Interview mit Schriftstellerin Juli Zeh: „Wir treten eben anders auf“
VON DAS GESPRÄCH FÜHRTE DOROTHEE KRINGS. - zuletzt aktualisiert: 30.12.2006 - 16:39Düsseldorf (RP). Die Schriftstellerin Juli Zeh spricht über ihren ersten Krimi, den sie im kommenden Frühjahr veröffentlichen wird, und über ihre Ideen zu einer neue Verfassung für Deutschland.
Sie dürften die Neujahrsansprache an das deutsche Volk halten - wie würde Ihre Rede beginnen?
Zeh Mit einer Aufzählung all der Dinge, über die wir uns im Rückblick auf 2006 freuen können. Dann wäre die erste halbe Stunde der Rede um und ich hätte noch fünf Minuten, um gute Vorsätze für 2007 einzufordern.
Und welchen konkreten Vorsatz für das kommende Jahr haben Sie?
Zeh Ich plane, irgendwann nach Berlin zu ziehen.
In die Stadt der jungen deutschen Autoren?
Zeh In die Stadt, in die ich sowieso andauernd fahre. Inzwischen leben die meisten meiner Freunde dort, weil es schwer ist, in Leipzig Arbeit zu finden. Ich ziehe also aus Bequemlichkeit dorthin, weil ich mich mal wieder spontan abends verabreden möchte.
Hat es in diesem Jahr so markante Ereignisse gegeben, dass sie Ihr Leben auch 2007 beeinflussen werden?
Zeh Ja, die Arbeit an meinem neuen Buch hat mich extrem beeinflusst. Ich habe eine neue Schreibweise ausprobiert, das hat mich im Sommer in ganz schlimme Krisen gestürzt. Das war eine sehr wichtige Erfahrung: Wie geht man mit sich selbst um? Was macht man, wenn man eine Depression hat? Wie kommt man da wieder raus? Mit diesen Fragen habe ich mich beschäftigt, und das wird Konsequenzen für mein Schreiben in Zukunft haben.
Was wünschen Sie sich von der Politik für das kommende Jahr?
Zeh Gleich drei Reformen: Familie, Bildung, Föderalismus. Vor allem in den ersten beiden Bereichen ist die Stagnation zum Haareraufen: Jeder Mensch, der auch nur einen Funken Menschenverstand besitzt, weiß, was zu tun ist.
Nämlich was?
Zeh Es ist ganz einfach: Ohne umfangreiche, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung keine kompetenten, qualifizierten, glücklichen und deshalb effektiven Erwerbstätigen. Und ohne gute Schulen und Universitäten kein wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und sozialer Nutzen. Obwohl die Probleme samt dazugehörender Lösung auf der Hand liegen, wird immer nur rumgemurmelt und nichts gemacht.
Was sollten die Verantwortlichen denn konkret verändern?
Zeh Ein Beispiel: Würde man die riesigen Summen Kindergeld teilweise oder ganz in staatlich finanzierte Betreuungsstätten und Schulen investieren, hätten wir sämtliche Probleme mit den Familien und die Hälfte der Probleme mit der Bildung auf einen Schlag gelöst.
Sie arbeiten mit anderen am Entwurf einer neuen Verfassung für Deutschland. Was ist die Kernidee?
Zeh Das ist ein wenig übertrieben ausgedrückt. Ich arbeite nicht an einem Verfassungsentwurf, sondern spiele mit Verfassungsideen. Es geht vor allem darum, ein System der Mitbestimmung zu entwickeln, das die oben angeführten Probleme der Menschen mit der Demokratie mildert. Wie könnte Interessenvertretung und Mitbestimmung jenseits von Parteienmodellen organisiert werden? Ist Demokratie ohne Parteien denkbar? Das sind wichtige Grundfragen.
Ist Demokratie ohne Parteien denkbar?
Zeh Niemand glaubt mehr an Rundum-Wohlfühl-Pakete aus sozialdemokratischer, liberaler oder christdemokratischer Hand. Die Menschen interessieren sich nicht für Parteienideologien, sondern für pragmatische Problemlösungen.
Anders als die meisten Schriftsteller Ihrer Generation äußern Sie sich zu politischen Fragen. Gibt es zu wenig intellektuellen Nachwuchs?
Zeh Nein, es gibt einige Autoren, die ich als Intellektuelle bezeichnen würde, Tanja Dückers zum Beispiel oder Antje Ravic Strubel. Auch Ilija Trojanow ist ein Intellektueller, und das sind nur Beispiele. Aber die jüngeren Autoren werden nicht häufig genug nach Ihren Ansichten gefragt. Die Autoren meiner Generation treten eben anders auf, die sitzen nicht mit grauen Haaren und einer Pfeife da, darum werden sie auch anders wahrgenommen. Sie haben aber durchaus etwas zu sagen zu ihrer Zeit.
Ihr neues Buch wird ein Krimi sein. Warum dieses Genre?
Zeh Bei einem Krimi ist die Architektur der Geschichte noch viel wichtiger als bei anderen Romanformen. Das war eine Art Schreibaufgabe für mich. Zum ersten Mal habe ich mich gezwungen, mit einem Konzept zu beginnen, also geplant an eine Geschichte heranzugehen, sie nicht aus chaotisch produzierten Textmengen herauszufiltern, wie ich es bisher gemacht habe. Aber das Buch ist kein klassischer Krimi. Es gibt zwar einen Mord und einen Kommissar, aber die Geschichte folgt keinem stetig fortschreitenden Handlungsgang, es gibt viele Ausschweifungen. Das Ganze ist eher eine Groteske.
Wie feiern Sie Silvester?
Zeh Mit meinem Bruder aus London und mit den drei Fincks: meinem Freund und seinen beiden Brüdern. Wir verbringen seit einigen Jahren jedes Silvester zusammen, an verschiedenen Orten. Spazierengehen, kochen, jede Menge Alkohol. Darauf freue ich mich jährlich schon im März.
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