härteste Strafe für einen, der wahrgenommen werden will. Um jeden Preis.

Doch mit zeitlicher Distanz zu Breiviks Taten scheint es nun möglich, nach den Bruchstellen in dessen Leben zu suchen und zu fragen, ob Hilfe von außen ihn auf einen anderen Weg hätte führen können. Oder ob das nur hilflose Überlegungen sind. Weil es nun mal Menschen gibt, die sich irgendwann im Leben entscheiden, ihre Gewalt- und Machtfantasien brutal auszuleben, und die Verantwortung für ihr Handeln selbst tragen. Und zwar allein.

Die Fakten sind drastisch genug

Eine Stärke der gerade auf Deutsch erschienenen Biografie von Asne Seierstad ist, dass sie die Antwort auf diese Frage ihren Lesern überlässt, Breivik weder dämonisiert noch entschuldigt, sondern Fakten zusammenträgt. Wenn sie die auch teils etwas zu plastisch ausmalt. Dieser Darstellungskniff wäre gar nicht nötig gewesen, die Fakten sind drastisch genug. Auf mehr als 500 Seiten schildert Seierstad, wie Breivik aufwächst als Sohn eines Diplomaten und einer Krankenschwester, die sich schon ein Jahr nach der Geburt das Jungen scheiden lässt. Breiviks Mutter ist labil, der Vater unnahbar und wenig interessiert an seinem Sohn. Das Paar lebt zunächst in London, das verschärft die Schwierigkeiten. Und schon bald zeigt das Kind Symptome emotionaler Vernachlässigung, kann seine Gefühle nicht ausdrücken, verhält sich passiv im Spiel, hängt wie eine Klette an der Mutter, die sich überfordert fühlt.

An diesem Punkt kommt der Staat ins Spiel. Die Mutter sucht Hilfe, begibt sich zur Beobachtung in eine Jugendpsychiatrie, Experten schreiben alarmierende Gutachten. Daraufhin will der Vater das Sorgerecht zurück, das Kind wird zum Streitfall zwischen geschiedenen Eheleuten, und so kämpft die Mutter plötzlich um ein Sorgerecht, das sie gar nicht wahrnehmen kann - und bekommt es zugesprochen. Das soziale System versagt, ehe es richtig angesprungen ist.

Peinliche Details interessieren nicht

Peinliche intime Details, wie sie die erste Biografie über Breiviks Mutter ausbreitet, interessieren Seierstad nicht. Sie konzentriert sich auf den missachteten Sohn, der sein Leben lang um Anerkennung kämpft, in seiner Jugend versucht, als Graffiti-Sprayer Anschluss zu finden, dann in einer rechtspopulistischen Partei, doch nie Bindungen aufbauen kann. Schon früh gründet er obskure Firmen, um schnell reich zu werden, sucht sich in Russland eine Frau, mit der es nicht funktioniert, wird spielsüchtig. Und irgendwann liest er im Netz Hetzschriften gegen den Islam. Da hat seine Wut, sein in Demütigungen geborener Hass ein Thema gefunden. Breivik beginnt mit der Niederschrift einer 1500 Seiten starken Hassschrift. Es ist der ideologische Überbau für seine Taten und das Protokoll einer Verrohung, die er sich selbst verordnet. Am Tag des Anschlags wird er den Text versenden.

Das alles geschieht lange hinter bürgerlicher Fassade. Breivik ist auffällig, aber es gibt in seinem Leben nur wenige Menschen, die das bemerken. Und niemanden, der etwas unternimmt. Breivik wächst unter prekären Umständen auf. In seinem Leben gibt es viele tragische Momente. Und einen, da er sich entscheidet, andere zu töten.

Quelle: RP
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