kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

Buch-Kritik: Zwiebel-Leserei: Günter Grass' Autobiografie

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 18.08.2006 - 14:12

Düsseldorf (RP). Selten war ein noch unveröffentlichtes Buch so öffentlich wie dieses -  wie Günter Grass‘ Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel”. Und ist mit den Debatten um die spät bekannte Mitgliedschaft des Autors in der Waffen-SS nicht schon alles gesagt, verteidigt oder verrissen? Die Schuld des „Jungnazi”, so Grass‘ eigene Worte, der mit unverrücktem Blick auf die Fahne „gläubig bis zum Schluss” blieb, ist fraglos der zentrale Punkt dieser Lebensbeschreibung. Aber sie füllt nur einige dutzend von knapp 500 Seiten.

Es wäre also ungerecht, den Lebensabschnitt, der mit dem Krieg 1939 beginnt und mit der Veröffentlichung der „Blechtrommel” 1959 endet, auf die Wirrungen des 17-Jährigen zu reduzieren. Diese Verkürzung wäre möglicherweise Sinnbild eines deutschen Schicksals im 20. Jahrhundert. Das Leben aber kennt nicht nur das Versagen. Es kennt die Bewährung, die Wandlung, die Verdrängung. Natürlich erzählt das Grass-Buch auch davon, in einem Ton, der in rund sechs Jahrzehnten gereift ist. Sprachlich muss der Autor sich und den Lesern nichts mehr beweisen; und so lässt er die Geschichte seines Lebens einfach fließen, unangestrengt mit dem epischen Atem eines Dauerläufers. Das ruft bereits nach einer kleinen Zwischenbilanz, die so lauten muss: „Beim Häuten der Zwiebel” ist eins der besten literarischen Werke von Günter Grass, das prächtigste vielleicht nach „Das Treffen in Telgte” von 1979.

Und so weit darf man sich wirklich aus dem Fenster lehnen. Weil nach so vielen genussvollen, kurzweiligen Seiten dem kritischen Leser schon das Herz übergehen kann. Wie jede ehrliche Autobiografie ist auch das Grass-Buch eine Mischung aus erlebter Wirklichkeit und farbigem Märchenwald. Jeder, der sich erinnert, kennt das: wie leicht Fakten mit Fiktion verquirlen; wie schnell das Wünschen die Erinnerung an die Leine nimmt und durch die Vergangenheit spazieren führt. Bei Grass ist das ja noch viel extremer: Ständig mischen bei ihm seine literarischen Figuren mit, aus „Hundejahre” etwa, weit stärker aus der „Blechtrommel”. Oskar ist fast überall zur Stelle, oft die schöne Mama, der kochende Papa und Onkel Franz, der bei der Verteidigung der Polnischen Post zu Danzig sein Leben ließ und fortan von der Sippschaft verschwiegen wurde.

Gerade in diesen Passagen hat man den Eindruck, die Autobiografie vor etlichen Jahren schon einmal gelesen zu haben, nur hieß sie damals „Die Blechtrommel”. Man staunt also, wie autobiografisch dieser Jahrhundert-Roman ist ­ und wie eng er nicht nur mit Danzig, sondern auch mit Düsseldorf verbunden ist. Hier endete seine lange Suche nach dem ersten Satz, der Struktur also, die das weite Panorama seiner Geschichte aufschlagen konnte. Die Lösung gab‘s in Düsseldorf, als er seinen psychisch kranken Freund Franz Witte in der Grafenberger „Heil- und Pflegeanstalt” besuchte, jener hermetischen Stätte, aus der Blechtrommler Oskar seine Geschichte erzählt.

Die Düsseldorfer Jahre (1947 bis 1952) sind für Grass Lehrjahre: beim Steinmetz Göbel, später an der Kunstakademie bei Sepp Mages und vor allem Otto Pankok. Das ist alles wichtig - ­ legendär aber bleibt die Düsseldorfer Altstadt- und Jazz-Kneipe „Czikos”. Hier will der Waschbrett-trommelnde Grass sogar mit dem Überraschungsgast „Satchmo” Louis Armstrong musiziert haben. Na ja, so genau weiß es selbst Grass nicht mehr. Aber wer‘s glaubt, wird selig ­ und dieser Zustand schwebender Ungewissheit sei dem Dichter gegönnt. Zumal das glitzernde Trugbild ihm nach eigenem Versichern wichtiger ist als die Ehrung im Namen Nobels, die ihm seitdem „wie eine zusätzliche Berufsbezeichnung anhängt”. Die Leser kennen das „Czikos” aber auch als Zwiebelkeller aus der „Blechtrommel”, wo die Gäste ihre „Unfähigkeit zu trauern” ausgleichen, indem sie sich die geschälte Knolle unters Auge halten.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung der extrem kunstvollen Art. So kehrt man schneller, als einem lieb sein kann, doch wieder zum Kernthema zurück, zumal Grass als Erzählkonzept seiner Autobiografie ausgerechnet die Zwiebel wählte. Die schält er Schicht um Schicht und Kapitel um Kapitel. Bis man mit ihm zum Schluss in Paris anlangt, im feuchten Kellerloch, in dem die „Blechtrommel” entsteht. In Paris trifft der junge, schöpferische, schon kraftvoll auftretende, aber noch unbekannte Grass auf einen anderen Dichter. Der heißt Paul Celan, ist Jude, traumatisiert von der Nazi-Zeit, einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit, 1952, war von ihm, der später seinem Leben selbst ein Ende setzte, die „Todesfuge” erschienen. Aber dann steht zum Ende der Autobiografie dieser lapidare Satz: „In Paris war Paul Celan nicht zu helfen.” Und erneut und unwillkürlich muss man an die Waffen-SS denken, an die ein 17-Jähriger aus Abenteuerlust und Unkenntnis geraten war. Es bleibt dabei: Dieses Buch ist ein deutsches Jahrhundert-Dokument.

