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Wladimir Kaminer im Interview
"Russen sind an Korruption gewöhnt"

Düsseldorf. Legendär ist seine Russen-Disco, grotesk mitunter sein Blick auf die großen und kleinen Dinge des Lebens. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution richtet Wladimir Kaminer (50) seinen Blick auf seine alte, schwierige Heimat. Von Lothar Schröder

Wann waren Sie zuletzt in Russland?

Kaminer Kurz vor der Krim-Auseinandersetzung; vor gut drei Jahren, würde ich sagen.

Und würden Sie Russland noch als Ihre Heimat bezeichnen?

Kaminer Ach wissen Sie, das ist schwierig, weil die politische Entwicklung dort so viele gute Leute schon aus dem Land getrieben hat - also nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch Denker, Journalisten, Politologen, das ist wirklich sehr schade und tragisch.

Wie sollen da noch politische Diskussionen die Bevölkerung erreichen?

Kaminer Das kann ich Ihnen sagen: Die wichtigsten Informationsquellen sind in Russland das Fernsehen und das Internet - im Verhältnis von vier zu eins. Das Fernsehen kontrolliert der Staat als wichtiges Propagandamittel. Übers Internet aber werden die Menschen objektiver informiert.

Wird darin auch über die Korruption im Land aufgeklärt?

Kaminer Als Thema bewegt die Korruption die Menschen in Russland nicht sonderlich. Aus dem einfachen Grund: Sie sind daran gewöhnt. Es würde den Menschen sogar mehr Angst machen, würde sich die politische Führungsriege nicht bereichern. Weil sich dann alle fragten: Was hat der überhaupt im Kopf, wenn er sich nicht bestechen lässt? Das Lustige daran ist, dass diese korrupten Menschen praktisch jede Woche eine neue ethische Debatte anstoßen. Etwa: Darf man Minderjährige vergewaltigen oder nicht? Und dann redet sich das ganze Land die Köpfe heiß; manche sagen: Die Mädchen wollen das doch selbst. Oder auch die Frage: Dürfen Männer miteinander schlafen? Und währenddessen sitzen an den Schalthebeln der Macht lauter Menschen, die darüber nur lachen.

Gibt es überhaupt einen sicheren Boden für ethisches Handeln?

Kaminer Den gibt es auf jeden Fall. Schließlich sind die Menschen nur Menschen geworden, weil sie von einer ethischen Plattform aus handelten und sie Grundsätze des Zusammenlebens nicht in Frage stellten. Die Menschen in Russland sind ziemlich leicht zu beeinflussen, aber sie haben einen festen Kern. Den müssen wir bewahren.

In einer Ihrer Geschichten versuchen Sie zu erklären, wie Russland tickt. Eine Nummer kleiner: Wie tickt Wladmir Kaminer?

Kaminer Ich fühle mich als ein Russe in Deutschland. Geboren wurde ich noch in der Sowjetunion, also in einem Land, das es nicht mehr gibt, das aber ein Teil meiner Biografie ist. Mit der Sowjetunion hat man versucht, einen gewaltigen Sprung in die Zukunft zu tun, nur schade, dass wir dann nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit gelandet sind. Es war ein Experiment, das man nicht mehr machen muss. Für mich als Person war diese Sozialisation dennoch eine Bereicherung.

Was bedeutet Ihnen gerade in unruhigen Zeiten das Schreiben?

Kaminer Ich möchte das Wunder des Lebens festhalten. Durch die riesigen Informationsströme, denen die Menschen heute ausgesetzt sind, haben wir ein immer kürzeres Gedächtnis. Eigentlich wie Fische im Aquarium, die alle acht Sekunden alles vergessen haben. Das einzige, was uns vor Manipulation schützen kann, ist darum die Erinnerung. Und die kommt vor allem aus Büchern und Geschichten. Darum ist es für mich so wichtig , die russische Tragödie in Geschichten zu beschreiben.

Und manchmal machen Sie das mit winzigen Details, wie dem legendären Kühlschrank-Modell "SIL Moskau".

Kaminer Die Menschen fragen sich viele Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion noch immer: Was war das eigentlich? Was bedeuteten die vielen Jahre des sozialistischen Aufbaus? Viele suchen bis heute nach einem geheimen Sinn. So ist es auch mit diesem Kühlschrank, der bei meiner Schwiegermutter jetzt schon seit 60 Jahren in Betrieb ist und Unmengen an Strom schluckt. Alle vermuten dahinter irgendeine zweite Nutzungsmöglichkeit, eine militärische nämlich. Ein anderes Gerücht sagt, dass alle Nudeln in der Sowjetunion vom Kaliber 7,56 waren, damit die Maschinen im Kriegsfall ruckzuck für die Herstellung von Munition genutzt werden konnten. Oder: Warum waren Kochtöpfe so riesig? Vielleicht, weil man sie bei Bedarf auch als Satellitenschüsseln nutzen konnte. Der Kühlschrank meiner Schwiegermutter ist jedenfalls eine gute, aber auch groteske Metapher für das ganze Land.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie in diesem Jahr den Nobelpreis bekommen?

Kaminer Ich bin kein Preisträger-Schriftsteller, das wissen Sie. Preise sind für Kollegen gedacht, die zu wenige Leser haben. Und die müssen ja auch irgendwie über die Runden kommen. Im Grunde genommen sind Literaturpreise daher eine soziale Geste. Sollte ich dennoch den Nobelpreis bekommen, würde ich das Geld nehmen und alle russischen Autoren, die jetzt unter dem Regime so leiden, nach Berlin einladen und eine große Party feiern - als ein großes Symposium mit abschließendem Besäufnis. Das ist ein perfekter Plan für den Nobelpreis.

Er ist wahrscheinlich der beliebteste Russe in Deutschland: Wladimir Kaminer. Seit 17 Jahren lebt er in Berlin, erzählt von Gott und der Welt - und in seinem neuen Buch über Russland.

Quelle: RP
 
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