Quelle: Rheinische Post

 
weitere Artikel
 
Links zu diesem Artikel
 

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Aktuell bei RP Online
Federn, Pailletten und wehende Röcke

Karneval der Kulturen

Federn, Pailletten und wehende Röcke

Wenn in Berlin Karneval der Kulturen ist, ist der Stadtteil Kreuzberg vor Federn, Pailletten und Röcken noch bunter als sonst. mehr 

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

"Die weiße Wut" - das Buch zur Tea Party

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

Die Journalistin Eva C. Schweitzer hat sich intensiv mit Amerikas Neuer Rechter, der Tea Party auseinandergesetzt. mehr 

mehr Kultur
Aus der Region

"Die weiße Wut" - das Buch zur Tea Party

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

Politische Punktevergabe beim Eurovision Song Contest

Anke Engelke: "Europa beobachtet Dich"

Eurovision Song Contest in Baku

Das sagt das Netz zum ESC

Videos

Video

Grefrather Eisbahn wird zur Filmkulisse

Die Schlittschuhläufer laufen eine Runde nach der anderen. Auf der Außenbahn des Grefrather Eisstadions ist dieses Mal alles etwas anders . ... mehr 

Video

Gefangen im Monster-Stau von Peking

In Chinas Hauptstadt gibt es nicht nur viele Menschen, sondern auch ziemlich viele Autos. Kein Wunder also, dass es dort immer wieder zu ... mehr 

Sehenswerte Bildbände
Cover Michael Thompson Portraits (highres).jpg

US-Fotograf Michael Thompson

Aufregend, exzentrisch, faszinierend

Der weltweit gefeierte amerikanische Fotograf Michael Thompson gewährt dem Betrachter in seinem Bildband "Portraits" enthüllende Einblicke in das Leben von Berühmtheiten wie Julia Roberts, Cate Blanchett, Natalie Portman, Sting, Sean Combs, Rihanna ... mehr

 
lovigin 1.jpg

Die Welt des Fotografen Petr Lovigin

Gummitiere und melancholische Schweine

Wo Badenixen fortgeschrittenen Alters sich eine verbissene Schlacht mit aufblasbaren Gummitieren liefern, wo ein Metzger und sein frisch geschlachtetes Schwein sich einträchtig der Melancholie hingeben, hier ist man angekommen in der magischen Welt ... mehr

 
NYTM_06_full.jpg

"New York Times Magazine"

30 Jahre Spitzenfotografie

Seit über dreißig Jahren arbeitet das "New York Times Magazine" mit führenden Fotografen zusammen, erteilt ihnen Aufträge, animiert sie, die gewohnten Pfade zu verlassen und kreative, denkwürdige Bilder zu schaffen. Ein Bildband zeigt jetzt die ... mehr

Top-Services
Mehr Nachrichten Kultur Buch
Wie-Radikale-Obama-daemonisieren_1_48016.jpg

"Die weiße Wut" - ein Buch über die Tea Party

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

Die Journalistin Eva C. Schweitzer hat sich intensiv mit Amerikas Neuer Rechter, der Tea Party auseinandergesetzt. In ihrem Buch beschreibt sie kenntnisreich, welche Auswüchse das Denken vieler Amerikaner angenommen hat. Von Philipp Stempel  mehr

 
 
 

Northstar heiratet Kyle Jinadu

Erste Schwulen-Ehe in "X-Men"-Comic

 

Iranerin veröffentlicht Buch über ihr Schicksal

Neda Soltani – verwechselt mit einer Toten

 
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind .. mehr 
 
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind ..
mehr 
Karneval der Kulturen in Berlin
Karneval der Kulturen in Berlin
Wenn Berlin zum Karneval der Kulturen lädt ..
mehr 
Roman Lob überzeugt mit schlichten Gesten
Roman Lob überzeugt mit schlichten Gesten
Wie schon Lena vor ihm überzeugte Roman Lob ..
mehr 
ESC 2012: Die zauberhaften Momente der Künstler
ESC 2012: Die zauberhaften Momente der Künstler
Der Eurovision Song Contest 2012 wurde von den ..
mehr 
Eindrücke vom Wave-Gotik-Festival in Leipzig
Eindrücke vom Wave-Gotik-Festival in Leipzig
Das Wave-Gotik-Festival in Leipzig ist ein ..
mehr 
ESC 2012: Lenas seltsames Outfit
ESC 2012: Lenas seltsames Outfit
Beim zweiten Halbfinale des Eurovision Song ..
mehr 
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen
Schweden darf den Eurovision Song Contest 2013 ..
mehr